Grundströmungen im Judentum

 

Schon zu Jesu Zeiten war das Judentum keine Einheitsgröße. Damals gab es Auseinandersetzungen zwischen bestimmten Gruppierungen, hauptsächlich zwischen den Pharisäern und Sadduzäern. Wir sprechen in der theologischen Forschung beispielsweise von „Judentümern“ vor 70 n.Chr. (vgl. F. Avemarie, Bund und Tora (1996) usw.), also von unterschiedlichen Spielarten des Jüdischen, die zeitgleich existierten, und es nicht nur eine Form des Judentums gab.

Die Bima (Podium) in einer Synagoge

Auch heute gibt es verschiedene Richtungen innerhalb des Judentums. Neben religiösen gibt es auch atheistische Juden, die sich aus der fortlaufenden Entwicklung des liberalen Judentums herausgebildet haben. Sie lesen den Tanach (Altes Testament) nur als Buch ihrer nationalen Geschichte und fühlen sich trotzdem dem jüdischen Volke eng angebunden. Dieses andere Verständnis des Jüdischseins hängt auch damit zusammen, wie das „Jude-Sein“ für diese Personen ganz grundsätzlich definiert wird, ethnisch/ ethnologisch oder religiös. Viele Juden bestimmen ihr Jude-Sein heutzutage ethnologisch, d.h. von der Abstammung ihrer Mutter, ihrer Vorfahren herkommend, kaum jedoch noch durch religiös-biblische Bezüge. Andere demgegenüber halten daran fest, dass Jude-Sein ohne Gottesbezug zum Gott des Tanach (Altes Testament) letztlich nicht ausreichend sei.

Im Folgenden soll es allerdings nicht um weitere Erklärungen dieser Gruppen von Juden gehen, sondern um einen kurzen Überblick über die Geschichte und die Überzeugungen der drei Hauptströmungen des religiösen Judentums: Orthodoxes, Liberales und Konservatives Judentum.

Geschichtliche Entwicklung

Die Entstehung der aktuellen Grundströmungen des Judentums lässt sich in erster Linie auf die Aufklärung im 18. Jahrhundert in Europa zurückführen. Die in der Aufklärung basierte Emanzipation (rechtliche Gleichstellung) brachte die Möglichkeit der Teilhabe und Teilnahme am europäischen Leben für die zuvor in ein intellektuelles und soziales Ghetto gedrängten Juden mit sich. Durch diesen Prozess setzte eine Anpassung der Juden an die Gesellschaft, in der sie lebten, ein (Assimilation). Die Einheit der Juden wurde von außen, wie auch von innen in Frage gestellt. In der Folge der Weiterentwicklungen im jüdischen Lager bildeten sich zwei Hauptstränge des Jüdischen heraus: das Orthodoxe und das Liberale Judentum. Etwas später trat als Konsequenz dieser Spaltung eine dritte Gruppierung auf, die sich zwischen dem Orthodoxen und Liberalen Judentum ansiedeln wollte: Das Konservative Judentum.

Orthodoxes Judentum

Orthodoxe Juden auf einem Friedhof am beten.

Um sich von dem Zeitgeist der Aufklärung abzugrenzen, betonten einige Juden die exakte Einhaltung gemäß den Vorschriften der Tora und des Talmuds. Sie erkennen damals wie heute die geschriebene sowie die mündliche Tora als von Gott geoffenbarte Wahrheit an. Der Schulchan Aruch, eine Zusammenfassung religiöser Vorschriften des Judentums, stellt für sie Handbuch und Leitfaden fürs Leben dar. Die Vorstellung, die religiösen Überlieferungen an die heutige Zeit anpassen zu müssen, lehnen sie strikt ab. Sie übertragen vielmehr die Gesetze direkt in das heutige Leben. Beispielsweise werden nun aus dem Verbot, am Sabbat ein Feuer zu entfachen, Schlüsse in das heutige Alltagsleben gezogen. Dadurch wird unter anderem das Autofahren verboten, da im Motor Treibstoff verbrannt wird. Im gleichen Kontext wird das betätigen eines Lichtschalters verboten, da die Glühbirne Licht und Wärme spendet, was gemäß der Halacha (gesetzlicher Teil der jüdischen Überlieferungen) als „Feuer“ betrachtet wird und das betätigen des Lichtschalters somit sogar dem „Anzünden“ gleichkommt. Auch das Öffnen von Kühlschranktüren ist verboten, wenn dabei wie üblicherweise ein Licht angeht.

