19. Sächsische Israelkonferenz Chemnitz

 

Chemnitzer Lutherkirche

Regelmäßig veranstalten die Sächsischen Israelfreunde Israelkonferenzen, auf denen man israel-theologische Themen aufgreift, die die Beziehung von Christen und (Kirchen-)Gemeinden zu Israel, zu Juden, zur Shoah-Aufarbeitung und zu messianischen Juden auf vielfältige Weise konstruktiv fördern sollen. Der Einfluss der Sächsischen Israelfreunde mit solchen und anderen „Aktionen“ geht längst weit über die Grenzen Sachsens hinaus. Eine ermutigende Initiative, ohne Zweifel!

In diesem Jahr wurde vom 8.-10. Mai 2015 bereits die 19. Sächsische Israelkonferenz durchgeführt. Zu den Referenten der Konferenz zählten der Holocaustüberlebende Josef Aaron, der in Israel lebende Journalist und Theologe Johannes Gerloff und der gläubige, aus den USA stammende Jude Yitzhak Sokoloff, um nur einige der besonderen Gäste zu erwähnen.

Als Delegierter des Israelinstituts in Gießen war ich, Markus Rehberg, mit dabei. Ehrlich gesagt, meine Eindrücke waren irgendwie ambivalent. Einerseits finde ich es schon erstaunlich und gut, dass es noch Gemeinden in Deutschland gibt, in denen die Israeltheologie diskutiert wird und sie nicht nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle mehr spielt (… um von der noch immer weitverbreiteten Substitutionstheorie unter Christen ganz zu schweigen). Skeptisch nehme ich jedoch andererseits zur Kenntnis, dass bei den letzten Israel-Konferenzen in Deutschland, an denen ich teilnahm, nur wenig über das Behauptete hinaus sinnvoll reflektiert wurde. Mein Eindruck ist, dass nur selten kritische Gegenfragen zu den behandelten Israelthemenfeldern gestellt wurden, als würde es die nicht geben. Es gibt sie aber, ohne dadurch sogleich „israelphob“ sein zu müssen. Mir geht es letztlich um mehr Objektivität, um mehr Transparenz und um mehr Sachgerechtheit bei den jeweils angeschnittenen Themen. Häufig werden lediglich subjektive Äußerungen der Redner unhinterfragt als ‚wahr‘ präsentiert oder gar Sachverhalte ohne Quellenbeleg nur ‚behauptet‘. Mir fehlte nicht selten irgendwie ein kritisches oder objektivierendes Korrektiv zu so manchen der gemachten Aussagen.

Das Team von „Marsch des Lebens“

Beispielsweise werden die Arbeitsbereiche von „Alija“ (hebräisch עלייה, wörtlich „Aufstieg“, bezeichnet im Judentum seit dem babylonischen Exil [586–539 v. Chr.] die Rückkehr von Juden als Einzelne oder in Gruppen in das Gelobte Land), wie „Marsch des Lebens“ und „Israel um Vergebung bitten“, immer wieder auf verschiedensten Konferenzen thematisiert. Solange das Letztere den Teilnehmern hilft, mit „Schuld“ umzugehen, möchte ich dieses Vorgehen gar nicht kritisieren. Es kommt mir jedoch (rein subjektiv) so vor, als ob es einige Teilnehmer schon leid sind, immer und immer wieder die „Schuld-Geschichte“ neu aufgerollt zu bekommen und ‚Vertreter‘ des jüdischen Volkes um Vergebung bitten zu sollen. Die christliche Soteriologie setzt da zumindest auch einige andere, bedenkenswerte christologische Akzente (z.B. Röm. 6,10.11; Hebr. 10,10), die im Blick auf „Schuld oder Sünde“ nicht unter den Tisch fallen sollten, insbesondere deshalb, weil auf Konferenzen nicht selten vordergründig nur Emotionen und das Gewissen angesprochen werden.

