Rabbi Nachman von Bratslav

 

“Wenn Du schon glaubst, dass Du etwas kaputt machen kannst, dann glaube doch erst recht, dass Du etwas heilmachen kannst.“

Rebbe Nachman ist 1772 in Medschybisch, einer Stadt in der heutigen Westukraine geboren, lebte 38 Jahre und verstarb im Jahre 1810 in Uman/ Ukraine. Sein Grab kann dort auch heute noch besichtigt werden. Er war ein chassidischer Zaddik (Gerechter, Heiliger). Wenn heute eine Person ‚Zaddik‘ genannt wird, so ist das die höchste Anrede und Wertschätzung, die ein Jude einer Person gegenüber aussprechen kann. Man assoziiert mit diesem Begriff eine als heilig oder moralisch herausragend lebende Persönlichkeit. Die Chassidim (‚die Frommen‘) und Mitnagdim/ Misnagdim (‚die Gegner‘) gehören dem ultraorthodoxen Judentum an. Weitere Hauptströmungen bilden das konservative Judentum sowie das Reformjudentum.

Nachman war der Urenkel des Begründer des Chassidismus ‚Baal Schem Tow‘ (ca. *1700-1760, Polen-Litauen). Rabbi Nachman wuchs in einer chassidischen Familie auf, er heiratete früh, lebte im Haus seines Schwiegervaters in der Nähe von Kiew und hatte einen kleinen Kreis von Chassidim um sich herum. 1798 machte er sich in Begleitung eines chassidischen Jüngers auf den Weg in das Heilige Land. Im Laufe von einigen Monaten besuchte er Haifa, Jaffa, Tiberias und Safed. Im Jahre 1799 führte Napoleon einen Feldzug mit 14.000 Mann nach Syrien. Nach anfänglichen Erfolgen in al-Arisch, Gaza, Hebron und Jaffa erreichte Napoleon am 19. März die strategisch wichtige Hafenstadt Akkon. Aufgrund dieses Einmarsches durch Napoleon, musste der Rebbe  das Land überstürzt verlassen. In der Nähe von Schpola/ Ukraine hatte er eine Auseinandersetzung religiöser Art mit Arie Leib, einem alten chassidischen Zaddik. 1802 zog er nach Bratislav. Nachdem jedoch sein Haus abgebrannt war, zog er nach Uman, wo er am 16. Oktober 1810 an Tuberkulose während des Sukkotfestes verstarb.

Seit seinem Tod werden seine Anhänger ‚Bratislaver Chassidim‘ genannt oder auch ‚di tojten chassidim‘ (vom Jiddischen: ‚Die toten Chassidim‘). Dies hat damit zu tun, dass sie nach dem Tod ihres Zaddiks keinen religiösen Führer mehr hatten. Sie erwarten bis heute die ‚Rückkehr Nachmans‘, da er keine Nachfolger hatte. Zunächst lebten die meisten Chassidim in der Jerusalemer Altstadt, mittlerweile haben sie sich auch in Safed (Geburtstadt der Kabbala), Immanuel (Westjordanland) und Bnei Brak (Vorort von Tel-Aviv) niedergelassen.

Der osteuropäische mittelalterliche Chassidismus hat im Gegensatz zum deutschen Chassidismus eine große Bedeutung. Dieser entwickelte sich als Reaktion auf Judenpogrome unter der Führung des Kosaken Bohdan Chmielnicki (1595-1657) im Jahre 1648, nachdem in Osteuropa insgesamt ca. 700 jüdische Gemeinden vernichtet worden waren. Begründer dieser Bewegung war Baal Schem Tov. Rabbi Nachman sah sich als letztes Glied einer Kette von Chassidischen Führern an. Innerhalb weniger Jahrzehnte verbreitete sich der Chassidismus in jüdischen Gemeinden Polen-Litauens, Russlands, Österreichs und Deutschlands.

Ein paar Bemerkungen zu Nachmans Lehre, die so beeindruckend gewesen sein muss, dass bis heute tausende von ultraorthodoxen Juden auf die Rückkehr des Gerechten Rabbi Nachman warten.

Allgemein ist in der chassidischen Theologie das traditionelle Studium der Thora, der mündlichen Überlieferung des Talmud und seiner Kommentare, eine wesentliche und nicht zu vernachlässigende Aufgabe. Zudem ist im Chassidismus das persönliche und gemeinschaftliche religiöse Erlebnis wesentlich. Besonders am Sabbat und den jüdischen Festtagen versammeln sie sich, um im Gebet, durch Lieder und Tänze, in religiöser Ekstase Gott näher zu kommen. Die charismatische Führung im chassidischen Judentum ist ein besonderer chassidischer Zaddik, der der Mittelpunkt der Gemeinde ist und der die Lehren oftmals in Form von Erzählungen und Gleichnissen weitergibt. Es mag überraschend klingen, aber im Chassidismus glaubt man an die Reinkarnation.

