Fountain of Tears – ein Kunstwerk über die Liebe Jesu Christi zum jüdischen Volk

„Fountain of Tears? Das kenne ich gar nicht! In Israel soll das sein? Ich war schon so oft in Israel, aber nie habe ich von Fountain of Tears oder Rick Wienecke gehört!“ So fiel tatsächlich meine Reaktion aus, als mir meine Freunde und Mitarbeiter vom Beit Sar Shalom Evangeliumsdienst vom Kunstwerk Fountain of Tears erzählten. Mittlerweile habe ich in einigen Gesprächen festgestellt, dass es vielen ähnlich geht wie mir zu diesem Zeitpunkt. So möchte ich in diesem Artikel von Fountain of Tears erzählen, das, meiner Meinung nach, einen enorm wertvollen Beitrag leistet, wenn man sich der Frage nach der Beziehung zwischen dem Juden Jesus von Nazareth und dem jüdischen Volk annähern möchte.

Wir steckten mitten in den Vorbereitungen für unser gemeinsames Projekt: „Gemeinsam nach Auschwitz – eine neue Generation gegen das Vergessen“ – eine Reise zur Gedenkstätte des früheren Konzentrationslagers in Oswiecim für junge Erwachsene aus jüdisch-messianischen und christlichen Gemeinden. Manche aus unserem Team hatten schon auf früheren Reisen nach Israel das Kunstwerk Fountain of Tears besichtigt, das in der Wüstenstadt Arad ausgestellt ist. Dieses Werk, das einen Dialog zwischen dem jüdischen Messias Jesus und seinem im Holocaust leidenden Volk darstellen möchte, hatte sie sehr berührt und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Als sie mitbekamen, dass der Künstler Rick Wienecke sein Werk Fountain of Tears nun auch in der Nähe der Gedenkstätte Auschwitz in Oswiecim ausstellt, schlugen sie vor, einen Besuch der Ausstellung in unser Programm aufzunehmen. Nach ihren Erzählungen war meine Neugier geweckt – wie kann man in einem einzigen Kunstwerk die Beziehung zwischen dem leidenden Jesus Christus und seinem leidenden Volk darstellen, während Fachleute der Theologie, Judaistik, Geschichte und anderen Sparten um Worte und Sinn ringen?

 

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Fountain of Tears in Oswiecim. Den Kern unserer Reise bildete der Besuch in den beiden Gedenkstätten des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz. So besichtigten wir am ersten Tag die Gedenkstätte des Stammlagers sowie die des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Dieser Besuch war für die ganze Gruppe sehr intensiv – auf den Wegen zu laufen, die so viele Häftlinge tagein, tagaus gehen mussten; die Zellen zu besichtigen, in denen Menschen elend verhungerten; den Block für die medizinischen Experimente und den Hof mit der berüchtigten Schwarzen Wand zu sehen; an den Bildern von schier zahllosen Häftlingen und den verbleibenden Dingen ihres alten Lebens vorbeizugehen; und nicht zuletzt durch die Vernichtungsanlage zu laufen, die keines von ihren Opfern je wieder verlassen konnte. Für uns alle war diese Erfahrung sehr bewegend und vor allem verstörend, da in diesem Moment Auschwitz und damit auch der Holocaust vom bloßen Inhalt von Unterricht und Büchern zu brutaler Realität wurde, verknüpft mit zahlreichen Schicksalen.

Am nächsten Tag besuchten wir schließlich die Ausstellung von Fountain of Tears. Unser Termin war für den Abend angesetzt und so versuchten wir, im Dunkeln in unserem Reisebus das Haus zu finden, das Rick Wienecke für diesen Zweck erworben hatte. In einer recht unscheinbaren Nebenstraße von Oswiecim fanden wir schließlich das Grundstück und betraten das hell erleuchtete Haus. Eine sehr freundliche Frau nahm uns in Empfang, die sich als Freundin von Rick Wienecke vorstellte. Sie übernahm die Führungen durch diese Ausstellung, während Rick selbst in Arad war. Als Gruppe wurden wir in die Geschichte des Künstlers und seiner Anliegen mit hineingenommen.

Als junger Mann sei Rick auf der Suche nach Gott gewesen und in den 1970er Jahren nach Israel gereist. Er habe sich zuvor mit der Geschichte des jüdischen Volkes auseinandergesetzt und dabei die Überzeugung gewonnen: „Wenn es einen Gott gibt, dann muss er etwas mit dem jüdischen Volk zu tun haben.“ Damals habe Rick Wienecke tatsächlich in Israel Gott gefunden. Nach seiner Bekehrung blieb er im Land, diente in der Armee und baute sich eine Existenz auf. Er wohnt heute mit seiner Familie in Arad und ist dort als Künstler tätig.