Ebenfalls skeptisch sehe ich die stets – in meinen Augen – überdimensioniert propagierte Unterstützungsnotwendigkeit für das, was ‚Alija‘ im Judentum verkörpert. Durch Spendenaufrufe von Christen, wird der Transfer und Flug für Juden, die in der Diaspora leben, finanziert. Einerseits kann ich den Sinn dahinter annähernd nachvollziehen, dass man dem jüdischen Volk unterstützend beistehen möchte und ihnen hilft, in Israel einzuwandern. Ich stelle es mir nur seltsam vor, wenn plötzlich ein christlicher oder messianisch-jüdischer Vertreter in der Ukraine in einem Platenbau bei Juden ankommt und sie abholt, um sie zum Flughafen zu bringen, damit sie in Israel einwandern können. Ich denke als atheistischer, oder traditionell gläubiger Nachbar der Juden, würde ich mir äußerst seltsam vorkommen, also weshalb man geraden diesen Menschen hilft und nicht mir. Ich befürchte, dass dadurch antisemitische Gedanken aufkommen könnten. Befürworten würde ich eher, dass der israelische Staat die Finanzen für den Flug und die Organisation des Transfers übernimmt. Ich denke, Christen können sich auch auf anderen Gebieten der Nächstenliebe zu Israel einbringen, ohne antisemitisches Denken, das häufig schon besteht, auch noch zu unterstützen. Vor allem sehe ich die Problematik darin, wie die Sache ‚vermarktet‘ wird. Meine kritische Wahrnehmung stützt sich dabei primär auf Gespräche, die ich mit Teilnehmern auf verschiedenen Israel-Konferenzen geführt habe und auf die Lektüre von einschlägigen Berichten.

Nach diesen Vorbemerkungen nun einige Eindrücke von der Konferenz im Mai. Denn es soll keineswegs der falsche Eindruck entstehen, es gäbe nichts Erfreuliches oder Mutmachendes von diesen Konferenztagen zu berichten. Im Gegenteil, es gab sehr wertvolle Beiträge und Referate, die mir u.a. neue Sichtweisen zu israelspezifischen Fragen eröffnet haben. Aber lesen Sie selbst!

Jugendabend Chemnitz 08.05.2015

Zweiter v. l. Josef Aron

Die Konferenz begann am Freitagabend mit einer Jugendveranstaltung in der Chemnitzer Lutherkirche. Die Veranstalter wollten ganz bewusst den Blick zu Beginn der Konferenz auf die junge Generation richten. Leider war das Durchschnittsalter der Anwesenden an diesem Abend dann doch eher nicht als jugendlich zu bezeichnen. Dennoch war das Programm des Abends sehr ansprechend für jedes Alter.

Unter den Gästen befand sich der Holocaustüberlebende Josef Aaron, der in Frankfurt aufgewachsen ist, wo sein Vater einst Rabbiner war. Ein paar Tage vor der Konferenz hatte Josef in Deutschland seinen 80. Geburtstag gefeiert. Seinen Geburtstag einmal wieder in Deutschland zu feiern, das war – wie er erzählte – schon seit vielen Jahren ein großer Wunsch von ihm gewesen. Josef wurde durch einen Kurzfilm vorgestellt, der Stationen seiner Biographie entfaltete. Als Kind in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert, später dort im Lager von SS-Lageraufsehern misshandelt und vergewaltigt, fasste Josef nach dem Krieg den Entschluss, nach Israel auszuwandern, wo ihm später auch Jesus während eines Gebets „begegnete“. Dies und anderes mehr berichtete Josef an diesem ersten Abend der Konferenz, nachdem er von der Moderatorin gebeten worden war, ein paar Worte an die Jugendlichen zu richten.

Nach seiner Einreise in Jerusalem wollte Josef in Israel als Kellner aushelfen. Da er der Sprache in Wort und Schrift jedoch noch nicht mächtig war, ging er ganz verzweifelt ins Gebet vor Gott und schilderte ihm seine Not. In diesem Augenblick schenkte Gott ihm von einem Moment auf den anderen, dass er die hebräischen Sprache verstehen und sprechen konnte, auch nahmen ihn die Leute nach dieser Erfahrung als ‚lebensfroh‘ und als einen ‚neuen Menschen‘ wahr. Josef konnte in der Lutherkirche in Chemnitz mit solchen Erlebnissen die Jugendlichen emotional gut abholen und ansprechen und sie dabei zugleich ermahnen, niemals zu vergessen und stets weiterzuerzählen, was den Juden unter den Nazis angetan wurde. Seine Botschaft am Jugendabend an die junge Generation lautete: „Wir dürfen niemals vergessen“.

