RaMbaM – einer der größten jüdischen Gelehrten

 

Rabbi Mosche ben Maimon, auch unter dem Akronym ‚RaMbaM‘ oder unter dem Namen Maimonides bekannt, (*zwischen 1135 und 1138; † 1204) gehört zu den bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters und ist einer der einflussreichsten jüdischen Weisen aller Zeiten. Durch sein breites Wissen in jüdischer Philosophie, Rechtswissenschaften, Astronomie und der Medizin gelang es ihm, in einigen Bereichen neu erworbene Erkenntnisse niederzuschreiben. Seine Hauptwerke waren die Systematisierung des jüdischen Rechts ‚Mischneh Torah‘ und das religionsphilosophische Werk ‚Führer der Unschlüssigen‘. Aufgrund seiner Radikalität waren diese Werke lange Zeit äußerst umstritten gewesen. Weshalb seine Gegner ihn teilweise als häretisch ansahen, hat etwas mit seiner Annahme zu tun, dass er ein Verfechter der Körperlichkeit Gottes war (TRE-GottIII). Rambam betrachtete nicht nur Christen als Ketzer, da diese an die Trinität und Menschwerdung glauben (More 1,50; III, 15). Vielmehr betrachtete er fundamentalistisch-traditionalistische und esoterische (Si’ur Qoma-Esoteriker) Juden (More 1,1-5,51f) als Ketzer. Durch einen kleinen Ausschnitt aus ‚Mischne Tora‘ soll deutlich werden, weshalb ‚RaMbaM‘ von einigen Personen als radikal angesehen wurde.

„Wer sich mit der Tora beschäftigt, um Lohn zu empfangen, oder damit ihn keine Strafe trifft, der beschäftigt sich mit ihr nicht um ihrer selbst willen; wer sich aber mit ihr beschäftigt nicht aus Furcht und nicht des Lohnes wegen, sondern aus Liebe zum Herrn der ganzen Welt, der es uns geboten hat, der beschäftigt sich mit ihr um ihrer selbst willen. Und unsre Weisen sagten: „Immerdar beschäftige sich der Mensch mit der Tora, wenn es auch nicht um ihrer selbst willen ist; denn, wenn es auch zunächst nicht um ihrer selbst willen ist, so kommt er doch dahin, es um ihrer selbst willen zu tun.“ Darum pflegt man bei der Unterweisung der Kinder, der Frauen und der Unwissenden überhaupt, diese den Dienst aus Furcht und um des Lohnes willen zu lehren; erst wenn ihr Verstand reifer wird und sie zu höherer Weisheit gelangen, offenbart man ihnen nach und nach dieses Geheimnis und gewöhnt sie allmählich an diesen Gedanken, bis sie Gott erfassen und erkennen und ihm aus Liebe dienen.“[1]

Durch solche Aussagen von Maimonides wurden bestimmte Personengruppen stückweit naiv dargestellt. Es besteht seiner Aussage nach eine Art Hierarchie des Glaubens, nur wenige Personen erreichen die Stufe der Weisen: „Wer aus Liebe dient, der beschäftigt sich mit der Tora und den Geboten,…weil sie die Wahrheit ist – das Glück aber wird in seiner Fülle kommen. Diese Stufe ist eine sehr hohe Stufe, nicht jeder Weise ist ihrer würdig. Das ist die Stufe Abrahams, unsres Vaters, den der Heilige, gesegnet sei er, seinen Freund nannte,…“[2] Man kann sich vorstellen, dass solch hohe ethische Ansprüche und die Klassifizierung des Glaubens nicht nur positiv bei seinen Mitstreitern ankam. Bei der näheren Beschreibung von ‚More Newuchim‘ werden weitere Gründe für die Ablehnung seiner Lehre aufgeführt.

Maimonides entstammt einer der angesehensten Familien Córdobas (Südspanien). Durch seinen Vater wurde er in die jüdische Lehre unterwiesen, der Richter und Rabbiner in Córdobas gewesen ist. Unterrichtet wurde er auch von arabischen Lehrern in griechisch-arabischer Philosophie und Naturwissenschaften. Nach der Invasion der Almohaden (von arabisch al-muwahhidun, „Bekenner der Einheit Gottes“) im Jahre 1148, floh seine Familie vor dem intoleranten Islam und setzte sich vermutlich 1160 im marokkanischen Fès nieder. Im Jahre 1158 verfasste Rambam eine Einführung in die Grundlagen der Kalenderberechnung und 1159 eine Einführung in die aristotelische Logik. 1165 siedelte sich seine Familie in Jerusalem an, später in Alexandria und schließlich in Fustat, das heute ein Teil von Kairo darstellt. Dort verbrachte Rambam seine letzten Tage bis zu seinem Tod.

