Das Tel Dan Naturreservat – Natur pur und mitten drin in biblischer Kultur!

Wer zum ersten Mal in seinem Leben Israel bereist, wird schnell feststellen, dass dieses Land nicht nur kulturell viel zu bieten hat, sondern dazu noch mit einer wunderschönen Natur gesegnet ist. Man wird kaum umhinkommen, die vielen Nationalparks zu bemerken, in denen exotische Pflanzen und wilde Bäume wachsen, sich die außergewöhnlichsten Tiere tummeln und die neben den zahlreichen Touristen auch von Israelis immer wieder gerne aufgesucht werden. Einer dieser bemerkenswerten Nationalparks ist das Tel Dan Nature Reserve, das den Besucher nicht nur mit seiner exotischen Natur zu begeistern vermag, sondern auch mit den archäologischen Funden: Vor einigen Jahren wurde hier die antike Stadt Dan gefunden – eine Stadt mit einer reichen Geschichte, die in der Historie des Volkes Israel keine unwichtige Rolle spielte.

Der Vorhof am Tor der Stadt Dan

 

Die biblische Geschichte. Die Entstehung der Stadt Dan wird im Buch der Richter in Kapitel 18 beschrieben. Laut diesem Bericht fand die Gründung der Stadt Dan einige Jahrzehnte vor der Regierungszeit des ersten Königs Saul statt: „Und der Stamm der Daniter suchte sich zu der Zeit ein Erbteil, wo sie wohnen könnten; denn es war ihm bis auf den Tag noch kein Erbbesitz zuteilgeworden unter den Stämmen Israels.“ (Ri 18,1) So wurden Kundschafter ausgesandt, die die kanaanitische Stadt Lajisch fanden. Wegen des guten Lebens der Bewohner sagte den israelitischen Kundschaftern dieser Ort mitsamt seiner Umgebung als neue Wohnstätte zu. Gott hatte den Stämmen Israels ja zuvor zugesagt, dass sie das bereits bewohnte Gebiet für sich einnehmen dürften (die sog. Landnahme). Deshalb zogen die Daniter gegen die Bevölkerung in den Krieg, erschlugen alle und verbrannten die Stadt. Aus heutiger Sicht ist dies sicherlich eine recht makabre Episode der Geschichte Israels. Doch muss bedacht werden, dass sie in altorientalischen Zeiten stattfindet, als Gott seinem Volk besondere Vorrechte gewährte, die dieses Vorgehen erlaubte. Nachdem die Daniter das kanaanitische Lajisch zerstört hatten, ließen sie sich dort nieder: „Dann bauten sie die Stadt wieder auf und wohnten darin und nannten sie Dan nach dem Namen ihres Vaters Dan, der dem Israel geboren war.“ (Ri 18,28-29)

Ein Blick auf die Mauern am Tor

Dass diese Stadt keine besonders ruhmreiche Rolle in der Geschichte des Volkes Israel spielen sollte, mag man auch an dem Folgenden erkennen: Die Daniter nahmen auf ihrem Zug gegen die Bewohner Lajischs einen Leviten mit, der als Priester in einem privaten Haushalt eines Israeliten diente, der eine Götzenfigur angefertigt hatte (Ri 17). Später holten die Daniter auch das Götzenbild und der Levit wurde der persönliche Priester der Stadt Dan. Eine letzte Anmerkung sagt, dass dieser Götzendienst nur solange anhielt, wie die Stiftshütte in Silo stand.

Wenige Generationen später wurde hier jedoch erneut Abgötterei getrieben: Nachdem sich unter Rehabeam, dem Sohn Salomos, das Königreich Israel geteilt hatte und Jerobeam I. in der zweiten Hälfte des 10. Jhdt. v.Chr. König über das Nordreich geworden war, verleitete er das Zehn-Stämme-Nordreich Israels zum Götzendienst. Um zu verhindern, dass die Israeliten zur Anbetung JHWHs nach Jerusalem ins Südreich zögen, stellte Jerobeam ein goldenes Kalb in Bethel auf und eines in Dan. Dieser Bundesbruch der Israeliten in Verbindung mit der Stadt Dan dauerte an, bis im Jahr 722 v.Chr. das Nordreich Israel zerstört wurde.

Ein Sitz für einen hochgestellten Mann am Tor der Stadt Dan

 

Ausgrabungen. Über viele Jahrhunderte war die Stadt Dan nur noch ihrem Namen nach bekannt. Im Jahr 1838 entdeckte schließlich der Theologe Edward Robinson (1794-1863) die Stadt Dan wieder. Erst ein knappes Jahrhundert später kam es jedoch zu Ausgrabungen, die neue Erkenntnisse ans Licht brachten: 1966 begann ein Team von Archäologen unter dem Professor Avraham Biran, die Stätte zu erkunden. So entdeckten sie mit der Zeit u.a. einen Tempel, ein Stadttor und einen öffentlichen Platz.