Lobpreisteam

Der Schweizer Jude Moshe Gabay, der heute in Jerusalem lebt, berichtete über seine Erfahrungen im israelisch-palästinensischen Konflikt. Aufgewachsen in der Schweiz, geprägt durch seine katholische Mutter und seinen jüdischen Vater. Er zitierte Joel 4,1-3: „Denn siehe, in jenen Tagen und zur selben Zeit, da ich das Geschick Judas und Jerusalems wenden werde, will ich alle Heiden zusammenbringen und will sie ins Tal Joschafat hinüberführen und will dort mit ihnen rechten wegen meines Volkes und meines Erbteils Israel, weil sie es unter die Heiden zerstreut und sich in mein Land geteilt haben; sie haben das Los um mein Volk geworfen und haben Knaben für eine Hure hingegeben und Mädchen für Wein verkauft und vertrunken.“ entschied er sich nach einem der schrecklichsten Terroranschläge in Tel Aviv vor einer Diskothek im Jahre 2003, nach Israel zu gehen, um dort seinen Militärdienst zu leisten. Heute setzt sich Moshe im Center for Educational Tourism in Israel für christliche Gruppen ein, damit möglichst viele durch Reisen Israel kennenlernen, Israel und das Judentum besser verstehen lernen und sie dadurch in Zukunft eine positive Beziehung zu Israel entwickeln und Israel zur Seite stehen.

Diese Bibelstelle verwendete Mosche Gabay, um auszudrücken, dass das jüdische Volk einen Anspruch auf das Land Israel habe. Zudem zitierte er Mt. 25,32-46 (vom Weltgericht) und wollte damit zu verstehen geben, dass es äußerst notwendig sei, für seinen Nächsten einzustehen. Die Parallele sieht der Israeli Mosche darin, dass wir Christen uns gerade heute für Juden einsetzen und hinter Israel stehen sollten. Er erwähnte, dass es durchaus verschiedene theologische Interpretationsmöglichkeiten von Joel 4 gäbe, die von ihm geschilderte jedoch für ihn die beste und passendste sei.

Erschütternd war die Information, dass in den letzten vier Jahren in Syrien über vier Mal so viele Menschen gestorben seien, wie im gesamten jüdisch-palästinensischen Konflikt seit dem 1. Weltkrieg. Seit dem 2. Weltkrieg habe es vermutlich keine so schrecklichen Morde und Terroranschläge mehr gegeben, wie heute in Syrien. Und die Frage wurde von Moshe in den Raum gestellt: „Nimmt die Welt darum herum das wirklich wahr? Und kümmert sie das wirklich?“ Durch solche Vergleiche zur aktuellen Situation im Nahen Osten wollte Moshe aufzeigen, wie zutiefst politisch der Konflikt in Israel nach wie vor ist. Außerdem – so gab er zu bedenken – wissen wir über die Lage in Syrien gar nicht so wirklich, was dort tatsächlich geschieht. Wir haben nur spärliche, selten objektive Medienberichte aus Syrien, weil es dort keine objektiv berichtenden Journalisten gibt. Außerdem interessiere es scheinbar kaum jemanden, was wirklich dort geschieht, und niemand suche ernsthaft nach einer realistischen Lösung für die Menschen und das Land. Das sei sehr bedauerlich und ein Grund zur Klage.

Israelkonferenz Chemnitz 09.05.2015

Bibelarbeit mit Johannes Gerloff und Yitzhak Sokoloff:

Nach einer Lobpreiszeit zu Beginn wurde mit einem Grußwort und einer Bibelarbeit von Yitzhak Sokoloff, einem in Israel lebenden und aus Amerika stammenden orthodoxen Juden, der zweite Tag der Konferenz eingeläutet. Sokoloff bedankte sich bei uns, dass wir Christen auch in Krisenzeiten hinter Israel stehen. Er führte uns vor Augen, dass schon im Alten Testament beschrieben werde, wie man mit seinem Nächsten umzugehen habe.

Zum Hauptthema der Konferenz, „Ein Land wird geteilt“, fuhr der evang. Theologe und Journalist, Johannes Gerloff, in seiner Bibelarbeit die Vormittagsveranstaltungen fort. Den Kernvers seiner Bibelarbeit bildete 3Mose 25,23: „Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen für immer; denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Gäste bei mir!“ Gerloff verdeutlicht am Anfang, dass es wichtig sei, mit der Bibel biblisch umzugehen. Psalm 1, 1-2 „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder / noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des HERRN / und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!“