Heute zählt der Bratslaver Chassidismus zu den religiösen Bewegungen in Israel, die vor allem junge, lebensfreudige Juden anzieht. Ihr Verlangen ist es, zur Tradition zurückzukehren. Man trifft die Anhänger häufig mit einer weißen Kippa an, meistens sind sie am tanzen oder sie beten sehr körper- und gefühlsbetont, was aber von nicht wenigen Juden als äußerst merkwürdig beurteilt wird. Zum jährlichen jüdischen Neujahrsfest (Rosh HaShana) reisen ca. 30.000 Chassidim nach Uman, um dort Rabbi Nachman zu feiern.

Nachmans Theologie hatte einige Neuerungen in Bezug auf seine Vorgänger vorgenommen. Seine Zaddik-Theorie ist einzigartig. Er behauptet darin, es gäbe nur einen einzigen Zaddik, nämlich er selbst. Somit ist möglicherweise auch für ihn die Bestimmung als Messias vorgesehen. Er verleihe den Gebeten der Gemeinschaft erlösende Kraft, ähnlich wie Moses es tat. Ein Mensch ist dazu verpflichtet, zum Zaddik zu reisen, „denn das Wichtigste ist, was er aus dem Munde des Zaddik hört“, anzunehmen. Vermutlich ist damit eine spirituelle Erfahrung gemeint, die sich bei einem Besuch des Zaddiks ergibt, ansonsten wäre es heute vermutlich schwierig, etwas von Nachman akustisch wahrzunehmen.

Der Ansicht Nachmans zufolge wurde die Welt durch ‚En Sof‘ (kein Ende, Unendliches), ‚den Ungrund‘, erschaffen. Dieser wird nach dem absolut göttlichen Willen beherrscht. Das Göttliche ist überall enthalten – auch im Bösen. Eine Person, die im Bösen versinkt, kann daher durch Reue zum Allmächtigen zurückfinden. Es besteht eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen der Kultivierung von Offenheit und Unvoreingenommenheit. Genau das schafft die Voraussetzung dafür, um Gottes ‚Wirksamkeit‘ zu erfahren. Der Idealzustand wird Nachman zufolge erst in der Zukunft erreicht werden können. Die Grundbedeutung dieser Lehre liegt darin, Zweifel an der Existenz des Schöpfers zu erwecken, indem Fragen über die Existenz Gottes entwickelt werden. Dieser Vorgang ist ein wichtiges Element seiner Lehre und hängt primär vom Willensakt des Schöpfers in seiner Beziehung zum Menschen ab. Somit kann diese Frage erst aufkommen, wenn der Allmächtige diese überhaupt zulässt.

Der Mensch kann in tiefe Zwänge des Zweifelns gelangen, der letzte Zweck seines Falls liegt aber in seinem Aufstieg: „Und das Sinken geschieht um des Steigens willen“ (aus ‚Zohar‘- gilt als Bedeutendstes Schriftwerk der ‚Kabbala‘ (mystische jüdische Tradition)).

Nachmans Lehre kann einem Betrachter von Außen eher pessimistisch vorkommen. Seiner Ansicht nach bestehen viele Hindernisse auf dem Weg des Menschen in dieser Welt, die ohne weiteres Gehinnom zu nennen sei, um Gott wohlgefällig zu leben. Unter ‚Gehinom‘ wird laut dem Talmud ein materieller oder immaterieller Ort der Qual verstanden, an dem die Übeltäter geschickt werden, um für ihre Sünden zu büßen. Im Hinnomtal soll sich zwischen zwei Palmen ein Erdloch befinden, aus dem Rauch aufsteigt, dieses Loch wird als „Eingang zum Gehinnom“ bezeichnet, so die Vorstellung von Jochanan ben Sakkai († 80 n.Chr.).

Nachman zufolge ist es ein großes Anliegen, gegen Formen der Verzweiflung anzukämpfen. Die Anker für das Leben sind somit: Glaube, Ermutigung, Freude, Gesang, Tanz, ständige Selbstkritik, Gespräche mit dem Zaddik und Sehnsucht nach einer direkten Beziehung zum Schöpfer. Auch hat das Gebet einen hohen Stellenwert in seiner Lehre. Ihm ist die jüdische Gebetstradition nicht wichtig, auch das Rezitieren von Gebeten betrachtet er als wertlos, solange sich der Betende nicht mit dem Inhalt identifizieren kann.  Zudem schreibt er von der weisheitsfördernden Kraft des Landes Israel, welche ihn selbst zum „größten der Zaddikim“ machte, wie er sich selbst bezeichnete.

(mr)

 
Internet:
http://books.google.de/books?id=xxxF_2UzuRYC&pg=PA887&lpg=PA887&dq=di+tojten+chassidim&source=bl&ots=wJJ-pBMaWK&sig=gfJnirtBPSuH5XTXoBbluIJk0XY&hl=de&sa=X&ei=1-RUU6e4B6SBywPTvoCoCA&ved=0CD4Q6AEwAw#v=onepage&q=di%20tojten%20chassidim&f=false, S.887 ff.
http://de.euronews.com/2013/09/05/fromme-juden-feiern-rosch-ha-schana-in-uman/
http://www.hagalil.com/judentum/breslov.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Rabbi_Nachman
http://www.youtube.com/watch?v=Mfzwl6CWOrw&hd=1