Dr. Jürgen Bühler: Das Paradoxe an Israel – Gedanken zu Römer 3

Das Paradoxe an Israel – Gedanken zu Römer 3

Dr. Jürgen Bühler

7. November 2013

 

icejzen_logoJürgen Bühler, ein Deutscher, der seit 1994 in Israel lebt und als Executive Director für die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem (ICEJ) arbeitet, beginnt seinen Vortag mit einem Überblick über die geistliche Situation in der islamischen Welt.

Er berichtet, dass während der Jesaja 62-Gebetsinitiative der ICEJ für eine Erweckung in jedem islamischen Land gebetet wurde, weil man den Eindruck hatte, Gott wolle etwas im Nahen Osten bewegen. Diese Prophezeiung werde nun Wirklichkeit. Bühler führt fort mit Schlaglichtern einzelner Länder, wobei er leider mit Erläuterungen oder Nachweisen spärlich umgeht. Er berichtet von:

  • Tunesien: Kurz nach besagtem Gebet habe es dort einen Aufbruch gegeben.
  • Syrien: In diesem von Krieg geplagten Land, das neben Israel die älteste Kirche der Welt beherbergt, arbeite Gottes Geist wie nie zuvor, obwohl es sich für die schwierigste Zeit für die Christen handelt.
  • Ägypten: Das Land stehe an der Schwelle der Erweckung, weil 15.000 Personen für ihr Land gebetet haben.
  • Irak: Hier passiere ähnliches.
  • Iran: Allein in Teheran würden monatlich 5000 Menschen getauft. Hierauf bricht das Publikum in spontanen Applaus aus. Leider präzisiert Bühler nicht, ob es sich bei den Getauften um Neubekehrte handelt. Er erzählt weiter, wie die Menschen unter Ahmadinedschad nur so in die Kirchen strömten, weil sie dachten „Wenn das Islam ist, werden wir lieber Christen!“
  • Libyen: Laut dem Gebetsführer Operation World von 2000 sei dies das verschlossenste Land der Welt gewesen, mit keinem einzigen Christen. 2012 sollte dann plötzlich für mehr Bibeln gebetet werden, weil sich so viele bekehren. (Anmerkung: Diesen ermutigenden Worten steht der Bericht von Open Doors entgegen, demzufolge viele Christen das Land verlassen haben, weil ihnen düstere Zeiten bevorstehen: http://www.opendoors.de/verfolgung/laenderprofile/libyen/)
Dr. Jürgen Bühler

Dr. Jürgen Bühler

Bühler berichtet weiter von einem prophetischen Wort an die ICEJ laut dem es in den nächsten Jahren in zehn Ländern der arabischen Welt Vertretungen der christlichen Botschaft geben werde. Tatsächlich verfügen ihm zufolge inzwischen Algerien und der Niger über eine solche Botschaft, zu deren Aufgaben laut Website des ICEJ (wo die zwei Länder in der Aufzählung fehlen) das Organisieren von Konferenzen, Gottesdiensten, Seminaren, Pro-Israel-Versammlungen und Veranstaltungen gegen den Antisemitismus gehören. Der oberste Imam des Niger habe laut Bühler geschildert, wie enttäuscht viele dort von den oftmals rassistischen Arabern seien und erkannt haben, dass die Zukunft im Westen und in Israel liege…

Wenn Bühler erzählt, gewinnt man den Eindruck, dass islamische Oberhäupter, Politiker sowie Muslime zusammen mit dem von ihm dargestellten geistlichen Aufbruch plötzlich allesamt eine Pro-Israel-Haltung an den Tag legten. Hier wären nähere Infos hilfreich, zumal beispielsweise im nahe gelegenen Westjordanland dieser Automatismus von Bekehrung zum Christentum und dem Engagement für Israel im Allgemeinen eher nicht zu beobachten sein scheint.

Bevor er zu seinem eigentlichen Thema kommt, spricht Bühler von Prophezeiungen über den Niedergang von Kommunismus und Islam. Die Macht des ersten sei bereits gebrochen und der zweite werde genauso fallen. Dies sind klare Worte, obwohl man angesichts der Tatsache, dass es sich um menschliche (prophetische) Eindrücke handelt, etwas mehr Vorsicht erwarten würde.

Es folgt Bühlers Lektüre von Römer 3,1-12 mit dem Schwerpunkt auf dem scheinbaren Paradox der Verse 2 und 9:
Vers 2: Was haben die Juden für einen Vorzug oder was nützt die Beschneidung? -> Viel in jeder Weise!
Vers 9: Haben wir Juden einen Vorzug? -> Gar keinen.
Jürgen Bühler erzählt von einer Gemeinde, in der die Israel-Fans versuchten, ihren Pastor von der Besonderheit der Juden zu überzeugen, der wiederum betonte, dass Juden wie alle anderen seien, die Jesus Christus brauchen. Beide haben Bühler zufolge Recht, denn genau diese Spannung behandele Römer 3: Welchen Vorteil hat es im Neuen Bund, Jude zu sein, in dem jüdisch Sein eine Frage des Herzens ist?

