Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Juden- und Christentum

 

In diesem Beitrag wird es um das Verständnis von Christsein durch die Juden gehen. Ich möchte mich der Frage stellen, wie ein durchschnittlicher Jude heute in Deutschland über seinen Glauben denkt, sodass die Hintergründe dieser Entwicklung und die Parallelen zum Christentum besser verstanden werden können.

Bis 1989, also bevor die Türen für jüdische Personen aus der ehemaligen UdSSR geöffnet wurden, lebten nicht mehr als 30.000 Juden in Deutschland. Bis Ende 1998 kamen weitere 45.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, außerdem ungefähr 40.000 Familienmitglieder aus interkonfessionellen Ehen. Das stellte insgesamt gesehen nur einen kleinen Teil der Juden dar, die umsiedelten, denn bis zu diesem Zeitpunkt immigrierten 800.000 Juden nach Israel und weitere 400.000 in die USA. Den heutigen ca. 108 jüdischen Gemeinden in Deutschland gehören etwa 104.000 Gemeindeglieder an, die 95% der organisierten Juden umfassen. 2012 lebten ungefähr 250.000 Juden in Deutschland, somit ist die Zahl derer, die einer Gemeinde angehören, die Minderheit. Als größte jüdische Gemeinden gelten die in Berlin mit etwa 11.000 Personen, in München mit 8.600 und in Düsseldorf mit 7.100 Mitgliedern.

Da durch den Kommunismus in der UdSSR das Ausüben der jüdischen Religion verboten war, konnten auch die Juden ihren Glauben in dieser Gegend nicht praktizieren. Daraus resultiert die Beobachtung, dass die Minderheit der heutigen deutschen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion einer jüdischen Gemeinde angehört bzw. ihren Glauben den orthodoxen Bestimmungen nach auslebt.

Das Verständnis des Talmuds und der Gelehrten über Personen, die nicht die Möglichkeiten hatten ihren Glauben zu leben, wurde bereits in dem Beitrag ‚Die Tora – ein zumutbares Gesetz?‘ erörtert. Hier möchte ich nur noch einmal kurz die Schwierigkeiten erwähnen. Die Tora sagt: „Wenn Menschen Gebote nicht praktizieren, sollst du deinen Bruder nicht hassen, sondern deinen Bruder zurechtweisen (3Mose 19,17). Auch der große Weise Maimonides unterstreicht diese Aussage ganz ausdrücklich in ‚Hilchot Deot‘ (Kapitel 6, Halcha 7). Was ist aber mit den unwissenden Juden, die mit dem Gesetz nicht vertraut genug sind, wie es häufig Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sind, da sie aufgrund des Kommunismus keine Möglichkeit hatten, die Religion auszuleben. In diesem Fall unterscheidet die Halacha zwei Menschengruppen:

  1. Jemand, der sich freiwillig dazu entscheidet, Gebote nicht zu halten, unabhängig von seiner Motivation – es handelt sich hierbei um den Willen keinen guten Weg zu gehen, gehört zur Personengruppe, die „als Baby von den Nichtjuden gefangen genommen“ angesehen wird. Das heißt, da diese Personen nicht die Möglichkeit hatten, sich mit den Geboten zu beschäftigen und somit unwissend sind, werden sie nur für eine einzige Sünde büßen, so die Interpretation des Talmuds.
  2. Menschen, die die Möglichkeit des Torastudiums hatten, werden dementsprechend zur Rechenschafft gezogen werden.“
 

Das heißt, Juden, die heute in den meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands zu finden sind, sind der Halacha (jüdisches Religionsgesetz) nach, Personen, die nie die Möglichkeit des Torastudiums hatten und demnach nur für eine Sünde büßen müssen. Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hatten nie die Möglichkeit, die Religion zu studieren. Also kann sie der Allmächtige auch nur für eine Sünde bestrafen. Man soll sie zwar auf ihre Sünden aufmerksam machen, wenn sie sich jedoch nicht ändern, so muss man nachsichtig mit ihnen umgehen.

