Tradition verpflichtet – Der Rabbiner

 

Neue Synagoge Berlin

Seit 1999 können sich Absolventen Jüdischer Studien in Berlin am Abraham-Geiger-Kolleg zum Rabbiner ausbilden lassen. Etwa drei Absolventen werden jährlich nach der insgesamt fünfjährigen Ausbildung verabschiedet. Doch was verbirgt sich im 21. Jahrhundert hinter diesem Amt eines Rabbiners? Um darauf eine Antwort geben zu können, muss ein Blick in die Vergangenheit vorausgeschickt werden:

„Rabbi“ kommt von hebräisch „rab“, „groß“, „von hohem Rang“ und bezeichnete ursprünglich kein Berufsbild, sondern eine respektvolle Anrede, im Sinne von „mein Meister“. Noch vor der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. wurden neben den Priestern Männer eigens für die Thora-Auslegung und Richterdienste eingesetzt. Durch Handauflegung vom Synhedrion (hebräisch סנהדרין Sanhedrin – Hoher Rat) ordiniert, wurde aus der Anrede bald ein offizieller Titel. Als der Opferdienst im Tempel nicht mehr ausgeübt werden konnte, verschwand damit auch der Priesterstand. Die Gelehrten, die Rabbis oder Rabbiner, blieben – als Laien. Sie wurden als authentische Führer angesehen, mussten aber ihren Lebensunterhalt anders bestreiten: „Hervorragend ist das Studium der Thora zusammen mit profaner Beschäftigung“, heißt es in der Mischna. Als sie und der Talmud entstanden, geschah das, modern ausgedrückt, nebenberuflich. Spätestens seit dieser Zeit sprechen wir daher auch vom „rabbinischen Judentum“, das erhebliche Unterschiede und Modifikationen aufweist im Vergleich zum „biblischen“ Judentum. Letzteres kennt man aus dem Tanach (das Alte Testament).

Tefillin (Gebetsriemen) mit Gebetsbüchern

Im Mittelalter machte sich eine deutliche Entwicklung bemerkbar: So war es ab ca. 1000 n. Chr. nun die jüdische Gemeinde selbst, die den Rabbiner  mit der richterlichen und geistlichen Führung beauftragte. Bald darauf folgte auch ein offizielles Gehalt für seine Dienste, das von der Gemeinschaft gestellt wurde. In den großen Städten Europas wurden Schüler bei einem einzelnen Rabbi ausgebildet, um den Dienst zu schützen. Der Rabbiner bekleidete nun ein Amt, einen richtigen Beruf. Kulturelle Autonomie zeichnete die damaligen Gemeinden aus: vom Schulwesen über Wohlfahrt bis hin zu zivilen Angelegenheiten entschieden sie selbst – unter dem Rat des Rabbiners. Im Judentum unterliegen sämtliche Bereiche des Lebens dem Wort Gottes, insbesondere der Tora. Deswegen hat der, der dieses Wort auszulegen versteht, viele Funktionen auf einmal, die aber immer etwas mit der ursprünglichen Richterfunktion zu tun haben: „Jore, jore, jadin, jadin“ – lehre und entscheide, heißt es heute im Rabbinatsdiplom. Um das bewältigen zu können, sind Kenntnisse der rabbinischen Traditionen und Kommentare im Talmud bzw. in der Mischna (Hallachah und Aggadah) unerlässlich. Wir haben es daher heutzutage, wenn wir beispielsweise den Dialog suchen, mehrheitlich mit einem rabbinisch-talmudischen Judentum zu tun.

In der Neuzeit wurde dieser Weg, die inneren Angelegenheiten zu regeln, nicht mehr von der staatlichen Obrigkeit anerkannt – und die Juden im Zuge der Emanzipation mit in den Staat einbezogen. Je nach Gesetzesregelung war der Rabbiner mal Privatangestellter, mal Staatsbeamter.  Der Weg in die Wissenschaft öffnete sich, zumindest in dem Sinne, dass jüdische Gelehrte zu Forschern ihrer eigenen Religion wurden. Staatliche Hochschulen haben erst im 20. Jahrhundert jüdische Fakultäten eingerichtet, und so übernahmen die intellektuellen Juden die Gründung solcher Anstalten selbst. Hier wurde moderne akademische Bildung betrieben und die Rabbiner von morgen systematisch ausgebildet. Die Seminare wurden mit den verschiedenen Strömungen im Judentum identifiziert. Die im 18. Jahrhundert gegründeten Institutionen in Cincinnati/ Ohio (liberal) und das Jewish Theological Seminary in New York (konservativ) sind heute die größten Rabbinerseminare.

Jude zu sein, bedeutet, in allen Lebensbereichen Jude zu sein- Haus und Alltag sind inbegriffen. Unter dem freien Zugang zur Gesellschaft und den damit verbundenen vielfältigen Einflüssen galt es, sich umso mehr mit den jüdischen Sitten und Lehren auszukennen. War von alters her das ganze Leben von der Tora bestimmt, zeichnete sich eine Verlagerung des Religiösen ins Private ab: Eine Ehe zu schließen war beispielweise bald offizielle staatliche Angelegenheit, der kulturelle, zeremonielle Aspekt subjektiv betrachtet eine persönliche Entscheidung. Das gesamte Vorgehen des Rabbiners musste weiterhin mit dem Religionsgesetz völlig übereinstimmen. Wie kann das Judentum im Wandel der Zeiten selbstständig bleiben? Der Rabbi hatte die Tradition zu schützen, ja, sogar für diese zu werben. Denn ihm zu gehorchen, ist immer eine freiwillige Angelegenheit. Dazu muss man wissen: das Judentum ist eine dialogische Religion. Das typische Wechselgespräch wird angewandt, um ethische Entscheidungen zu treffen. Nur so konnte der soziale und geistliche Zusammenhalt bewahrt werden, meint der Religionswissenschaftler Jakob Petuchowsky.