Ein weiterer Grundsatz des orthodoxen Judentums ist der feste Glaube an das Kommen eines Messias, der sein Volk erlösen und nach Jesaja 2,4 die anderen Völker dazu bringen wird, Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Rebmessern zu schmieden. Er soll sein Volk ins verheißene Land führen, Israel als Nation wiederherstellen und den Tempel auf dem Tempelberg mit seinem Opferkult und Priesterdienst neu errichten. Einige betrachten den Zionismus mit Begeisterung und sehen ihn als die einzige Möglichkeit der Vorbereitung auf das Kommen des Messias an. Andere bewerten Entwicklungen solcher Art sehr kritisch. Sie vertreten die Annahme, dass der kommende Messias zu seiner Zeit alles selbst wiederherstellen wird.

Im orthodoxen Judentum wird die Geschlechtertrennung in der Synagoge eingehalten; in diesem Beispiel in Form einer „Frauenempore“.

Sie glauben an die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung des Körpers. Das Leben nach dem Tod schafft einen Ausgleich zu dem Leben vor dem Tod, das aus Trübsal und Prüfungen besteht. Je nach Verdienst wird man dann entsprechend belohnt oder bestraft.

Das orthodoxe Judentum stellt die wohl bekannteste jüdische Gruppe dar, die auch noch wiederum radikalisierte Auswüchse kennt, wie z.B. das Ultra-orthodoxe Judentum (charetisch – Charedim חֲרֵדִים – z.B. Me’a Sche‘arim in Jerusalem). Durch traditionelle Kleidung sind sie leicht von den anderen abzugrenzen. Ultraorthodoxe Juden gibt es sowohl unter den aschkenasischen wie unter den sephardischen Juden[1]. Sie lehnen mehrheitlich den Zionismus ab, wie auch überwiegend den säkularen Staat Israel, da ihrer Überzeug nach nur der Messias einen jüdischen Staat errichten darf (siehe oben).

Liberales Judentum

Zurück zur Aufklärung: Durch verschiedene, kulturell bedingte Einflüsse des Denkens kam es im anderen Lager, dem heutigen „Liberalen Judentum“ bzw. „Reformjudentum“, zu einer Hinterfragung und Überprüfung des rabbinischen Judentums. Es galt, die Lehren und selbstverständliche religiöse und kultische Gepflogenheiten zu hinterfragen und – wo dies notwendig erachtet wurde – in der Praxis zu modifizieren. Änderungen werden als notwendig angesehen, um die traditionelle Praxis mit der jeweiligen aktuellen Situation in Einklang zu bringen. Die erhaltene Offenbarung Gottes am Sinai durch die Tora wird nicht als ein einmaliger Akt und ein alles andere ausschließendes Ereignis gedeutet. Stattdessen wird von einer fortschreitenden Offenbarung ausgegangen. Das Ereignis am Sinai sei lediglich der Anfang eines reichen Erbes religiöser Erfahrungen gewesen, welches sich durch das Streben der Menschen nach dem Erkennen des Willen Gottes in der Geschichte verändere, anpasse und weiterentwickele. Dadurch wird eingefordert, dass dies auch fortan zu geschehen habe.

Kern der liberalen Überzeugung ist dabei die Einstellung zu jener Offenbarung am Sinai. Im Gegensatz zur Sichtweise des orthodoxen Judentums, dass die am Sinai empfangene Tora absolut autoritativ den Willen Gottes darstelle und die Geschichte deshalb keinen verändernden Einfluss darauf ausüben kann und soll, ist das liberale Judentum der Meinung, dass es sich bei der Tora zwar um einen autoritativen Text und um das Wort Gottes handele, das allerdings von Menschen verfasst worden ist und somit Irrtümer und Fehler enthält, weshalb die Lehrsätze und Traditionen im Lauf der Geschichte zum Teil erhalten, aber auch weiterentwickelt und revidiert werden müssen. Aus dieser Begründung heraus wird an der historisch-kritischen Bibel-Forschung teilgenommen.