Fountain of Tears

Fountain of Tears ist wohl das größte Kunstwerk, das Rick Wienecke geschaffen hat. Er fühlte sich als Christ, der in Israel lebt, von Gott dazu berufen, künstlerisch einen Dialog zwischen dem jüdischen Messias Jesus Christus und dem jüdischen Volk darzustellen. Aber nicht etwa in irgendeinem Zusammenhang, sondern es sollte ein Dialog sein, der zwischen diesen beiden in ihrer je tiefsten Leiderfahrung stattfinden sollte. So entwarf er ein lebensgroßes Werk, das den in seiner Passion leidenden Jesus und das im Holocaust leidende jüdische Volk zusammenbringt.

Nachdem Fountain of Tears schon einige Jahre in Arad zu besichtigen war, wuchs in Rick Wienecke der Wunsch, die Ausstellung nach Oswiecim zu bringen – in die Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz, das wegen seiner grausamen Geschichte zum Symbol für den Holocaust selbst geworden ist. Nach Jahren des Planens ist dieses Anliegen im April 2019 endlich Wirklichkeit geworden. Nur wenige Minuten Gehweg von der Gedenkstätte entfernt ist das Kunstwerk nun zu besichtigen.

 

Hallway of Questions

Hallway of Questions. Nachdem sie uns die Geschichte des Künstlers und seines Werks nahegebracht hat, führt Rick Wieneckes Bekannte uns durch die Ausstellung. Wir gehen durch einen verdunkelten Gang, der Hallway of Questions genannt wird. Im Abstand von ein paar Metern hängen hier an den schwarzen Wänden silberne Bilder, die das Ringen von Rick Wienecke mit Gott darstellen: Wie soll er als Nicht-Jude, der den zweiten Weltkrieg nicht miterlebt hat, einen Dialog zwischen der Passion Jesu und dem Holocaust des jüdischen Volkes angemessen darstellen können?

Hallway of Questions

Auf den Bildern ist die Entwicklung eines in einen Wüstenboden eingepflanzten Samens zu sehen, der von einzelnen Tränen getränkt wird und schließlich zu einer Pflanze heranwächst, die wiederum Samen freigibt. Unter den Bildern stehen jeweils die Fragen, mit denen Rick Wienecke gerungen hat. Der Besucher kann so den Weg des Künstlers mitgehen, der dessen inneren Prozess darstellt und in der einmaligen Zusage des Gottes Israels endet: „I have a memory of every child, every man, every woman, every train car, every pit, every gas chamber, every cry, every prayer, every tear! You create from my memory, not yours.“

 

Der leidende Jesus und das leidende jüdische Volk

Der Beginn des Leidensweges. Nach dieser berührenden Zusage gelangt der Besucher zu einer lebensgroßen Skulptur von Jesus selbst. Sie stellt dar, wie dieser jüdische Messias am Abend vor seiner Passion im Garten Gethsemani Gott anfleht, den Kelch des Leids an ihm vorübergehen zu lassen (Mt 26,36ff.; Mk 14,32ff.; Lk 22,39ff.). Doch liegt er nicht auf dem Boden, sondern krümmt sich auf einem Berg aus kleineren und größeren Steinbrocken. In der jüdischen Tradition ist es üblich, Steine auf Gräber und an Gedenkorte zu legen, die das Gedenken an die Verstorbenen symbolisieren sollen. Hinter dem leidenden Jesus ragt eine Wand mit Bildern aus dem Holocaust auf. Genauer gesagt sind es Bilder aus dem Warschauer Ghetto (ab 1940), das durch seine Ausmaße den Anfang der professionalisierten und in Massen durchgeführten Vernichtung der europäischen Juden markiert.

Der leidende Jesus fleht Gott an, den Kelch an ihm vorübergehen zu lassen.

Durch die Steine und die Fotografien wird das Anliegen des Kunstwerks auf sehr eindrückliche Art und Weise verdeutlicht: Es geht um einen Dialog zwischen dem Leid, das Jesus am Kreuz ertrug, und seinem im Holocaust leidenden Volk. Genau wie die Menschen auf den Fotografien hat Jesus einen verzweifelten, gequälten Gesichtsausdruck. Mit einer Hand rauft er seine Haare, während er mit der anderen einen gefüllten Kelch umklammert, den er voll Angst anzustarren scheint.

 

Der gekreuzigte Jesus und der Holocaust-Überlebende im Dialog

Fountain of Tears. Nach diesem eindrücklichen Auftakt gelangt man zum eigentlichen Werk: Fountain of Tears. Es handelt sich um eine massive Wand aus Jerusalemstein und erinnert stark an die Klagemauer in Jerusalem. Diese Wand ist durch Säulen aus roten Ziegelsteinen und anderen Steinbrocken in insgesamt sieben Abschnitte unterteilt. In diesen Abschnitten werden künstlerisch die sieben Worte behandelt, die Jesus am Kreuz gesprochen hat (Mt 27,46/Mk 15,34; Lk 23,34.43.46; Joh 19,26-27.28.30). Doch wird dabei nicht bloß der Gekreuzigte dargestellt, der auf besondere Weise aus der Wand herausgearbeitet ist. Sondern ihm gegenüber steht am Boden je die Skulptur eines kahlgeschorenen Mannes, der den berüchtigten Anzug eines KZ-Häftlings trägt. Als Überlebender des Holocaust soll dieser gleichzeitig alle Überlebenden symbolisieren. Die beiden sind einander zugewandt und scheinen miteinander im Dialog zu sein – beide verkörpern in ihrer Mimik und Gestik je das Kreuzeswort in ihrer jeweiligen Situation.