Das, was Thora eigentlich ausmache, sei die Erlösung aus dem Chaos, so Gerloff. Mehrmals betonte er, dass wir die Bibel „durchmurmeln“ sollten (Psalm 1,2), wir uns mit ihr intensiv beschäftigen sollten. Dadurch könne uns der Heilige Geist aufzeigen, was Gott heute unter seinem Land verstehe. Das müsse dann nicht bedeuten, dass wir eine direkte Antwort von Gott erhielten, die so ist, wie wir sie uns gerne wünschten, also beispielsweise, dass wir gewisse Grenzlinien gezeigt bekämen, an denen exakt und genau ersichtlich wäre, was heute unter Israel als Land zu verstehen sei. Gerloff forderte uns stattdessen heraus, darüber nachzusinnen, ob wir eventuell falsch „ticken“, dass deshalb unsere Theologie womöglich verkehrt sei. Gerloffs Wunsch ist es, dass wir immer wieder neu zu Gott kommen und ihm sagen: „Präge du mich ganz neu“. Wir sollten unsere Theologie durchdenken, wir sollten uns einen neuen Lebensstil aneignen, der dazu führe, dass wir tagtäglich das Wort Gottes „durchmurmeln“. Da könnten wir vom Judentum viel lernen, wenn Juden jeden Morgen in den Synagogen versammelt sind, um zu Gott zu beten.

Während der Lobpreiszeit

Gerloff fuhr dann fort, indem er auf folgende Bibelstelle zu sprechen kam: „Alles Land, darauf eure Fußsohle tritt, soll euer sein: von der Wüste bis an den Berg Libanon und von dem Strom Euphrat bis ans Meer im Westen soll euer Gebiet sein.“ (5Mose 11,24). Dementsprechend lautete Gerloffs erster Punkt seines Vortrags: „Der Lebensraum ist begrenzt“. Für Gott sei klar, sein Land hat Grenzen. Das widerspreche ganz klar dem internationalen Völkerrecht, denn das besage, dass einem gehöre, was man bekommen könne.

Der Lebensraum, von dem die Bibel spricht, ist begrenzt. Ägypten wird in der Bibel klar als Ausland angesehen. Dies verdeutliche uns, dass das biblische Land von jeher begrenzt gewesen sei. Schon die Propheten im Alten Testament veranschaulichten uns, dass das Land bzw. der Landbesitz stets begrenzt gedacht gewesen ist. Selbst der Prophet Jesaja spricht von einem begrenzten Gebiet: „so daß deine Söhne, du Kinderlose, noch sagen werden vor deinen Ohren: Der Raum ist mir zu eng; mach mir Platz, dass ich wohnen kann.“ (Jes 49,20). Oder Sacharja schreibt: „Denn ich will sie zurückbringen aus Ägyptenland und sie sammeln aus Assyrien und will sie ins Land Gilead und zum Libanon bringen, daß man nicht Raum genug für sie finden wird.“ (Sach 10,10). Auch hier wieder verdeutliche uns der Prophet Sacharja, so Gerloff, dass der Lebensraum, den Gott für sein Volk vorsieht, stets räumlich begrenzt gedacht gewesen sei.

Yitzhak Sokoloff und Johannes Gerloff

Einen weiteren wichtigen Punkt, den es zu verstehen gälte, sei, dass es stets „Ausland von Israel aus“ gäbe. So wie Alaska mal Russland war, Texas nicht schon immer zur USA gehörte, die Krim nicht schon immer von Russland besetzt war, so hatten auch das Land Israel andere Völker vor dem jüdischen Volk inne. Aber noch bevor sich Abraham überhaupt in das Land aufmachte, habe Gott die Grenzen schon festgesetzt gehabt, die Grenzen von 5Mose 2,4-9: „Und gebiete dem Volk und sprich: Ihr werdet durch das Land eurer Brüder, der Söhne Esau, ziehen, die auf dem Seir wohnen, und sie werden sich vor euch fürchten. Aber hütet euch ja davor sie zu bekriegen …“. Ab Vers 9: „Da sprach der HERR zu mir: Du sollst den Moabitern keinen Schaden tun noch sie bekriegen; ich will dir von ihrem Lande nichts zum Besitz geben, denn ich habe Ar den Söhnen Lot zum Besitz gegeben.“ Gott veranschauliche uns dadurch, dass auch für ihn selbstverständlich und klar sei, dass Nachbarvölker ein Existenzrecht haben und dafür eben festgesetzte Grenzen existierten.