Was machen die liberalen Juden in ihrem Alltagsleben nun anders im Vergleich zu den orthodoxen Juden?

In Gottesdiensten der Reformsynagogen fallen unter anderem der Gebrauch von Musikinstrumenten, das Beten in der Landessprache und die regelmäßige Predigt auf. Frauen wird eine größere Rolle im Gottesdienst eingeräumt, es werden sogar Rabbinerinnen ernannt. Die Speisevorschriften gelten nicht als verpflichtend mit der Auswirkung, dass sie im Allgemeinen nicht beachtet werden. Es werden hauptsächlich die ethische Mission und die ethischen Lehren Israels betont. Es geht um den Geist des Gesetzes und nicht um die Befolgung jedes einzelnen Buchstabens. Im Gegensatz zum orthodoxen Judentum vertreten Reformjuden nicht den Glauben an einen Messias aus dem Hause Davids, sondern den Glauben an eine messianische Zeit der Menschheit. Israel soll dabei als Vorbild die Völker auf den Weg zu Brüderlichkeit und Frieden führen. Wie im orthodoxen Judentum ist die Beziehung zum Zionismus ebenfalls ambivalent. Es steht dem Einzelnen frei, ob er an den Zionismus und den Wiederaufbau des Staates Israels (als Erfüllung biblischer Verheißungen – Wiederherstellung Israels) glauben möchte oder nicht. Früher hielt man einige Zeit das Reformjudentum für völlig unvereinbar mit dem Zionismus, heute kommen allerdings viele treue Anhänger explizit aus den Reihen der Reformjuden.

Den leiblichen Auferstehungsgedanken haben die liberalen Juden verworfen und betonen stattdessen die Unsterblichkeit der Seele.

Konservatives Judentum

Die Anfänge des konservativen Judentums werden auf den aus Prag stammenden Dresdner Oberrabbiner Zacharias Frankel (1801-1875) und dessen Gründung des jüdisch-theologischen Seminars von Breslau mit einigen gemäßigten Reform-Juden im Jahre 1854 zurückgeführt. Das Seminar bestand bis 1938.

Das konservative Judentum positioniert sich mittig zwischen Reform- und Orthodoxem Judentum. Betont werden die jüdische Volksgemeinschaft und der Erhalt der reichhaltigen Traditionen des Judentums. Dabei wird eingesehen, dass sich das Judentum im Laufe der Jahrhunderte mit seinen Gesetzen und Institutionen entwickelt hat, ja, weiterentwickeln und anpassen musste. Gleichzeitig wird allerdings der prinzipielle Eingriff in die jüdische Tradition abgelehnt. Im Gegensatz zum Reformjudentum bewahren sie die hebräische Sprache im Gottesdienst und setzen sich auch sonst dafür ein, die Halacha traditionell beizubehalten. Abgrenzend zum Orthodoxen Judentum wird trotzdem versucht, die Gesetze, sofern es nötig ist, ins heutige Leben zu übertragen. Etwas kritisch betrachten die konservativen Juden dabei die Liberalen Juden als von dem jüdischen Erbe zu weit abgerückt zu sein und versuchen stattdessen, einen guten Mittelweg zu finden.

Gehäkelte Kippot (Plural von Kippa) stehen für das konservative Judentum.