Zunächst behandelt der Redner die Aussage von Vers 2: Der andauernde Vorzug der Juden bestehe darin, dass sie die Privatsekretäre Gottes seien – ihnen sind die Aussprüche Gottes anvertraut worden. Leider macht Bühler nicht deutlich, ob die Juden diese Rolle der Privatsekretäre immer noch innehaben und wenn ja, worin diese heute bestehen würde. Er betont, dass dem jüdischen Volk Gottes Wort anvertraut wurde, was man auch daran erkenne, dass ausnahmslos alle Autoren der Bibel Juden seien (selbst Lukas). Ohne die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Kulturen sei so manche Bibelstelle nicht zu verstehen.

In diesem Sinne deutet der Redner Offb 22,16 („Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern“) – die (fast) letzten Worte der Bibel – wie folgt: „Jesus möchte uns sagen, dass er Jude ist. Selbst im Himmel bleibt er Jude.“ Die letzte und damit wichtigste Botschaft des Sohnes Gottes an die Welt ist nach Bühler, dass sie ja seine Abstammung und damit das jüdische Volk nie vergessen soll. Das klingt romantisch, doch es ist fragwürdig, ob dies Jesu Intention war und er mit diesen Bezeichnungen nicht vielmehr seine Identität als wahrer Messias und damit Erlöser der Welt bekräftigen wollte.

„Die Juden sind aber doch nicht so heilig wie Paulus tut“ – diese oft gehörte Erwiderung nimmt Bühler nun auf, indem er auf Vers 3 verweist: Nein, sind sie nicht – aber Gott wäre ein Lügner, wenn das Verhalten der Juden seine Verheißungen zunichte machen würde. Die Basis für die Erwählung des jüdischen Volkes lege nicht in dessen Heiligkeit, sondern der Bündnistreue Gottes. Dies zeige sich an dem Bündnisschluss Gottes mit Abraham: Während normalerweise beide Bündnispartner bei Vertragsabschluss durch getötete und zweigeteilte Tiere schritten (was soviel bedeutete wie: „Wenn ich meinen Bund nicht halte, soll es mir ergehen wie diesen Tieren“), ging laut Mose 15,12-17 nur Gott durch die Tierhälften. Abraham schlief. Die Erhaltung des Bundes hängt also nicht von ihm und seinen Nachkommen ab. Damit widersetzt sich Bühler solchen Ersatztheologen, die proklamieren, Gott habe Israels Erwählung wegen dessen Untreue aufgehoben.

Nun folgt die andere Seite. Vor Gott sei ein Jude ein Mensch wie jeder andere. Es gibt eine nationale Berufung des Volkes, aber wenn es eins auf eins geht, gebe es keinen Unterschied zwischen beispielsweise Deutschen und Juden. Gott führe keine Vetternwirtschaft oder bevorzuge einige seiner Kinder, und die Lehre der Sündhaftigkeit des Menschen sei tief im Judentum verankert: Keiner ist gerecht. Das sind wichtige Worte auf einem Kongress, dessen Töne teilweise doch sehr die andere Seite betonen.

Diese Spannweite zwischen dem Geliebtsein um der Väter willen und der Feindschaft um des Evangeliums willen (Röm 11,28) dürfen wir nicht verlieren, schließt Bühler. Das in Römer 3 zum Ausdruck kommende Paradox habe dreierlei Auswirkungen:
1. Es bewahrt vor den Extremen der Ersatztheologie und der Zwei-Bündnis-Lehre (nach der es einen jüdischen und einen christlichen Weg zum Heil gibt).
2. Es hilft, die Rolle Israels zu verstehen: Wir sollen Israel als Augapfel Gottes bedingungslos unterstützen, jedoch nicht all seine politischen Entscheidungen gutheißen. (Was das genau dann heißt, bleibt hier offen.)
3. Es bewahrt uns Christen vor falschen Illusionen bezüglich der Errettung Israels: Jeder muss seine persönliche Entscheidung treffen, um erlöst zu werden – auch die Juden.

Was Bühler mit dem letzten Punkt vor allem angesichts der scheinbaren Errettung ganz Israels (Röm 11,26) impliziert, wird leider nicht deutlich. Doch mit diesem Vortrag legt er am Anfang des Kongresses ein gutes Fundament für den teils so schwierigen Balanceakt zwischen Engagement für das jüdische Volk und der sich zu oft daraus ergebenden Theologie oder Ansätze eines zweiten Heilsweges für die Juden, welcher ohne persönliche Entscheidung auskommt.

(jp)