Zwischen Russland und Israel – ein Besuch in der jüdischen Gemeinde Halle/Saale

 
Gespräch mit M. Privorozki (3. v. l.) und Rabbi A. Kahanovsky (r.) im Gemeindezentrum der jüdischen Gemeinde Halle/Saale

Gespräch mit M. Privorozki (3. v. l.) und Rabbi A. Kahanovsky (r.)

Die jüdische Gemeinde in Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt) hat eine lange Tradition und eine bewegte Geschichte. Schon seit über 1.000 Jahren ist jüdisches Leben in der Stadt bezeugt. 1703 wurde die erste Synagoge eingeweiht, die 235 Jahre Bestand hatte, bevor sie unter dem NS-Regime zerstört wurde. In dieser Zeit wurde der größte Teil der jüdischen Bevölkerung Halles in Konzentrationslager deportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete sich eine neue Gemeinde, die für zehn Jahre auch Sitz des „Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR“ war. Sie baute sich eine neue Synagoge und wurde zu einer der angesehensten jüdischen Gemeinschaften der DDR. Nach der Wende wuchs die Gemeinde durch Zuzug aus dem ehemaligen Ostblock sprunghaft an. Heute ist die jüdische Gemeinde in Halle mit knapp 600 Mitgliedern eine wichtige und einflussreiche Gemeinschaft orthodoxer Juden in Deutschland.

Am 7. Juni 2015 besuchten wir, eine Gruppe christlicher Theologiestudenten aus Gießen, die jüdische Gemeinde Halle. Rabbi Alexander Kahanovsky und Vorstandsvorsitzender Max Privorozki stellten uns die Gemeindearbeit vor und beantworteten offen religiöse, gesellschaftliche und politische Fragen.

M. Privorozki (l.) berichtet von der Gemeindearbeit

Eine besondere Rolle in der jüdischen Gemeinde Halle spielt – wie Privorozki betonte – die soziale Hilfstätigkeit. Diakonische Arbeiten – auch in Kooperation mit christlichen und säkularen Organisationen – seien der Gemeinde zunehmend wichtig. Darunter fielen beispielsweise Hilfsangebote für Kinder, Senioren oder Häftlinge. Ebenso wichtig sei es der Gemeinde, das kulturelle jüdische Erbe der Mitglieder zu bewahren. Dies geschehe durch dezidiert kulturelle Veranstaltungen, die häufig Themen rund um das Land Israel zum Inhalt hätten. Rabbi Kahanovsky betonte die Wichtigkeit des Staates Israel für die jüdische Gemeinde als kultureller Bezugspunkt, religiöser Mittelpunkt und ethnischer Ausgangspunkt der Mitglieder.

Im Laufe des Gesprächs sprach der Vorstandsvorsitzende Privorozki auch die Probleme der jüdischen Gemeinschaft in Halle offen an: Überalterung, Sprach- und kulturelle Schwierigkeiten, Antisemitismus.

Knapp zwei Drittel der Mitglieder der jüdischen Gemeinde Halle seien, wie er sagte, über 50 Jahre alt, das Durchschnittsalter liege bei über 60 Jahren. Das jüdische Leben in Halle basiere auf den jüdisch geprägten Familien; allerdings gebe es momentan nur wenig Nachwuchs. Dieses Problem, betonte Privorozki, sei nicht auf Halle beschränkt; in ganz Deutschland verkleinerten sich die jüdischen Gemeinden durch Überalterung. Nur durch Immigration – meist aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion – finde ein gewisser Ausgleich für die demografischen Schwierigkeiten statt.

Die meisten halleschen Juden stammen, so Privorozki weiter, aus Osteuropa. Die Hauptsprache im Synagogengottesdienst sei Russisch. Die sprachlichen und kulturellen Herausforderungen für die neu zugewanderten Familien seien immens, vor allem, weil die ausgeprägt jüdische Identität oft eine vollständige Integration in die deutsche Gesellschaft erschwere.

Zudem seien jüdische Gemeinden in Deutschland zunehmend von Antisemitismus bedroht. Antisemitische Parolen und Grabschändungen auf dem jüdischen Friedhof seien auch in Halle immer öfter zu finden. Diese antijüdische Tendenz verstärke sich zusehends, sowohl auf nationaler wie auch auf lokaler Ebene. Dieses Jahr sah sich die jüdische Gemeinde Halle gezwungen, ihr Budget für Sicherheitsvorkehrungen zu verzehnfachen.

Ingesamt ergab sich für uns also ein zwiespältiges Bild von der Situation jüdischer Gemeinden in Deutschland. Einerseits gibt es nach NS-Regime und DDR – in beiden Systemen wurde die jüdische Religionsausübung stark eingeschränkt – heute wieder blühende jüdische Gemeinschaften im Osten Deutschlands, die ihr kulturelles Erbe bewahren und sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Andererseits wachsen aber auch die antijüdischen Tendenzen in Deutschland, was jüdische Gemeinden vor große Probleme stellt.

Exkursionsleiter Dr. Schnurr (l.) und Dr. Schwarz (r., Leiter des Instituts für Israelogie) in Halle

Der Besuch der jüdischen Gemeinde Halle fand im Rahmen einer Exkursion von Studierenden der Freien Theologischen Hochschule in Gießen statt, die vom Institut für Israelogie mitfinanziert wurde. Der Austausch zwischen orthodoxen Juden und evangelischen Christen war eine große Bereicherung für uns. Besonders beeindruckend war das große wohltätig-soziale Engagement der jüdischen Gemeinde, das sich aus einer tief in der jüdischen Identität verwurzelten Frömmigkeit und einem großen Gottvertrauen speist.

Weitere Informationen über die jüdische Gemeinde Halle können Sie auch hier finden.

(sg)

Quellen:

persönliche Informationen von M. Privorozki und Rabbi A. Kahanovsky

http://www.jghalle.de/wordpress/

Bilder: privat