Besonders hervorheben möchte ich die Werke ‚Mischne Tora‘ und ‚More Newuchim‘. In der ‚Mischne Tora‘ (Wiederholung der Tora) wird die Tora auf wesentliche Rechtsgrundsätze reduziert. Es gilt als das wichtigste religionsgesetzliche Werk des Maimonides. Es umfasst 14 Bände, die er bis zum Jahre 1180 vollendete. Zu diesem Zeitpunkt existierte bereits das jüdische Religionsgesetz, die Halacha. Diese war äußerst unübersichtlich und über die vielen Bände des Talmuds verstreut. Zudem erscheinen die Texte im Talmud durch viele Zitate, diverse Meinungen und offene Streitfragen überladen. Rambam verwirklicht demgegenüber eine systematische Ordnung für das Religionsgesetz und ließ offene Fragen und ermüdende Diskussionen weg. Somit konnten auch nichtstudierte Personen das Gesetz verstehen. Zweck seiner Ausarbeitung war es die „Wissenschaft des Gesetzes in ihrem wahren Sinne“ wiederzugeben.

‚More Newuchim‘ (Führer der Unschlüssigen) ist das philosophische Hauptwerk des Rabbi Mosche. Es nimmt zu grundlegenden religiösen und philosophischen Fragen Stellung und sollte in erster Linie als Nachweis dienen, dass die jüdische Tradition der Vernunfterkenntnis nicht widerspricht. Das Werk hatte seitdem eine große Auswirkung auf das Denken im Judentum, aber auch christlichen und arabischen Philosophen und Theologen diente es als Richtschnur. Von orthodox jüdischer Seite hingegen wurde sein Werk stark kritisiert, weil Maimonides das Ziel verfolgte die Philosophie des Aristoteles[3] in der griechisch-arabischen Überlieferung miteinander zu verbinden. Von den höheren Kreisen der jüdischen Gesellschaft wurde sein Vorhaben begeistert aufgenommen, wohingegen Juden, die den Mystizismus bevorzugten sich mit Abscheu von seiner Lehre abwandten.[4]

Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse von Maimonides näher beleuchtet.

Die Liebe zu Gott – Mischne Tora[5]

Rabbi Mosche ben Maimon verdeutlicht, dass die Motivation der Werke des Menschen nicht aus Furcht zu Gott getätigt werden dürfen, vielmehr muss es die Liebe sein, die uns treibt. Gott aus Furcht zu dienen, ist nur die erste Stufe der unwissenden Kinder und Hausfrauen, so Rambam, denn erst wenn ihr Verstand reifer geworden ist, können sie ihm aus Liebe dienen. Unsere Motivation darf nicht die Segensbelohnung Gottes in dieser Welt sein oder der Lohn in der zukünftigen Welt. Das Dienen durch Liebe ist eine besondere Stufe, die nicht jeder begreift. Es ist die Stufe Abrahams, denn selbst Gott nannte Abraham seinen Freund. Er vergleicht die Liebe eines Menschen zu Gott mit einer liebeskranken Person, „dessen Sinn nie frei wird von der Liebe zu jener Frau und er ständig von ihr erfüllt ist“.[6] Gerade das Hohelied ist ein Geheimnis für diesen Gedanken der Liebe zu Gott. Ein Mensch vermag, den Heiligen in dem Maß seiner Erkenntnis über ihm zu lieben. Der Erkenntnis nach wird die Liebe geringer oder größer sein. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass sich jeder Jude dem Verstehen und Begreifen Gottes widmet.