Gott der Schöpfer selbst, setzt die Grenzen der Länder fest. Auch die heutigen Grenzen aller Länder, auch die des heutigen Israels, habe Gott festgesetzt. Israel dürfe und könne sich nicht einfach nehmen, was es wolle. Die UNO unterstütze allerdings das Recht des Stärkeren. Der UNO gehe es letztlich nicht darum, wer mehr Recht oder Unrecht habe, einen Landstrich zu besitzen, sondern eher fördere, wer der Stärkere sei, also auch, oder gerade, in politischer Hinsicht. Bestimmte Sachen interessierten die UNO, andere wiederum nicht. Wenn wir jedoch den Wahrheitsaussagen der Bibel glaubten, dann wüssten wir, wie Gott seine Grenze für Israel gedacht habe. In 2Mose 23,31 heißt es: „Und ich will deine Grenze festsetzen von dem Schilfmeer bis an das Philistermeer und von der Wüste bis an den Euphratstrom. Denn ich will dir in deine Hand geben die Bewohner des Landes, daß du sie ausstoßen sollst vor dir her.“

Yitzhak Sokoloff und Johannes Gerloff

Und Psalm 74,17 verdeutlicht: „Du hast dem Land seine Grenze gesetzt; / Sommer und Winter hast du gemacht.“ Jes 26,15 offenbart: „Du, HERR, mehrest das Volk, du mehrest das Volk, beweisest deine Herrlichkeit und machst weit alle Grenzen des Landes.“ Ergänzend dazu heißt es in 5Mose 32,8: „Als der Höchste den Völkern Land zuteilte und der Menschen Kinder voneinander schied, da setzte er die Grenzen der Völker nach der Zahl der Söhne Israels.“ Und Apg 17,26 vertieft diese Einsichten: „Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen“. Auch im Neuen Testament setzt Gott somit „Landes- oder Völker-Wohnortsgrenzen“, wie es die Rede des Apostel Paulus auf dem Aeropag in Athen bezeugt (Apg 17,16-34).

Gerloff appellierte sinngemäß an uns Zuhörer: „Wir müssen die Grenzen, die wir im Kopf haben, vergessen. Nur mit solch einer Denkweise können wir versuchen zu verstehen, was Gott mit „Grenze“ meint.“ Amos 9,7 betont: “Seid ihr Israeliten mir nicht gleichwie die Mohren? Spricht der HERR. Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt und die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir?” Die Kuschiten waren damals Afrikaner. Gott habe ein großes Problem mit jeglicher Form von Rassismus. Gerloff wünschte sich dementsprechend, dass wir Christen auf die Knie gehen und uns fragen, was Gott wolle. Gott habe uns 100-150 Jahre Zeit gelassen, um Leute auf das Missionsfeld zu senden. Wir hätten es (bisher jedoch) nicht geschafft, seinen Auftrag tatsächlich umzusetzen. Daher sende ER heute Moslems und Menschen aus allen Herrenländern zu uns nach Europa und berufe zugleich Missionare aus Afrika und ehemaligen Missionsgebieten, um Europa zu evangelisieren.

Abraham sei kein Hippie gewesen, der gerade einmal Lust auf Abenteuer gehabt habe. Er habe 300-500 Leute mit sich geführt. Er habe Ängste gehabt, wie wir, wenn es auch für uns heißt, etwas Neues zu wagen und dabei ganz auf Gott zu vertrauen. Abraham kam nach Nablus. In 1Mose 12,6 heißt es: „Deinen Nachkommen werde ich dieses Land geben.“ Dieser „Ort“ werde in der Bibel immer wieder erwähnt, als ob der Kompass dort geeicht würde, als ob Gott uns etwas durch diesen Ort sagen möchte.

Gerloff betont wiederholt in seinem Referat, was Deutsche vielleicht verstören könnte: „Ich werde euch heute keine Grenzen des Landes Israel liefern und keine Lösung dazu anbieten. Wir sollen stattdessen beginnen, die Bibel zu studieren und sie durchzumurmeln.“ Gerloffs‘ Anliegen ist, wie bereits erwähnt, dass wir Christen in Deutschland damit beginnen sollten, zu überdenken, ob sich unsere Vorstellung vom Landbesitz für Israel überhaupt so umsetzen lasse, oder ob Gott in Bezug auf die Grenzen viel unkomplizierter, spontaner, einfach anders denke, als wir es gewohnt sind, wenn wir uns ganz bestimmte Landesgrenzen mit Landbesitzgebieten „vorstellen“ und mehr oder weniger entsetzt sind, dass sie gegenwärtig nicht zu Israel, sondern „Fremdvölkern“ gehören.

Zweiter v. l. Josef Aron

1Mose 28,13 betont: „Und der HERR stand oben darauf uns sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.“ Das Zentrum sei der Zion, also Jerusalem, so Gerloffs Interpretation zur heutigen Ansicht Gottes zur Landbesitzfrage für Israel.