Und heute? Die an den Rabbi herangetragenen Fragen sind vielschichtiger denn je. So müssen auch Kenntnisse aus anderen Disziplinen eingebunden werden, neben Theologie auch die Philosophie und Pädagogik. Aber immer geht es um die zu bewahrende Tradition, aus der der Rabbiner eine bestimmte Richtung der Auslegung vertritt. Nicht weisungsgebunden unterliegt er allein den verbindlichen Schriften. Das Aufgabengebiet des Rabbis hat zwar weiterhin den traditionellen Aspekt des Richtens und Lehrens über Ritual und Praxis inne, doch kommen weitere Gesichtspunkte hinzu: Die Seelsorge und der Predigtdienst, um nur die wichtigsten zu nennen.

Synagoge in Lučenec (Slowakai)

Jüdische Seelsorge muss an dieser Stelle erklärt werden, da Seelsorge ein eher christlich konnotierter Begriff ist. Sie hat speziell damit zu tun, dem Nächsten nahe zu sein, Verantwortung für ihn zu übernehmen und ist Auftrag an jeden: „Zur Rede sollst du stellen deinen Nächsten, dass du nicht seinetwegen Sünde tragest“ (Lev 19,17). Der Rabbi ist gewissermaßen Repräsentant seiner Religion. Deswegen muss besonders er sich sorgen um den Einzelnen in seiner Gemeinde, muss ihm auf Fragen zum Leben die Antworten aus dem Judentum heraus liefern. Seitdem sich der jüdische Mensch jederzeit auch anders orientieren kann, ist es als Rabbiner wichtig, Präsenz zu zeigen. In ihrer heutigen Ausbildung besuchen die Rabbis deswegen vorbereitend auch Krankenhäuser, Hospize, Gefängnisse und militärische Einrichtungen. Weiterhin gilt ja, dass der Rabbi keine Priesterfunktion innehat. Er ist kein Mittler zwischen dem Laien und Gott, er ist selber Laie. Vielmehr ist er Vermittler der göttlichen Lehre. Er soll zu ihr und durch sie zu Gott hinführen.

Stellt in einem protestantischen Gottesdienst die Predigt das Hauptelement dar, ist das in einem jüdischen Gottesdienst nicht der Fall. Hier stehen das Gebet und die Schriftlesung im Vordergrund, weshalb nicht der Rabbiner, sondern der Kantor, der Vorbeter, eine tragende Rolle übernimmt. Streng genommen kann der Gottesdienst auch stattfinden, wenn zehn erwachsene Männer anwesend sind, denn die Hierarchie aus Priesterzeiten, in der das Volk auf Distanz blieb, ist längst vorbei. Die Predigt gewinnt aber in moderner Zeit immer mehr an Bedeutung- und für sie ist der Rabbi verantwortlich. Vieles muss der Gemeinde vermittelt werden, von der Bedeutung der Feiertage bis hin zur  Offenlegung kontroverser Themen. Außerdem handelt es sich vielfach sogar um den einzigen Teil des Gottesdienstes, den die Teilnehmer verstehen, denn nicht alle sprechen Hebräisch. Die Jüdische Identität kann dadurch verständlich zur Sprache gebracht werden.

Synagoge in Oregon (Portland)

Moderne Arbeitsverträge und das Mitspracherecht von übergemeindlichen Gremien runden das Bild eines Rabbis aus dem 21. Jahrhundert ab. Er vertritt seine Religion in Öffentlichkeit und in den Medien. Auch Frauen werden seit ca. 45 Jahren meist im liberalen, reformorientierten, weniger im konservativen Judentum zum Rabbinat zugelassen. Inzwischen ist die Hälfte der Studierenden an Rabbinerschulen weiblich- und immer noch gibt es kritische Stimmen, die behaupten, die Frauen seien nur dort, um einen Rabbiner zu heiraten. In Deutschland ist sogar dokumentiert, dass „Fräulein Rabbiner Regina Jonas“, wie man sie auch nannte, bereits 1935 zur Rabbinerin ordiniert worden war. 1902 in Berlin geboren, wurde sie 1942 von den Nazis nach Theresienstadt deportiert und starb 1944 in Auschwitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet sie in Vergessenheit.

Ein jüdischer Rabbi zu sein bedeutet, eine vielfältige und verantwortungsvolle Position auszuüben – der jüdischen Tradition verpflichtet.

(ae)

 
Verwendete Literatur:

Dienemann, Max, Der Rabbiner, in: Der Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland 9/2, 1933, 85-98

Frizzell, Lawrence E., Rab/Rabbi/Rabban/Rabbiner, in: TRE 28, Berlin 1997, 80-82

Homolka, Walter, Der moderne Rabbiner. Ein Rollenbild im Wandel, Berlin 2012

Jacobs, Martin, Wilke, Carsten u.a., Rabbi (Rabban, Rabbinen, Rav), Rabbiner, in: RGG 4, Tübingen 2004, 2-5

Pfaffenholz, Alfred, Was macht der Rabbiner den ganzen Tag. Das Judentum, München 1998

Stemberger, Günter, Rabbinische Literatur, in: RGG 4, Tübingen, 5-10

Swarensky, Manfred, Seelsorge heute: Der Großstadt-Rabbiner, in: Der Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland 12/2, 1936, 53-57

http://www.zentrum-juedische-studien.de/institution/abraham-geiger-kolleg/, aufgerufen am 01.08.2017

http://www.tagesspiegel.de/wissen/die-geschichte-der-rabbinerinnen-schon-die-idee-einer-frau-im-amt/10260586.html, aufgerufen am 22.08.2017