Mehr als nur Hummus

 

Was ich diesen Sommer in Israel erlebt habe.

Im vergangenen Winter erfuhr ich zum ersten Mal von der Sommeruniversität in Beerscheba (Israel). Zwei Kommilitonen aus jeweils höheren Jahrgängen berichteten mir von den tollen Erfahrungen, die sie dort gemacht hatten. Ab diesem Moment wollte ich alles daransetzen, ebenfalls nach Israel zu reisen. Also erzählte ich meiner Familie und Freunden von dem Vorhaben und bewarb mich beim Institut für Israelogie. Als das Stipendium tatsächlich mir zugesprochen wurde, war die Freude dementsprechend groß!

Der intensive Hebräisch-Sprachkurs, genannt “Ulpan”, ging über die gesamten sechs Wochen meines Aufenthaltes. Ohne jegliche Vorkenntnisse begann ich mit dem Unterricht. Wir lernten das Aleph-Bet und bauten Tag für Tag, Woche für Woche auf unserem ständig wachsenden Vokabular auf. Bald schon führten wir kleine Konversationen auf einer uns eben noch völlig unbekannten Sprache. Die Hausaufgaben und sporadischen Tests halfen dabei, zu sehen, in welchen Bereichen man sich schwertat. Meine Lehrerin war die wohl Beste der gesamten Universität! Sie verstand es, uns den Lernstoff mit viel Spaß und Interaktion beizubringen. Ihr israelisches Temperament vertrieb jede Müdigkeit. Leider war der Aleph-Sprachkurs, gerade als ich begann mich verständigen zu können, auch schon wieder vorbei. Womöglich sollte ich schnellstmöglich zurückkehren und in den Bet-Kurs einsteigen.

 

Tatsächlich macht das Hebräisch-Lernen den größten Teil der Sommeruni aus. Die Kontaktzeit und der eigene Arbeitsaufwand ließen einen so manches Mal ins Schwitzen kommen (unabhängig von den hervorragend funktionierenden Klimaanlagen). Aufgrund dessen war das weitere Programm, wie die Dozentenvorträge über Politik, Gesellschaft, Geschichte und Religion, sowie die Tagesausflüge an verschiedene Orte z.B. in der Negev Wüste, nach Tel Aviv und Jerusalem optional. Ich persönlich nahm an vielen der Angebote teil. Es war interessant, das Land theoretisch wie auch praktisch besser kennenzulernen.

Genau aus diesem Grund war ich ja dort! Ich wollte mir ein eigenes Bild von Land und Leuten machen, eintauchen in das Leben und dabei Erfahrungen sammeln, die mir beim Bilden einer Meinung zu den unterschiedlichen Themen rund um Israel helfen würden. Ich freundete mich schnell mit meinen Deutschen sowie internationalen Kommilitonen an. Zusammen erlebten und teilten wir diese prägende Zeit. Jeder brachte eigene Erwartungen mit und betrachtete die Dinge aus einer ganz persönlicher Perspektive. Wir tauschten uns aus und forderten uns gegenseitig in unserem Denken heraus.

Mit dreien von ihnen verbrachte ich ein Wochenende in Jerusalem. Wir aßen zu Mittag im österreichischen Hospiz gleich neben der Via Dolorosa. Zum Schabbatbeginn, sobald die ersten drei Sterne am Himmel zu sehen waren, besichtigten wir die Klagemauer, beteten und stürzten uns ins freudige Getümmel der Juden. Ein trüber Schatten prägte zugleich diese schöne Erinnerung, denn am selben Tag wurde ein Araber in der Altstadt erschossen, als er einen Polizisten angriff. Dadurch mussten viele Bereiche abgesperrt werden. Diese und andere Vorfälle kommen bedauerlicherweise nicht selten vor. Dennoch fühlte ich mich als Besucher in Israel recht sicher. Anderen ging es ähnlich.

Am meisten genoss ich persönlich den Kontakt zu und die Freundschaften mit israelischen Studierenden. An einem Tag machten wir einen gemeinsamen Ausflug in die Natur, schliefen unter dem Sternenhimmel und blickten die ganze Nacht nach oben, wo uns ein Meteoritenschauer faszinierte. Wir besuchten außerdem die Stadt Akko im Norden Israels, und ich sprang zusammen mit einheimischen palästinensischen Kindern von einer Mauer zehn Meter tief ins Hafenbecken. Außerdem wurde ich auf eine säkulare jüdisch-traditionelle Hochzeit in der Nähe Jerusalems eingeladen, mit Segenssprüchen und dem Glaszertreten und Mazel Tov und Technomusik und allem Drum und Dran.

 

Das wertvollste Erlebnis waren dennoch die beiden Tage, die ich mit einem Kumpel in Ramallah verbrachte. Israelis dürfen das Westjordanland nicht besuchen, geschweige denn den Gazastreifen. Das Risiko von Gewalt gegen Juden ist zu groß.

Als deutscher Student samt gültigen Reisepass und Visum war die Grenzüberschreitung durch die berühmte Mauer Palästinas jedoch kein Problem. Wir unterhielten uns mit den Einwohnern, traten an das Grab Arafats und besichtigten das nach ihm benannte Museum. Die Menschen sind überaus freundlich und offen mit uns umgegangen. Beim Thema Politik und Israel hätten die Meinungen jedoch nicht unterschiedlicher sein können im Vergleich zu dem, was wir die ganzen Wochen zuvor auf der anderen Seite der Mauer an der Universität gehört und anderswo erlebt hatten. Eine Lösung des brisanten Konflikts zwischen Juden und Palästinensern gibt es bislang noch nicht. Das und vieles mehr durfte ich dankbarerweise diesen Sommer in Israel verstehen lernen und als Impulse zum Weiterdenken schließlich nach Hause ins friedliche Deutschland mitnehmen.

 

Philip Quast

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