  • Diesen Gedanken finde ich interessant: Nach Gerloffs Aussage, dass wir unser Denken im Blick auf die Landesgrenzenfragen für Israel usw. überprüfen sollten, ist zu erwägen, ob es sein kann, dass Gott die Grenzen im heutigen Israel gar nicht so wichtig sind und dass es ihm vielmehr darum geht, dass wir gehorsam und heilig nach seinem Willen leben, eben das umsetzen, was ER von uns erwartet. Wenn wir Christen das Bewusstsein entwickeln, dass das heutige Volk Israel immer noch das auserwählte Volk Gottes ist und Gott heute immer noch in diese Welt eingreift und außerdem weiterhin von uns Gehorsam fordert, dann ist das wahrscheinlich eine Frage der Perspektive. Es kann sein, dass durch den Prioritätenwechsel, nur noch auf Christus zu schauen, gar nicht mehr so bedeutend ist, welche Grenzlinie für das Land Israel die von Gott gewollte ist, sondern vielmehr, dass wir Gott heute wie damals vertrauen, die Bibel studieren und seine Worte „durchmurmeln“ sollten. Wobei die These, Gottes Wort „durchzumurmeln“ einen interessanten Gedanken darstellt, der aber an für sich nicht neu ist und die Fragen, die man in Bezug auf Israel hat, nicht unbedingt löst.
  • Allerdings wäre m.E. auch zu bedenken, dass die gültig bleibenden Väterverheißungen an das biblische Israel (Röm. 11,25-29) in Zukunft ein neues Interesse an der Landbesitzfrage und an seinen Landesgrenzen wecken könnte, das uns heute aber gelassen bleiben lassen kann, weil dies ja zukünftig von Gott entsprechend realisiert werden wird und nicht an Menschenkraft gebunden ist. Und für uns Christen (aus Juden und Nationen – Eph. 2,11ff. und 3) spielt „biblisch-theologisch“ geurteilt die Landbesitzfrage überhaupt keine Rolle für die gelebte Frömmigkeit. Da besteht eben der gravierende Perspektivenwechsel von „materiellen“ Segensverheißungen an Israel hin zum Leben „in Christus“ (Gal. 2,20 u.ö.).

Gerloff stellt auch dementsprechend die provozierende Frage: „Wozu brauchen „wir“ das Land überhaupt?“ Denn im Grunde genommen, hat es nichts mit unserem Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus zu tun! Und außerdem ganz praktisch geurteilt: In dem Land gehe vieles schneller kaputt aufgrund der klimatischen Bedingungen. Es gäbe zudem kein Erdöl, womit man Geld verdienen könne. Es gäbe auch kein Wasser. Warum – so fragte Gerloff – hat Gott gerade dieses Gebiet ausgesondert für seine Auserwählten? In 4Mose 34,1-12 werden die Grenzen des Landes beschrieben: „Gott spricht, ich gebe es dir zum Erbteil“. Das Problem jedoch sei, wir kommen als Christen mit den Grenzangaben der Bibel nicht weiter. Wir haben heute keine Landkarte mit göttlichen Grenzen, welche man der israelischen Armee geben könnte, damit sie das Gebiet einnehmen und wir uns mit beruhigtem und freiem Gewissen auf Gott berufen könnten.

So wie Gott Abraham auf einen Weg eingeladen habe, so wolle uns Gott einladen über sein Wort zu murmeln. Eventuell wolle Gott uns gar keine konkreten Antworten geben. Vielleicht sei unser Denken im Blick auf die Landesgrenzen und den Landbesitz für Israel einfach falsch. Wir wollten klare Grenzziehungen von Gott, aber Gott denke vielleicht komplett anders und wolle vielleicht einfach nur, dass wir ihm vertrauen, dass ER seine Ziele und Vorhersagen zur rechten Zeit verwirklichen werde?

 

Israelkonferenz Chemnitz – Nachmittag – 09.05.2015

Fragerunde am Nachmittag mit Johannes Gerloff und Yitzhak Sokoloff zur Landbesitzfrage für Israel.