An der historisch-kritischen Forschung der Traditionsdokumente wird teilgenommen, da sie den Hintergründen der Entstehung der jüdischen Überlieferung eine zentrale Rolle für eine sinnvolle Übertragung der Lehrsätze in die aktuelle Lebensumwelt einräumen. Trotzdem wird die Tora bei den Gelehrten (nur wenige Gelehrte grenzen sich davon etwas ab) als von Gott gegeben eingeordnet. Die jüdischen Überlieferungen müssen göttlich inspiriert sein, da der jüdische Glaube ansonsten keine Basis habe. Nach ihrer Ansicht geschieht die göttliche Offenbarung im Dialog zwischen Mensch und Gott. Die Schriften stellen die menschliche Antwort auf Gottes Willen dar, sich den Menschen zu offenbaren. Aus dem Grund wenden sie sich gegen die Annahme orthodoxer Juden, dass jedes einzelne Wort unabänderlich sei. Hinzu kommt, dass die Art, in der die Menschen über die Überlieferungen nachdenken, Irrtümer und Gedanken und Vorstellungen enthält, die an die jeweilige Lebensumwelt gebunden sind. Auf dieser Ebene sind Entwicklungen, Modifikationen und Änderungen also auf jeden Fall zu erwarten und umzusetzen. Trotzdem darf der Kern göttlicher Wahrheit, wie bereits erläutert, nicht geleugnet werden.

Stärker als bei den anderen beiden Hauptströmungen fanden und finden sich speziell bei den konservativen Juden Anhänger des Zionismus ein. Dies findet seine Begründung in der Wertschätzung und zentralen Rolle der Gemeinschaft des jüdischen Volkes. Der Zionismus wird dabei als einigendes Band für die Gemeinschaft der Juden hervorgehoben.

Dialog und Zusammenhalt

torah-89074_640Diese kurze Erläuterung zu den Grundströmungen des Judentums soll lediglich für einen groben Einblick in die Vielfalt jüdischer Überzeugungen dienen. So können sich zahlreiche Untergruppierungen der Hauptströmungen auch sehr kontrovers gegenüberstehen. Trotz dieser Unstimmigkeiten innerhalb und außerhalb der Grundströmungen fördern einige Gruppierungen aus unterschiedlichen Richtungen den Dialog und wollen somit den Zusammenhalt und die Gemeinschaft im Judentum stärken, welche, aus Sicht der meisten Juden, die unterschiedlichen Meinungen nicht in den Vordergrund stellen sollten.

Zuletzt: Es gibt noch eine Form des Jude-Seins, die aber selten ernst genommen wird unter Juden, das sog. „Messianische Judentum“. Dieses „Messianische Judentum“, deren Vertreter daran glauben, dass Jesus von Nazareth der Messias und Sohn Gottes gewesen ist, der in der dreieinigen Gemeinschaft des einen Gottes ewig existiert, der gekreuzigt wurde als Sühneopfer, als Sündenlamm für die Welt, der auferstanden ist von den Toten und nun als Gottessohn zur Rechten des Vaters sitzt usw., dieses „Messianische Judentum“ wird von allen anderen genannten Judentümern als un-jüdisch abgelehnt und verworfen.

(st)

 

[1]Aschkenasen und Sefarden sind zwei verschiedene ethnische Gruppen innerhalb des Judentums. Die Bildung dieser zwei Gruppierungen geht bis ins Mittelalter zurück. Aschkenasisches Judentum bildete sich in Frankreich und Deutschland, während sich Sefardisches Judentum in Spanien entwickelte. Durch Verfolgung und der auch damit zusammenhängenden demografischen Entwicklung breitete sich sefardisches Judentum im Mittelmeerraum aus, während aschkenasisches Judentum hauptsächlich in Osteuropa Fuß fasste. Aschkenasische und Sefardische Juden unterscheiden im Wesentlichen unterschiedliche Gottesdientsriten, charakteristische Aussprache der hebräischen Gottesdienstsprache und eine jeweils eigene Umgangssprache (Jiddisch bei den Aschkenasen, und Judenspanisch bei den Sefarden).

 

Quellen:

-       Nachama, Andreas mit Walter Homolka und Hartmut Bomhoff; Basiswissen Judentum; 2015

-       Belford, Lee A.; Einführung in das Judentum; 1967

-       Baumann, Arnulf H. [Hrsg.]; Was jeder vom Judentum wissen muß; 1983

-       http://www.de.chabad.org/parshah/article_cdo/aid/1883298/jewish/Elektrizitt-am-Schabbat.htm

-       http://www.deutschlandradiokultur.de/erklaerreihe-das-konservative-judentum.1079.de.html?dram:article_id=279498

-       http://www.masorti.de/pdf/15_Darkenu_Dt.pdf