Unablässig laufen Tränen an der Wand hinunter.

Währenddessen laufen an den Steinsäulen, die die sieben Abschnitte voneinander trennen, unablässig Wassertropfen herunter – Tränen. Der Titel Fountain of Tears bezieht sich auf einen Vers aus dem Buch des Propheten Jeremiah: „Wären meine Augen doch Tränenquellen! Ich würde Tag und Nacht die Toten meines Volkes beweinen.“ (Jer 8,23)

 

Die Hand des Kindes greift durch die Tür hindurch nach draußen.

Butterfly. Die nächste Skulptur, die man nach dem Fountain of Tears betrachtet, ist von einem Gedicht inspiriert. Der junge Pavel Friedman hat es geschrieben und zusammen mit anderen seiner Arbeiten versteckt, sodass sie nach dem zweiten Weltkrieg unbeschadet gefunden wurden. Friedman selbst wurde noch im Jahr 1944 in Auschwitz ermordet. Der junge Mann beschreibt, wie er im Ghetto in Theresienstadt in den zwei Jahren, die er dort war, nur einen einzigen Schmetterling gesehen habe – weil diese schönen Tiere sich nicht an solch furchtbaren Orten aufhielten.

Nach dem Holocaust ist neues Leben entstanden.

Die Skulptur stellt ein kleines, kahlgeschorenes Kind in einem Ofen im Krematorium eines Vernichtungslagers dar. Zusammengekauert und scheinbar in völliger Resignation sitzt es dort und lehnt sich an die Innentür des Ofens. Ohne dass das Kind es selbst wahrnehmen würde, greift sein Arm durch die Tür hindurch nach draußen und berührt den Boden auf der anderen Seite der Tür. Neben seiner Hand sitzt ein großer Schmetterling zwischen den Blättern eines Olivenbaums. Hinter dieser Skulptur ragt erneut eine Wand mit Fotografien auf. Doch dieses Mal sind es keine Bilder, die das Leid des jüdischen Volkes darstellen, sondern die die Gründung des Staates Israel verkünden – aus dem Leiden ist eine neue Hoffnung, ja sogar neues Leben hervorgekommen.

 

Jesus Christus und das jüdische Volk haben den Kelch des Leids geleert.

Der Sieg. Schließlich gelangt man zur letzten Skulptur der Ausstellung. Wieder steht der Besucher vor dem Berg aus großen und kleinen Steinen, auf dem der leidende Messias zu Beginn des Weges noch zusammengekrümmt lag. Doch nun bricht Jesus, der noch die Male seiner Kreuzigung trägt, aus diesem Berg von Steinen hervor. Dabei presst er den Holocaust-Überlebenden, der dem Gekreuzigten an der Wand von Fountain of Tears noch gegenüberstand, fest an seine Brust und zieht ihn scheinbar mit aus den Steinen heraus. Er hält ihn ganz fest, während der Mann sich erleichtert an seinen Messias lehnt, nachdem er ihn offensichtlich als solchen erkannt hat. Dabei reckt Jesus den leeren Kelch des Leids, den beide getrunken haben, triumphierend in die Luft. Das Leid ist überstanden, der Tod ist besiegt, neues Leben kann entstehen.

 

Zwischen Jesus Christus und dem jüdischen Volk besteht eine niemals zu trennende Verbindung.

Wladimir Pikman, der der Leiter von Beit Sar Shalom und selbst messianischer Jude ist, hielt am Morgen nach unserem Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz eine Andacht und sprach von dem Moment, als Jesus Christus kurz vor dem Beginn seiner Passion auf Jerusalem herabschaute und um sein Volk weinte. Er stellte fest, dass, wenn man die Liebe dieses jüdischen Messias zu seinem Volk nicht verstünde, man Jesus selbst nicht wirklich verstehen könne. Als wir am Abend dieses Tages Fountain of Tears besuchten, meinte ich, diese Liebe zumindest ansatzweise zu verstehen, diese tiefe und niemals zu trennende Verbindung zwischen Jesus und seinem Volk erahnen zu können. Während die Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel in Theologie, Judaistik und Geschichte vielerorts immer wieder diskutiert und abgewogen wird, wagt Rick Wienecke es mit diesem Kunstwerk, Parallelen zwischen der Geschichte Jesu und der des jüdischen Volkes aufzuzeigen und dabei biblische Aussagen als feststehend darzustellen. Fountain of Tears ist eine Ausstellung, die mehr sagt als tausend Worte und die es vermag, den Besucher heranzuführen an diese tiefe, wenn auch sehr umkämpfte Liebe zwischen Jesus, dem Messias-Christus, und seinem jüdischen Volk.

 

Jesus Christus leidet mit seinem Volk.

 

Für weitere Informationen besuchen Sie die Websites von Rick Wienecke:

https://www.castingseeds.com

https://fountainoftears.org

 

(Bilder privat)

K.Stegemann