„Sein Blut über uns und unsere Kinder“ – Jüdische Alleinverantwortung für Jesu Tod?

 

Sind die Juden schuld an Jesu Kreuzigung? Trägt das Volk Israel die primäre Verantwortung für Christi Tod? Viele Christen scheinen – so bereits einige Quellen aus der frühesten Christenheit – das zu glauben. Doch wie beantwortet das Zeugnis der Apostel und Evangelisten im Neuen Testament diese Fragen?

Das Gespräch zwischen und die Begegnung von Juden und Christen sind seit jeher überschattet von einer tief verwurzelten Feindseligkeit. Bereits kurz nach 70 n. Chr. wird dieses Misstrauen z.B. im jüdischen „Achtzehn-Bitten-Gebet“ gegen Christen ausgedrückt, und in ähnlichen Schriften nicht viel später veröffentlicht von Christen gegen Juden. Immer wieder werfen Christen seitdem ihren jüdischen Gesprächspartnern vor, das jüdische Volk sei für die Ermordung des Sohnes Gottes verantwortlich. Und umgekehrt wurden Christen von Juden diffamiert. Eine unsäglich traurige Geschichte spiegelt sich darin, die bekanntermaßen für Juden schließlich nach dem Bar Kochba-Aufstand (135 n. Chr.) insgesamt ziemlich schlecht ausging.

Die Klagemauer, Symbol des Judentums und der Bitte um Schuldvergebung in einem

Die Klagemauer, Symbol des Judentums und der Bitte um Schuldvergebung in einem

Mit der sich ausbreitenden Dominanz der (Welt-)Kirche bzw. des Christentums im römischen Reich (nach 325 n. Chr.) und in den Zeitepochen danach wurden Juden auch gesellschaftlich zunehmend stigmatisiert und in Ghettos verdrängt. In den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden war zudem die Be-schuldigung der Juden, „Christusmörder“ zu sein, oft eine Wurzel zur Legitimierung antisemitischer Gewalttaten (obwohl der prinzipielle Anti-semitismus bereits vor-christliche, also auch schon in der Antike verwurzelte Gründe hatte). Ob frühchristliche Verfolgungswellen, mittelalterliche Pogrome oder nationalsozialistische Massenmorde – im Hintergrund galt immer auch, ausgesprochen oder unausgesprochen, das Prinzip der „Vergeltung“ für die Tötung des Erlösers Christus.

Die Argumentation dazu klingt – oberflächlich betrachtet – einleuchtend: Beispielsweise in Matthäus 27,25 steht, dass die Juden die Verantwortung für Jesu Tod auf sich nahmen. Wenn sie also ihren Messias verworfen und getötet haben, ist es dann nicht – so dachten viele – folgerichtig, dass sie unter Gottes Gericht und Fluch stehen? Und weiter: Wenn Gott die Juden verflucht hat, ist es dann nicht zugleich folgerichtig, wenn Christen sich ebenfalls gegen die Juden richteten? Sofern man diesem Gedankengang zustimmt, wäre praktizierter Antisemitismus die einzig mögliche und auch voll christlich legitimierte Haltung den Juden gegenüber.

Doch ist diese Bibelstelle hier wirklich richtig ausgelegt? Wie ist Matthäus 27,25 zu verstehen: „Da antwortete das ganze Volk und sprach: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«“?

Nach Arnulf H. Baumann sprechen gute Gründe gegen eine Interpretation dieses Verses als „Selbstverfluchung für alle Zeiten“:

Dieser Ausspruch galt selbstverständlich nur für die damals unmittelbar Beteiligten; sie wollten den römischen Statthalter Pilatus zur Hinrichtung Jesu überreden, indem sie die Verantwortung auf sich – inklusive ihrer Angehörigen – nahmen.

– Ein bleibendes Prinzip der Bibel ist, dass jeder Mensch für seine eigene Schuld verantwortlich ist, nicht aber für die Schuld seiner Vorfahren (5. Mose 24,16). Die seitdem und auch heute lebenden Juden als Juden haben keinerlei Schuld am Tod Jesu.

– Dieser Ausspruch kann Gott nicht zwingen, die Sprecher und ihre Nachkommen auf ewig zu verfluchen; denn gerade das Wort vom Kreuz Jesu ist es doch, das bestätigt, dass die Versöhnung allen Menschen gilt, „die da glauben, Juden zuerst und dann auch den Heiden“ (Röm. 1,16).

Nach den Aussagen des Neuen Testaments gibt es also keinerlei Anhaltspunkte, die Juden pauschal als schuldig am Tod Jesu Christi zu verurteilen, jedenfalls nicht mehr als dass alle Menschen aller Völker gleichermaßen vor Gott „schuldig“ sind (vgl. Röm. 3,9-26; Joh. 1,29).

Das Kreuz Jesu Christi dient der Versöhnung aller Menschen - Juden wie Heiden

Das Kreuz Jesu Christi dient der Versöhnung aller Menschen – Juden wie Heiden

Auch die Evangelien halten fest, dass einige jüdische Gruppierungen Jesu Tod wollten – aber ebenso stellen sie fest, dass Gott selbst Jesu Tod wollte! Das stellvertretende Leiden Christi für die Sünden aller Menschen war Gottes eigener Ratschluss, Plan und Wille (Paulus fasst diesen Gedanken gut zusammen, z.B. in Phil. 2,6-11). Die menschliche Schuld darf man also keineswegs allein bei den Juden suchen – auch die römischen Machthaber haben sich schuldig gemacht, die heidnischen Soldaten, die Jesus zur Kreuzigung abführten, und sogar die Jünger Jesu, die ihn im Stich ließen, verrieten (Judas) und verleugneten (Petrus). Und letztlich sind „wir alle“ Schuld am Kreuzestod Jesu, weil er nach Gottes Plan stellvertretend zur Sühne für „uns alle“ starb, ja, zur Versöhnung „für uns alle“ – Jude oder Heide – sterben musste.

Wer ist schuld am Tod Jesu? Letztlich jeder Mensch. Keine Einzelperson, keine Gruppe von Menschen ist allein verantwortlich für Jesu Leiden und Sterben, sondern alle gemeinsam, Juden wie Heiden. Ob Hohepriester, Volk, Statthalter, Soldaten oder Jünger – alle tragen ihre Schuld; und, wie Paul Gerhardt dichtete, auch letztlich „ich, ich und meine Sünden“. Die Sünde jedes einzelnen Menschen war der Grund für Jesus, ans Kreuz zu gehen – so ist jeder Mensch mitschuldig an Christi Leiden; jeder, ob Jude oder Nichtjude, ist sozusagen ein „Christusmörder“.

Es ist deshalb völlig falsch und mit nichts zu rechtfertigen, dass von allen Schuldigen an Jesu Tod „nur“ die Juden für verantwortlich erklärt wurden und werden. Mit dieser Erkenntnis in die Wahrheit der „Theologie vom Kreuz“ müssen Christen Ernst machen, in Wort und Tat, in Theologie, Predigt und Seelsorge, wenn der jüdisch-christliche Dialog eine Gesprächsbasis haben soll.

sg

Weiterführende Infos: Baumann, Arnulf H. (Hg.): Was jeder vom Judentum wissen muß, Gütersloh 1983

Bilder: gemeinfrei (pixabay.com)