Israelbericht – Roland Franz

 

Ein großer Traum ging für mich und meine Frau, Tirza, in Erfüllung als wir am 01. August 2016 auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv ausstiegen. Wir waren angekommen im Land der Bibel, dem Land dessen Geographie, Umwelt, Geschichte und Sprache ich die letzten fünf Jahre im Theologie Studium auf besondere Art und Weise kennengelernt hatte.

Bereits im Flugzeug lernten wir die ersten Israelis kennen und waren schnell in einer lebhaften Diskussion vertieft. Unser neuer Freund und seine Frau waren säkulare Juden aus Tel Aviv, die herzlich wenig mit den orthodox religiösen Juden anfangen konnten. Neben diesen spannungsvollem innerisraelischen Thema bekamen wir auch mitgeteilt, dass wir z.B. unbedingt den Erosionskrater Machtesch Ramon aufsuchen sollten, dessen Weite und verschiedenen Farben unglaublich schön sein sollten. Unsere 7 Wochen in Israel hatten sehr gut angefangen…

Der Traum zusammen nach Israel zu reisen war durch unser gemeinsames Interesse für das Land entstanden. Tirza hatte ihr Außlandsjahr in Israel verbracht und dadurch das Land kennen- und lieben gelernt. Ich kannte Israel in der Theorie durch das Studium der Theologie, aber wollte schon seit langem dieses Land auch selber einmal aufsuchen, um ein praktisches Gefühl und Verständnis für das Leben dort zu bekommen. Wir hatten von einem 2-wöchigen Urlaub in Israel geträumt, aber als ich tatsächlich das Stipendium gewann, wurden daraus dank des Israelinstitutes 7 Wochen inklusive Sprachstudiums.

Der erste bleibende Eindruck entstand als wir auf unseren Zug warteten mit dem wir nach Beer Sheva fahren wollten. Wohin man auch schaute, standen überall verteilt junge Soldaten und Soldatinnen, häufig ausgestattet mit schweren Sturmgewehren. Für niemanden außer uns schien dass etwas Besonderes zu sein und auch wir sollten uns sehr schnell an dieses Stadtbild gewöhnen.

In Beer Sheva lebten wir nicht als Touristen, sondern als Studenten und hatten dadurch viel stärker als sonst die Möglichkeit wirklich das Land und die Israelis kennenzulernen. Unterrichtet wurden wir von einer aus Jerusalem stammenden orthodoxen Lehrerin, die von Anfang an streng nach dem Motto „raq iwrit“ lehrte. Was so viel bedeutet wie „nur hebräisch“. Sie verwendete kein Englisch oder Deutsch was zunächst eine echte Herausforderung war, aber letztlich zu schnellen Lernfortschritten führte. Der Sprachkurs fand immer vormittags statt. Nachmittags gab es die Möglichkeit Vorträge zu besuchen, die  ein vielfältiges Programm über z.B. die deutsch-israelischen Beziehungen, den Palästina Konflikt, Archäologie u.a. Themen boten.  In der großen Bibliothek lernten wir zusammen mit den Studenten der Ben Gurion Universität und haben sehr viel Hilfsbereitschaft und Interesse seitens der israelischen Studierenden erfahren. Interessanterweise kamen viele Studenten aus Tel Aviv und Jerusalem nach Beer Sheva, weil die Universitätsgemeinschaft dort intensiver gelebt werde, andrerseits wollten die meisten jugendlichen aus Beer Sheva nach Tel Aviv, der kulturellen Hauptstadt des Landes.

Die Ben Gurion Universität verdankt ihren Namen dem ersten Ministerpräsidenten des Landes, dem Mann der 1948 die Unabhängigkeitserklärung Israels verkündigt hatte. Nicht umsonst ist er zu einer überaus wichtigen Identifikationsfigur für das ganze Land bis heute geworden. An einer Wand der Universität war folgendes Zitat von ihm abgedruckt:

„Die größte Herausforderung für Israel in unser Generation ist es, durch die Kraft der Wissenschaft und des Pioniergeistes, die großen Weiten des Südens und des Negevs bewohnbar zu machen.“

Der größte Teil der Landfläche Israel befindet sich im Süden. Dort wo bekanntlich die Negev Wüste ist. Das große Ziel die Wüste urbar zu machen, hat in Israel dazu geführt, dass ein enormes Know-How im Bereich der Wüstenlandwirtschaft entstanden ist. Weltweit kommen Studenten, vor allem aus anderen Wüstenländern, nach Israel, um dort zu lernen, wie die Wüste bewirtschaftet werden kann. Ben Gurion lebte nach seiner Pensionierung in dem Kibbuz Sede Boker in der Wüste und ließ sich ganz bewusst dort zusammen mit seiner Frau begraben, um Israelis zu motivieren weiter daran zu arbeiten die Wüste nutzbar zu machen.