Gottes Gegenwart – More Newuchim[7]

Der Mensch verhält sich anders, wenn er alleine zu Hause ist, als wenn er vor einem großen König sitzt. Seine Sprache, sein Ausdruck, sein ganzes Auftreten ist anders. Wenn eine Person menschliche Vollkommenheit als Ziel wählt, und wirklich ein Gottesmann sein will, so soll man sich schon nach dem Erwachen am Morgen bewusst sein, dass der große König, der ihn behütet und ihm stets nahe ist, „größer ist als jeder König von Fleisch und Blut“.[8] „Verstehe es wohl, dass sich das Verhalten von weisen Personen im Verborgenen, mit ihren Frauen und im Badehaus, sich nicht von ihrer Haltung unterscheidet, insoweit sie anderen Menschen offenbar wird. Denn wisse: „Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?“[9] (Jer 23,24). Der Sinn der gesamten Tora ist es, „den verherrlichten und furchtbaren Namen zu fürchten.“[10] Dass das Ziel aus dem Tun erfolgt, entnehme aus dem Wortlaut des Verses: „Wenn du nicht darauf hältst, dass du alle Worte dieses Gesetzes tust, …“ (5Mose 28,58). Dadurch wird verdeutlicht, dass das Ziel aus dem Tun erfolgt, dem Einhalten von Gebot und Verbot. Das Erkennen Gottes geschieht durch das Licht, welches er auf uns ausströmt: „…und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Ps 36,10).

Der Vierellenraum der Halacha – Mischnakommentar[11]

Alles Dasein in dieser Welt hat seine Berechtigung, seinen Zweck und seinen Nutzen, auch wenn wir durch unseren eingeschränkten Verstand nicht alles zuordnen können. So stellt auch ein Handwerker nicht etwas her, ohne sich im Geiste über dessen Sinn und Ziel bewusst zu sein. Ein Schmied zum Beispiel hat keine Säge angefertigt, ohne sich vorher darüber im Klaren gewesen zu sein, was er später damit machen wolle. Als die Weisen zu dieser Erkenntnis kamen, begannen sie alles Daseiende in Gruppen einzuteilen. Bei den verschiedensten Kategorien, die dadurch entstanden, kamen sie zu der Erkenntnis, dass der Sinn von manchen Dingen nur durch prophetischen Geist oder im Sehertum erkannt werden kann, nicht durch wissenschaftliche Erkenntnis. Nun stellt sich die Frage, was der Sinn des Menschen ist, vor allem, weil man den Menschen schwer einer Kategorie zuordnen kann, da er sehr viele verschiedene Handlungen vollbringt. Der Logik der Weisen nach, kann der Sinn des Menschen demnach nicht einfach im Dasein liegen, er muss zu etwas Höherem geschaffen worden sein. Das Ziel des Menschen ist es nicht, wie es die Vernunft lehrt, „daß es Wahn und Lüge wäre, zu glauben, es sei das Ziel des Menschen, zu essen, zu trinken, sich zu paaren oder eine Mauer zu bauen oder König zu sein.“[12] Bevor der Mensch Erkenntnis hat, gleicht er einem Tier. Er unterscheidet sich von den übrigen Lebewesen nur darin, dass er einen Geist hat. Der Sinn des Menschen ist es „…sich zu vergegenwärtigen und die Wahrheit zu erfassen, wie sie wirklich ist.“[13] Und der gewichtige Vernunftbegriff ist, sich die Einzigkeit Gottes zu vergegenwärtigen.

Rambam verdeutlicht, dass die Vergegenwärtigung des Vernunftbegriffs zur notwendigen Enthaltung der meisten leiblichen Genüssen führt: „Denn beim ersten Nachdenken muß man sich vergegenwärtigen, daß die Sorge für den Leib Zerstörung des Geistes, die Zerstörung des Leibes Sorge für den Geist bedeutet. Jagt der Mensch den Gelüsten nach, läßt er die Sinnlichkeit über die Erkenntnis siegen, macht er den Geist zum Sklaven der Gelüste, bis er dem Tier gleicht, das nur Essen, Trinken und Paarung kennt, dann wird er sich der göttlichen Kraft, und das ist der Geist, nicht bewußt, und er bleibt ein Stück Materie, schwimmend im Meere des Wirrsals.“[14]

Zudem ist der erste Schritt der Erkenntnis das Wissen. „Der Ungebildete kann nicht die Sünde fürchten, der Unwissende kann nicht fromm sein“[15] (Vätersprüche II. 5). Aufgrund dessen befindet sich in der Tora auch häufig das Gebot zuerst zu lernen und dann zu handeln (5Mose 4,1; 5,1). Es ist nicht umgekehrt, ein Mensch kommt nicht durch das Werk zur Weisheit. Auch die Weisen, Friede über sie, lehren dies: „Das Lernen führt zum Werk.“ (b. Kidduschin 40b). Somit wird deutlich, dass das Ziel der Schöpfung der vollkommene Mensch ist, der Weisheit und Werk in sich vereint.

