Hat die Gemeinde Israel ersetzt?

Oder: Was haben Christen mit Juden bzw. mit Israel zu schaffen? In seinem Youtube-Podcast, kürzlich (am 2.10.14) aufgenommen am Dallas Theological Seminary (DTS), hat Darrell Bock zwei weitere Theologen, David Brickner und Mitch Glaser, eingeladen, um mit ihnen über diese wichtige, theologisch relevante Fragestellung zu diskutieren.

Basierend auf zwei Bibelstellen (Lk 13,34-35; Mt 23,39) hält Bock zu Beginn fest, dass die Gemeinde zwar nicht die Juden ersetzt habe, wohl aber, dass die Juden bis zur Rückkehr Jesu verloren sind, wenn sie nicht Jesus Christus als den Messias Gottes annehmen. Daran anschließend verdeutlicht Bock, dass zur Wiederkunft Jesu, die dann lebenden Juden wieder eine Rolle spielen würden, indem sie Jesus (an-)erkennen und ihn als ‚Erstgeburt’ Gottes anbeten werden (Apg 3). Des weiteren sieht Bock in den Kapiteln 9-11 im Römerbrief, dass Israel nur bis zum Tag der Wiederkunft Christi zurückgestellt sei, und verweist dabei als Begründung auf Gottes Treue zu seinen früher gegebenen Versprechen („promises”), gleichzeitig aber auch auf den Umstand, das Juden auch nur durch Glauben gerettet werden. Das bedeutet wiederum, dass eine biologische Abstammung von Abraham nicht bedeutet, dadurch auch Nachkomme Abrahams im Sinne einer damit implizierten „Heilszusage“ zu sein, sondern es wichtig sei, auf die Propheten Gottes zu hören. Die Juden, so Bock, die nicht an Jesus Christus als Erlöser, Gottessohn und Herr glauben, verwerfen demnach Gottes Gesandten; sie haben somit keinen Anteil an den Verheißungen, die Gott Abraham gegeben hat. Sie sind also im Gericht Gottes verloren.

An diesem Punkt steigt Mitch Glaser in das Fachgespräch ein. Er betont das Thema Judenmission, die heutzutage unter Christen kaum noch thematisiert werde oder Berücksichtigung finde: Judenmission hat nach seiner Definition das Ziel, dass Juden Jesus Christus kennen lernen. Er hebt dabei zugleich hervor, dass die Juden keine Vergessenen seien, sondern in Zukunft eine Rolle spielen würden, und es deshalb umso dringlicher sei, dass auch Juden das Evangelium von Christus kennenlernen. Er bedauert zudem, dass es früher eine große Motivation in christlichen Kreisen gab, Juden mit dem Evangelium erreichen zu wollen, diese jedoch im Laufe der letzten Jahre sehr stark zurück gegangen sei, mittlerweile aus verschiedenen Gründen Judenmission sogar vollständig abgelehnt werde.

Brickner stimmt Glasers Analyse prinzipiell zu, widerspricht jedoch in einer Hinsicht. Nach Brickner hat Gott die Juden nicht für eine gewisse Zeit ‚deaktiviert‘, um sie irgendwann später wieder einzusetzen, sondern Gott wolle mit ihnen ‚jetzt’ arbeiten, und deshalb sei es umso wichtiger, Juden mit der Botschaft Christi ‚jetzt’ zu erreichen. Seiner Meinung nach ist es deshalb von großer Bedeutung, sich auf das Wesen des christlichen Glaubens zurückzubesinnen und damit auf das Evangelium selbst, um Juden neu mit der frohen Botschaft vom Heil im Messias Jesus erreichen zu können.

Bock stellt die provokative Frage, ob Israel überhaupt noch benötigt werde, wenn es nicht der Segen war, den es für die Völkerwelt hätte sein sollen, sondern alle alttestamentlichen Prophezeiungen und Verheißungen erst in Jesus wirklich zugänglich würden.

Brickner erwidert, dass es in der Bibel keinen Anlass dazu gäbe, die Prophezeiungen die Gott gegeben hat, als verworfen zu verstehen oder auf die Gemeinde zu beziehen. Eher sei es anders herum: Durch Christus haben Nicht-Juden die Möglichkeit an Gottes Prophezeiungen Anteil zu haben, wie bei einem edlen Ölbaum, bei dem Zweige eines wilden Ölbaumes einpfropft werden. Jedoch wurden gleichzeitig die schlechten Äste herausgeschnitten (Röm 11,17). Schlussendlich argumentiert Brickner ähnlich, wie Bock, dass es für Israel nie durch den Bund mit Abraham die Erlösung gegeben habe, sondern es schon immer darauf ankam, auf den Bund die vor Gott richtige Antwort zu geben. Deshalb sei es wichtig, dass Christen Juden dazu ermutigen, die richtige Antwort zu geben, indem sie ihnen Jesus Christus bekannt machen, der die richtige (Glaubens-)Antwort verkörpert.

Ein Hauptproblem nach Glaser ist allerdings, dass Christen entweder dazu tendieren, Judenmission komplett abzulehnen, oder Juden als Menschen sehen, die das Evangelium nicht bräuchten, um gerettet zu werden. Die erste Gruppe argumentiere, so Glaser, dass es eine Zeit gegeben habe, in der fast ausschließlich Juden gerettet worden seien, weshalb es nur ‚fair’ wäre, dass es ‚nun’ eine Zeit geben könne, in der Juden nicht gerettet werden. Die zweite Gruppe sehe die Juden mehr oder weniger als eine heilsbringende Religion an (z.B. aufgrund der ungebrochenen, bleibenden Erwählung durch Gott), so dass es keinen Bedarf gäbe, Juden zu missionieren, da sie sowieso schon gerettet seien. Glaser appelliert deshalb an seine Zuhörer, aus dem „evangelistischen Schlaf“ aufzuwachen und die Juden nicht aus den Missions- und Evangelisationsbemühungen auszuschließen, wenn es darum gehe, die Nachricht von Jesus Christus bekannt zu machen.

Diesem Aufruf Glasers stimmen auch Brickner und Bock zu, so dass – trotz marginaler Unterschiede in der Argumentation in Einzelfragen – alle drei zur gleichen Schlussfolgerung kommen: Die Gemeinde Jesu hat Israel nicht ersetzt, aber Israel muss trotzdem die Botschaft von Jesus hören und glauben, um das Heil Gottes zu empfangen und dadurch gerettet zu werden (Röm 1,16).

(tk)

Quellen:
Darrel Bocks Facebook-Seite
Video-Podcast

http://youtu.be/X16rU6SKvG8