Gerloff begann die Fragerunde mit an alle gerichtete, einleitende Fragen im Blick auf biblische Zusammenhänge. Sinngemäß lauteten diese Anfragen: „Wenn wir zurückdenken an Abram in Haran, in der Türkei, wo Gott ihm sagte, gehe in das Land, das ich dir zeigen werde, dann müssen wir uns fragen, warum nennt Gott Abram nicht gleich das Land, wohin er ihn führen möchte? Warum möchte Gott gerade, dass sein Volk nach Israel, dort an den Küstenstreifen am Mittelmeer geht, an der zentralen Durchgangsroute zwischen Asien und Afrika? Was konnte Abram in Haram nicht verstehen, was er erst dann im Land verstehen konnte? Was hat Israel nicht verstehen können, bevor sie in der Wüste waren und Gott ihnen erst dort am Sinai begegnete?“

Johannes Gerloff bei seinem Vortrag

Gerloff fragte anschließend Yitzhak Sokoloff, warum er überhaupt im heutigen Staat Israel lebe. Yitzhak antwortete, dass er eine sanfte Stimme in den USA zu sich sprechen gehört habe: „Stehe auf und gehe nach Israel“. Viele hätten zu dieser Zeit seine Entscheidung nicht verstanden, er habe gutes Geld verdient, seine Kinder hätten in den USA nicht zur Armee gehen müssen und keine weitere Sprache mehr lernen müssen. Gott habe aber klar zu ihm geredet, dass er gewusst habe, dass Israel der Ort sei, an dem er wohnen und bleiben solle. Obwohl Yitzhak von sich selbst sagte, dass er keine Person sei, die sich leicht entscheiden könne, bereue er zwei Entscheidungen in seinem Leben nicht: erstens nach Israel ausgewandert zu sein und zweitens seine Frau geheiratet zu haben.

Sinngemäß appellierte Yitzhak an die Zuhörerschaft: „Unser Ziel ist es nicht zu überleben, unser Ziel ist es den Willen Gottes zu erfüllen, um im Land Israel eine Heiligkeit zu demonstrieren und die Welt mit der Güte Gottes zu erleuchten. Wir sind sehr privilegiert, dass wir seinen Willen tun dürfen“.

Der Zweck Israels sei demnach nicht primär, Lebensraum zu sein, sondern Licht für die ganze Welt. „Unser“ Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes sei daher ein entscheidendes Instrument, um zu sehen, ob wir ihm tatsächlich unser Vertrauen schenken. Das sei bei Gottes Volk so, und auch bei uns. Gerloff stellte heraus: Wenn Abraham allein aus Glauben gerechtfertigt worden wäre, wäre er nicht gerechtfertigt worden. Hier spielt er darauf an, dass durch den Glauben auch Taten folgen müssen. Abram hat auch nicht gesagt, ich glaube, aber Gott, das reicht mir, ich möchte nicht in das Land gehen, das du mir zeigen wirst. Ja, Abram wurde aus Glauben gerechtfertigt, aber auch in Gehorsam und der Tat, indem Abram gegangen ist, obwohl er nicht wusste wohin.

Das, was Gerloff hier scheinbar in der Hitze des Gefechts im Vortrag äußerte, wäre biblisch-theologisch zu prüfen, da es nicht unbedingt die Heilslehre sachgerecht wiedergibt, die unter „Evangelischen“ aus der Bibel abgeleitet wird, z.B. unter Berufung auf die Lehre zum Heil aus Gnade und Glaube [allein] im Römerbrief, im Epheserbrief (2,1-10), im Galaterbrief. Und auch der Sinn von „Glauben und Tun“ nach dem Jakobusbriefes ist ein anderer, als er offensichtlich im Referat angedeutet wurde.

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v. l. n. r. Yitzhak Sokoloff und Johannes Gerloff

Gerloff weiter: In der Zeit, wenn Gott das Geschick Judas und Jerusalems wieder wenden werde, werde Gott Gericht üben. Er betont dabei zum wiederholten Mal: „Wir müssen unsere Theologie durchdenken. Was ist unser Maßstab als Christen?“ Das Land Israel sei ein Gerichtsmaßstab Gottes. Gott werde im Tal Joschafat alle Heiden zusammenbringen und mit ihnen rechten, wie sie mit Gottes Volk umgegangen sind (Joel 4,1-3). Gottes Maßstab, was Gehorsam und Ungehorsam bedeutet, werde u.a. in 5Mose 11 ab Vers 8 näher erläutert.

Zuhörerfragen auf der Konferenz zu den Referenten:

  1. Frage: Gott wird die Völker sammeln und zur Rechenschafft ziehen, wie sie zu Israel standen. Gott hat das Land Israel geteilt. Das war biblisch. Welch ein Widerspruch! Warum wird das jüdische Volk aufgrund ihres Ungehorsams erst vertrieben und später sollen wir Heiden dafür zur Rechenschafft gezogen werden?

