1917-2017: Hundert Jahre Balfour-Erklärung

 

Am 9. November kann man sich viele geschichtsträchtige Ereignisse in Erinnerung rufen, beispielsweise die Novemberpogrome von 1938, als in der sogenannten „Reichskristallnacht“ systematische und brutale Ausschreitungen gegen Juden stattfanden, oder den Jahrestag des Mauerfalls 1989. Ein anderes Geschehen mit weitreichenden Auswirkungen ereignete sich vor genau 100 Jahren: Die Balfour-Deklaration wurde von der Presse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es handelt sich bei der Erklärung um einen neunzeiligen Brief des damaligen britischen Außenministers Arthur James Balfour an den Zionisten Lionel Walter Rothschild.

Der Brief umfasst im Original nur neun Zeilen.

Nach Balfour wurden in den folgenden Jahren zahlreiche jüdische Kinder benannt, Straßennamen halten bis heute die Erinnerung an ihn wach. Das Jüdische Lexikon, Auflage 1930, erklärt den Staatsmann und Philosophen zum „wahren Freund des jüdischen Volkes“. Eine ganz andere Auffassung zeigte sich in der letzten Woche, als Menschen aus London, Palästina oder Israel zu Kundgebungen zusammenkamen oder Kunstaktionen eröffneten, um ihrer Kritik an der Deklaration und deren Folgen Raum zu verschaffen. Zeitungen berichteten indes über die Balfour-Erklärung als Same des Nahostkonflikts. Wie können so wenige Zeilen eines kurzen Briefes weltweit dermaßen kontroverse Reaktionen hervorrufen?

 Um die Divergenz einordnen zu können, muss man zunächst wissen, worum es geht: Mitten im Ersten Weltkrieg setzt Balfour ein Schreiben auf, in dem er zum einen den Anspruch der Juden, genauer der Zionisten, auf eine nationale Heimstätte („national home“) anerkennt. Zum anderen macht er deutlich, dass dadurch die Rechte der in Palästina lebenden Menschen bewahrt bleiben und der politische und rechtliche Status der Juden in den verschiedenen Ländern der Welt nicht belangt werden darf. Als der Brief eine Woche später veröffentlicht wurde, war die Resonanz in der jüdischen Gemeinschaft gewaltig: Die Zionisten[1] sahen ihre Forderungen nach einem Zweinationalitätenstaat in Palästina unter Gleichberechtigung beider Völker, Araber und Juden, endlich ernst genommen. Vor allem in den USA, aber auch unter der französischen und italienischen Regierung fanden sie Unterstützer und Fürsprecher. Jedoch vor allem das Reformjudentum, wo das Judentum ausschließlich als Religionsgemeinschaft verstanden wird, lehnt den Zionismus ab – damit also die Idee der nationalen Heimstätte.

Der Davidstern ist als Emblem auf der Nationalflagge Israels zu sehen.

Was Balfour als Sympathiebekundung formulierte, ohne jegliche rechtliche Verbindlichkeit oder Zusagen, ohne klare Aussage darüber, was eigentlich in dem Zusammenhang mit „a national home“ gemeint ist und welche zionistischen Bestrebungen er überhaupt anspricht, wurde wenige Jahre später konkret eingeleitet: 1920 übertrug der Völkerbund das Mandat über Palästina an Großbritannien. Damit sollte die Mitwirkung an der Umsetzung dessen, was man in der Balfour-Erklärung versprochen sah, geregelt werden. Zusammengefasst lässt sich für die nächsten Jahre festhalten: Die vermehrte, aber zahlenmäßig eher geringe Einwanderung durch Juden setzte ein, die Araber übten den Aufstand. Bis heute bleibt der Konflikt ungelöst, dessen Analysen Bibliotheken füllen.

Heute befassen sich Historiker vermehrt mit der Motivation der Briten: Machtdrang und politisches Kalkül[2] in der vom Krieg geprägten Zeit geben Anlass, die Balfour-Deklaration nicht vorrangig als Anstoß für die israelische Staatsgründung 1948 zu sehen, sondern als „Trick, der zur Katastrophe führte“.[3] Auch die Frage, wie die damaligen Medien die Rezeption der Erklärung geprägt haben, ist heute ein weites Forschungsfeld.[4] Ein großes Echo auf den 100jährigen Brief. Was davon zum Frieden beitragen kann, bleibt offen.

AE

 
  • [1] Der Zionismus kann als Reformbewegung innerhalb des Judentums im 19. Jahrhundert verstanden werden. Theodor Herzl als führende Persönlichkeit formulierte als wichtigste Ziele des Zionismus sowohl die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina als auch Hinwendung zu den spirituellen Wurzeln.
  • [2] Dazu mehr unter http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29312
  • [3] https://www.welt.de/geschichte/article170244665/Das-doppelte-Spiel-der-Briten-im-Nahen-Osten.html
  • [4] Siehe dazu Brockhaus, Monika, „Ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung“: die Balfour-Deklaration in der veröffentlichten Meinung, Frankfurt a. Main 2011