Ausgrabungen der Stadt Dan

Wiederum 27 Jahre später wurde bei weiteren archäologischen Ausgrabungen ein Basaltblock gefunden, der die sog. Tel Dan-Inschrift trägt und unter Gelehrten und Experten für viel Aufsehen sorgte, weil diese durchaus Verknüpfungen zu biblischen Inhalten zulässt. In den folgenden zwei Jahren wurden zwei weitere Stücke geborgen, die mit dem ersten Artefakt zu einem Stein zusammengefügt werden konnten. Immer noch fehlen wichtige Teile, um die Inschrift komplett lesen und so einem Kontext zuordnen zu können. Doch gibt es in den vorhandenen Schriftteilen u.a. einen Hinweis auf „das Haus Davids“. Außerdem werden der Name Hadad sowie zwei Könige erwähnt, deren Namen möglicherweise mit den biblischen Herrschern Joram und Ahas übereinstimmen. Auch wenn kein kompletter Konsens unter den Wissenschaftlern herrscht, so sind sie sich dennoch soweit einig, dass die Tel-Dan-Inschrift auf die zweite Hälfte des 9. Jhdt. v.Chr. datiert werden kann. Wir dürfen gespannt sein, was durch weitere Ausgrabungen noch ans Licht gebracht werden wird. Vielleicht kann sogar das Rätsel um die Inschrift endgültig gelöst werden.

Der Weg von der Stadt zur Kultstätte

 

Der Nationalpark. Das Tel Dan Nature Reserve liegt am Fuße des 2814 Meter hohen Berges Hermon, der an der Grenze Israels zu Syrien und Libanon liegt. Durch die Beschaffung dieses eindrucksvollen Berges kann er hohe Mengen an Niederschlag sammeln. Dies ist ein Grund, warum am Hermon viele Quellen entspringen. Die wohl bekanntesten sind die drei Quellen des Jordan: Hasbani, Banyas und Dan.

Ein Blick auf den Jordan

Der Fluss Dan verläuft quer durch das Naturreservat Tel Dan, das im Jahr 1966 gegründet wurde. Hier gibt es drei ausgewiesene Routen, auf denen der Park erkundet werden kann. Folgt man der längsten Route, wird man vorbeigeführt am Fluss Dan mit seinen zahlreichen Armen und gelangt zum sogenannten israelitischen Tor. Dieser antike Eingang in die Stadt kann auf die Zeit des ersten Tempels datiert werden. Etwas weiter nördlich stößt der Besucher auf das kanaanitische Tor. Dieser alte Einlass versetzt so manchen Archäologiefan ins Staunen, denn dieses Tor, das auch als das Tor Abrahams bekannt ist, stammt aus dem 18. Jhdt. v.Chr. Dies ist eines der wenigen Tore aus jener Epoche, die noch vollständig erhalten sind.

Folgt man dem Pfad durch das israelitische Tor, findet man sich in den ausgegrabenen Fundamenten der antiken Stadt Dan wieder. Nur wenige hundert Meter von dem antiken Dan entfernt befindet sich die frühere Kultstätte mit einem noch erhaltenen Altar aus der Zeit Jerobeams I. (930-908 v.Chr.). Anscheinend wurde dieses Höhenheiligtum bis in die hellenistische Zeit hinein genutzt, wie archäologische Funde belegen.

Der Naturpark hält noch viele andere Sehenswürdigkeiten bereit, so etwa die Quelle des Dan selbst, den „Garten Eden“, eine kleine, traumhafte Halbinsel innerhalb des Naturreservats, oder auch den sog. Pistachio Aussichtspunkt, der nach der atlantischen Pistazie benannt ist, die dort wächst. Von hier aus kann man nicht nur das ganze Reservat überblicken, sondern sogar einen Blick auf das Hula-Tal, das Naphtali-Gebirge, den Berg Hermon und die Golan-Höhen erhaschen.

Ein Blick auf die Nimrod-Festung vor dem wolkenverhangenen Hermon

Im nahegelegenen Kibbuz Dan gibt es ein Museum, in dem sich der interessierte Besucher ausführlich über die Flora und Fauna des Naturreservats erkundigen kann. Auch gibt es hier zahlreiche Informationen über die historische Stadt Dan und ihre fast 5000-jährige Geschichte mit all ihren Entwicklungen.

Im Tel Dan Nature Reserve kann der Besucher also nicht nur die faszinierende Natur Israels bewundern, sondern auch in die Jahrtausende alte Geschichte einer Stadt eintauchen, die ein bedeutender Zeuge des Geschicks des Volkes Israel wurde.

Die Jordanquelle

 

KStegemann