Gerloffs Antwort: Das Land besitzt keine Heiligkeit in sich selbst. Gott macht dadurch etwas mit Israel und mit uns. Gerloff ist nicht für die Teilung Israels, aber er sagt auch, Heiden sollen nicht sagen: ‚Opfert mal eure Soldaten für Frieden.‘ Insofern Israel Land zugeteilt bekommen habe, habe das etwas mit Gehorsam gegenüber Gott zu tun, der segnet. Bei Ungehorsam habe Gott dementsprechend eher Land weggenommen. Selbst ein deutscher Professor für Völkerrecht habe gesagt, dass die jüdischen Siedlungen in Israel nicht illegal seien.

  1. Frage: was steht hinter dem Gedanken Israel zu teilen (Zwei-Völker-Lösung – Israel und Palästina)? Was für einen Vorteil soll das bringen?

Gerloffs Antwort: Der Gedanke wird in den USA und Deutschland diskutiert. Er ist aber nicht durchsetzbar, wenn das Volk Israel das selber nicht möchte.

  1. Frage: Zum Kirchentag. Es wird abgelehnt, dass messianische Juden auf dem Kirchentag ein Rederecht haben. Was denken Sie darüber, Herr Gerloff?

Gerloff versteht die Aufregung von mess. Juden nicht, weshalb sie unbedingt an dem Kirchentag teilnehmen möchten. Fraglich ist eher, weshalb zensiert der Kirchentag Meldungen? Die Diskussion über die Akzeptanz messianischer Juden auf dem Kirchentag in Stuttgart hat dazu geführt, dass die ganze Debatte um messianische Juden in Deutschland überhaupt erst bekannt wurde. Demnach hat die Debatte etwas Positives an sich.

  1. Frage: Wie kann ich als Christ heute Israel praktisch unterstützen?

Das ist eine sehr gefährliche Frage, sagt Gerloff. Frag den HERRN, aber passe auf mit dieser Frage. Was kann ich tun, damit ich Israel praktisch diene/segne? Gott möchte diese Frage sehr gerne beantworten. Überlege Dir aber sorgfältig, ob Du Ihm diese Frage überhaupt stellen möchtest!

Ich habe aus dem allen v.a. Folgendes mitgenommen.

  1. Unser Denken und unsere ‚Methodik‘ in Bezug auf die Landbesitzfrage in Israel gilt es grundlegend neu zu reflektieren. Es geht darum zu fragen, ob Gott tatsächlich möchte, dass die Frage so statisch-rational angegangen wird, wie es gegenwärtig häufig getan wird, um die Landesgrenzen genau zu bestimmen usw.
  2. Zudem ist mir wichtig geworden, dass die Verse aus Joel 4 erneut einer gründlichen Exegese unterzogen werden müssen, und dann ggfs. im Anschluss daran sollte geprüft werden, welche veränderten oder bestätigenden theologischen Lösungen zu finden sein könnten. Zu fragen wäre z.B.: Ist diese AT-Bibelstelle wirklich noch nicht abgeschlossen, also wird dieses Ereignis erst noch stattfinden? Was möchte uns die Aussage von Joel 4,2: „will dort mit ihnen rechten wegen meines Volkes und meines Erbteils Israel, weil sie es unter die Heiden zerstreut … haben“, aufzeigen? Was ist der Gerichtsmaßstab Gottes, mit denen er die Völker richten wird?
  3. Herausgefordert wurde ich auf der Konferenz außerdem „last, but not least“ durch Fragen, wie: Was wäre denn gegenwärtig ein wirklich angemessenes Verhalten von Christen im Blick auf Israel und auf Israeliten/ Juden? Und gilt denn der Aufruf aus Jes 40,1 „Tröstet, tröstet mein Volk“ immer noch? Und wenn ja, für wen? Wie sähe dieser Trost ganz praktisch aus, wenn Israel immer noch und weiterhin Gottes Trost zugesprochen werden soll?

(mr)

Bibliographie: Gerloff, Johannes, Jüdische Siedlungen. Kriegsverbrechen oder Erfüllung biblischer Prophetie?, Holzgerlingen 2002 Reusch, Gerloff, Grenzenloses Israel. Ein Land wird geteilt, Holzgerlingen 2015 Schwarz, Berthold (Hrsg.) Wem gehört das Heilige Land? Christlich-theologische Überlegungen zur biblischen Landverheißung an Israel, EDIS 6, Frankfurt a. M. et al. 2014   Bilder: privat@mr