Die soeben erwähnte Personengruppe stellt die Minderheit dar, die noch in eine Synagoge geht, oder einer jüdischen Gemeinde angehört. Bei der Mehrheit der deutschen Juden, die keiner Gemeinde angehört, sieht die Situation nochmal anders aus. Diese sind entweder Atheisten oder verstehen das Judentum rein traditionell bzw. ethnisch (Volkszugehörigkeit) und möchten nur den Familienzusammenhang unterstützen.

In Hesekiel 18,1-2 heißt es: „Des HERRN Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“?“ Vor circa 2500 Jahren hatte Gott eine vertrauliche Unterhaltung mit dem Propheten Hesekiel. Dabei ging es um die Frage nach Verantwortung, Schuld und den Folgen von Schuld. Gott macht Hesekiel deutlich: Jeder Mensch ist für seine eigenen Taten und ihren Folgen selbst verantwortlich. Punkt.

Die Kinder sollen sich nicht mehr rausreden können, so wie es das alte Sprichwort sagt: Der Verzehr der sauren Trauben durch die Väter (und Mütter), welches den Kindern die Zähne stumpf macht, soll nicht mehr gelten. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, selbst dann, wenn man sich als Opfer der Eltern oder eines Regimes versteht.

Die Argumentation, die die Halacha verwendet, scheint mir eher eine Ausrede zu sein. Man sucht einen Ausweg, damit überhaupt noch Juden in deutsche Gemeinden kommen. Man versucht ihnen das Leben möglichst angenehm zu machen, ansonsten bestünde die Gefahr, dass noch mehr Mitglieder einer deutschen jüdischen Gemeinde austreten, oder dieser gar nicht erst beitreten.

Auch kann man die Erfahrung machen, dass wenn man mit deutschen Juden spricht, sie wie folgt argumentieren: „Ich kann das ganze Jahr über machen was ich möchte, Hauptsache ist, dass die Bußgebete an Jom Kippur (Versöhnungstag) mit Ernst gebetet werden.“ Aber genau dieses Phänomen ist gerade das Gegenteil von dem, was die Propheten des Tanachs lehren.

Ich möchte nun versuchen, das hier skizzierte Problem der praktizierten religiösen Frömmigkeit auf das Christentum in unserem Land zu übertragen. Es wäre demnach vergleichbar, wenn wir heute zu Christen aus der ehemaligen DDR oder anderer kommunistischer/ diktatorischer Regime sagen würden: „Es ist wichtig, dass ihr dem christlichen Glauben nach euer Leben führt.“ Unsere Aufgabe wäre es, auch sie auf ihre Sünden aufmerksam zu machen. Sie würden aber – so müsste man es betonen – eine geringere Strafe für ihr Fehlverhalten von Gott bekommen, weil sie durch das politische Regime nicht in der Lage waren, ihren Glauben umzusetzen und auch nicht genügend über das Umsetzen des Glaubens lernen konnten. Es wäre somit auch völlig ausreichend, wenn sie bußfertig am Abendmahl teilnehmen. Wie sie bis zum kommenden Abendmahl ihr Leben gestalten, wäre sekundär.

Allerdings – zumindest aus christlich-theologischer Perspektive – müssten Christen solch ein Vorgehen verneinen und ablehnen, da es nicht das ist, was die Bibel lehrt!

Einige Bibelstellen dazu:

Offenbarung 20, 12: „Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron, und Bücher wurden aufgetan. Und ein andres Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken.“

Matthäus 16, 27: „Denn es wird geschehen, daß der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engel, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.“

1. Korinther 5, 10: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Christen sich bewusst bleiben, dass und wie Christus Jesus uns von aller Sünde befreit hat und wir zusammen mit Ihm aus Glauben unter der Gnade unseren Alltag gestalten können. Gott möchte eine Beziehung mit uns Menschen (vgl. Joh. 3,16). Wir werden keine Ausrede für unser Leben und unsere Taten haben können, wenn wir uns herausreden wollten, wir hätten vom Evangelium usw. nichts gewusst. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich von Gott verändern zu lassen.

 (mr)

    Internet: http://www.bibleinfo.com/de/topics/gericht http://www.tagesspiegel.de/meinung/andere-meinung/gastkommentar-zur-beschneidungsdebatte-danke-deutschland/7160872.html http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Deutschland