Die Wege und das Ziel – More Newuchim[16]

In diesem Kapitel vertieft Rabbi Mosche die bereits erwähnten Punkte. Er verdeutlicht durch ein Gleichnis eines Palastes, an welcher Stelle man sich im menschlichen Leben von diesem Palast befindet. Somit gibt es Personen, die sich in der Stadt befinden, mit dem Ziel, irgendwann einmal zum Palast zu gehen; andere wiederum befinden sich vor der Mauer, im Inneren oder sogar im Gemach des Königs. Maimonides betont erneut, dass das Ziel, welches die Werke durch die Erkenntnis sind, nur erreicht werden kann, indem „man sich Gott in der Vernunft vorgestellt hat.“ Erst danach soll man beginnen, Gottes Nähe anzustreben: „Du aber hast’s gesehen, auf dass du’s wissest, dass der HERR allein Gott ist und sonst keiner.“ (5Mose 4,35); „So sollst du nun heute wissen und zu Herzen nehmen,…“ (5Mose 4,39); „Erkennet, dass der HERR Gott ist!“ (Ps 100 3).

Selbst König David hat zuletzt seinem Sohn Salomon zwei Dinge geboten und sehr eingeschärft: „Und du, mein Sohn Salomo, erkenne den Gott deines Vaters und diene ihm mit ganzem Herzen und mit williger Seele, denn der HERR erforscht alle Herzen und versteht alles Dichten und Trachten der Gedanken. Wirst du ihn suchen, so wirst du ihn finden; wirst du ihn aber verlassen, so wird er dich verwerfen ewiglich!“ (1Chr 28,9). Demnach ist die Erkenntnis der Schlüssel zum richtigen Dienst und nicht unsere Phantasie. „Was aufsteigt in eurem Geist“ (Hes20,32), das ist Erkenntnis, demnach sollen wir den Geist beständig der Gottesliebe weihen. Dieser Prozess kommt am meisten in Einsamkeit und Abgeschiedenheit zustande. Demnach ist es für Fromme ratsam, oft einsam und abgeschieden zu sein und nur wenn es notwendig ist, mit Menschen zusammenzukommen.

Das ist nur eine kleine Kostprobe der Werke von Rambam. Wenn Sie mehr zu seiner Lehre erfahren möchten, kann ich Ihnen das folgende Buch wärmstens empfehlen: Glatzer, Nahum Norbert, Moses Maimonides. Ein Querschnitt durch das Werk des Rabbi Mosche ben Maimon, Köln 1966.

(mr)

    Internet: http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/judaica/ejud_0002_0013_0_13046.html http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChrer_der_Unschl%C3%BCssigen http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChrer_der_Unschl%C3%BCssigen http://de.wikipedia.org/wiki/Maimonides http://www.wissen.de/bildwb/moses-maimonides-was-bezweckte-die-mischne-tora   Bibliographie: Glatzer, Nahum Norbert, Moses Maimonides. Ein Querschnitt durch das Werk des Rabbi Mosche benMaimon, Köln 1966 Haim Hillel Ben-Sasson, Raphael Jospe, Dov Schwartz: Maimonidean Controversy. In: Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage. Band 13, Detroit/New York u.a. 2007, S. 371–381 Weischedel, Wilhelm, Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe, 34 große Philosophen in Alltag und Denken, 26. Aufl. München 1996   [1] Vgl. Glatzer, Querschnitt, 27. [2] Ebd. 25. [3] Vgl. Weischedel, Hintertreppe, 50-59. [4] Vgl. Hillel, Controversy, 371-381. [5] Vgl. Ebd. 25-28. [6] Ebd. 26. [7]Vgl. Ebd. 28-30. [8] Ebd. 28. [9] Vgl. Ebd. 29. [10] Ebd. 30. [11] Vgl. Ebd. 31-37. [12] Ebd. 34. [13] Ebd. [14] Ebd. 35. [15] Ebd. 37. [16] Vgl. Ebd. 38-43.