Im Rahmen einer Exkursion besichtigten wir die Ruinen der alten Nabatäer Stadt Avdat mitten im Negev. In dieser Stadt lebten einmal bis zu ca. 10.000 Menschen, was für die damalige Zeit und Wüstenlage der Stadt eine enorme Anzahl darstellte. Verteilt in der Stadt gab es zahlreiche Zisternen in denen das Trinkwasser der Stadt gespeichert wurde. In der Wüste regnet es bekanntlich sehr selten. Wenn es aber regnet dann meistens sturzbachartig. Um das Wasser in den Zisternen zu speichern reinigten die Nabatäer, die Dächer, Straßen und Zuläufe zu den Zisternen zur Regenzeit, damit das Wasser möglichst unverschmutzt gespeichert werden konnte. Zur Verwunderung der Archäologen gab es in der Stadt auch eine große Kelterei. Wozu brauchte man aber eine Kelterei mitten in der Wüste? Woher hatten sie die Weintrauben? Einige Zeit später entdeckte man, dass es den Nabatäern möglich gewesen war außerhalb der Stadt durch ein ausgeklügeltes Damm und Zisternensystem Landwirtschaft zu betreiben. Mitten in der Wüste bauten sie Getreide, Wein u.a. Nahrungsmittel an, die ihnen das Leben dort ermöglichten. Inspiriert von den Nabatäern haben auch die Israelis wieder angefangen unweit der alten Nabatäer Stadt Wein anzubauen. Bevor die Stadt 636 n. Chr. durch die Muslime eingenommen worden war gab es dort auch schon eine lebendige christliche Gemeinschaft. Zwei große Kirchen wurden innerhalb der Stadt gebaut. Noch heute ist dort ein kreuzförmiges Taufbecken zu finden, nach der Art wie es z.B. auch in Ephesus besichtigt werden kann.

Es ist inspirierend und herausfordernd zugleich zu sehen, wie die Nabatäer damals und die Juden heute es schaffen unter den schwierigsten Bedingungen Leben möglich zu machen. Des Weiteren gewinnt das Element Wasser aus der Perspektive der Wüste einen ganz neuen Stellenwert. Es ist Leben, der Grund warum irgendetwas grün ist und lebt. Es ist alles andere als selbstverständlich und nicht unbegrenzt verfügbar, wie es in Deutschland wahrgenommen wird.

Zu sehen wie in der Wüste, stellenweise, Leben entsteht, vertrocknete staubige Erde wieder blüht, erinnert an die Verheißung Gottes, dass er bei seinem Kommen die Wüste vollkommen zu einem blühenden, wasserreichen Ort umwandeln wird (Jes 35,1ff.) und lässt auf eine große Zukunft hoffen.

Mein kurzer Reisbericht endet in Jerusalem, dieser religiös polarisierten Stadt. Sobald man die Stadt betritt, prägen orthodoxe Juden das öffentliche Geschehen. Es sind die schwarzen Anzüge, die verschiedenen Hütte, Bärte, Schläfenlocken und Kippas, die einem unweigerlich ins Auge stechen. Der Kleidungsstil entspringt der Mode Europas aus dem 18 Jh. und wurde von den orthodoxen Juden bis heute konserviert.  An der Klagemauer stehen sie zu hunderten und beten leidenschaftlich zu Gott. Nur einige Meter entfernt von der Al-Aksa-Moschee. Leider gelingt das oft nicht friedlich. Auf dem Tempelberg erlebten wir eine heftige, teils kämpferische Auseinandersetzung zwischen einer größeren, äußerst aufgebrachten Gruppe von Muslimen mit orthodoxen Juden, die die Moslems dadurch provozierten, dass sie auf dem Tempelberg für die Errichtung des jüdischen Tempels beteten.

Es ist traurig zu sehen, wie die Menschen im Namen der Religion aufeinander losgehen ohne dazu in der Lage zu sein in einen friedlichen Dialog miteinander zu treten, der zu einem für alle gewinnbringenden Kompromiss führen könnte. Die radikalen Positionen auf beiden Seiten verhindern jeglichen Fortschritt und führen dazu, dass viele junge Juden mit Religion und Glaube nichts mehr zu tun haben wollen. Es bleibt zu hoffen und zu beten, dass dieser überaus tiefe und zerstörerische Konflikt zwischen den Arabern und Juden einmal wirklich beigelegt werden kann.

Angesichts dieser tiefen Konflikte wird umso deutlicher, wie wichtig es ist die eigene Weltanschauung und Glaubensüberzeugungen kritisch zu reflektieren. Zu welcher Handlungsweise führt mich meine Weltanschauung? Ist es auf der Basis meiner Weltanschauung möglich Frieden zu schaffen oder führt es mich immer wieder in Hass und Konflikte?

Die 7 Wochen in Israel waren für uns eine unglaublich schöne Zeit mit vielen neuen Erkenntnissen, tollen Erlebnissen und bleibenden Erfahrungen, aber auch neuen Fragen. Die Chance Israel im Rahmen des Sommer Programms kennenzulernen sollte niemand links liegen lassen.

(rf)