Lammopfer zum Passahfest – die Glaubensgemeinschaft der Samaritaner

 

Wenn die Juden heutzutage das Passahfest feiern, erinnert nur der trockene Knochen auf dem Sederteller daran, dass einst zu diesem Zweck hunderttausende makellose Lämmer geschlachtet und Gott als Opfer dargebracht wurden. Denn so schrieb es 2. Mose 12 vor. Während nun selbst die orthodoxesten Juden erklären, dass mit der Zerstörung des Tempels auch der Opferkult sein Ende gefunden habe, beharrt eine kleine religiöse Gemeinschaft in Israel darauf, dass diese Gesetze weiterhin gültig sind. Und so konnte man auch zum diesjährigen Passahfest einige hundert Menschen beobachten, die in einer feierlichen Zeremonie mit ihrem Hohenpriester Aabed-El ben Asher ben Matzliach auf einem Berg irgendwo im Westjordanland ihrem Gott Jahwe 52 Lämmer opferten.

Bei diesen Menschen handelt es sich um die Samaritaner und bei dem Berg um den Berg Garizim, von dem bereits im Alten Testament die Rede ist. In der Nacht vor Pessach, das nach ihrem Kalender dieses Jahr auf den 13. April fiel, pilgerten sie auf den Berg, den bereits ihre Vorfahren als einzig wahre Kultstätte definierten, um in den im Boden versenkten Feuerstellen ihre Lämmer zu opfern und noch in der gleichen Nacht zusammen mit bitteren Kräutern und ungesäuertem Brot zu verzehren. (Zahlreiche eindrucksvolle Fotos von der Zeremonie finden sind hier zu sehen.)

Indem sie die alttestamentlichen Gebote bis ins Detail ernst nehmen, wollen die Samaritaner ihrem Namen als die wahren „Bewahrer des Gesetzes“ gerecht werden: Ihre Selbstbezeichnung „Šamerīm“ leitet sich von der hebräischen Wurzel „šāmar“ für „wachen, bewahren, hüten“ ab. In der jüdischen Literatur werden sie „Šomrōnīm“ genannt, nach Samaria bzw. Šomrōn, der alten Hauptstadt Nordisraels. Denn die Samaritaner betrachten sich als Nachkommen des Nordreichs Israel mit seiner Hauptstadt Samaria. Als 722 v. Chr. die assyrische Großmacht einen Teil des Nordreichs ins Exil verschleppte, blieben einige im Land zurück und lebten dort zusammen mit den von den Assyrern angesiedelten Völkern. Dies wird in 2. Könige 17,24-28 beschrieben:

[box] 24 Der König von Assyrien aber ließ Leute von Babel kommen, von Kuta, von Awa, von Hamat und Sefarwajim und ließ sie wohnen in den Städten von Samarien an Israels statt. Und sie nahmen Samarien ein und wohnten in seinen Städten. 25 Als sie aber anfingen, dort zu wohnen, und den HERRN nicht fürchteten, sandte der HERR unter sie Löwen, die töteten sie. 26 Und man ließ dem König von Assyrien sagen: Die Völker, die du hergebracht und mit denen du die Städte Samariens besetzt hast, wissen nichts von der Verehrung des Gottes dieses Landes. Darum hat er Löwen unter sie gesandt, und siehe, diese töten sie, weil sie nichts wissen von der Verehrung des Gottes dieses Landes. 27 Der König von Assyrien gebot: Bringt dorthin einen der Priester, die von dort weggeführt sind; er ziehe hin und wohne dort und lehre sie die Verehrung des Gottes des Landes. 28 Da kam einer der Priester, die von Samarien weggeführt waren, und wohnte in Bethel und lehrte sie, wie sie den HERRN fürchten sollten.[/box]

Während sich nun die Samaritaner als direkte Nachfahren der nordisraelischen Stämme, vor allem Ephraim und Manasses, sehen, sind sie aus jüdischer Sicht „nur“ die Nachkommen der von Assyrien ausgesiedelten Völker und der in diesem Zuge eingegangenen Mischehen und somit bestenfalls sehr frühe Konvertiten zum jüdischen Glauben. Bestenfalls aus dem Grund, weil einige Rabbis davon ausgehen, dass die Konversion der Samaritaner eher aus Zwang (die Löwen), denn aus Überzeugung geschah.

So durften die Samaritaner dann auch den zweiten jüdischen Tempel nicht mitbauen, weil sie in Kontakt mit anderen Völkern und Göttern gekommen waren und somit nicht mehr als rein israelitisch galten (vgl. Esra 4,3). Auch im Neuen Testament spiegelt sich die jüdische Feindseligkeit gegenüber dieser Minderheit wider: Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist hervorgehoben, dass es der Samaritaner und damit der am wenigstens geachtetste Mann war, der Barmherzigkeit übte (Lk 10,33). In der Erzählung der Geschichte mit der samaritischen Frau am Brunnen, der Jesus Interesse und Respekt entgegenbringt, schreibt Johannes explizit: „Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.“ (Joh 4,9)

Der auffälligste schon im Neuen Testament beschriebene Unterschied zwischen Juden und Samaritanern liegt in der Wahl der Kultstätten. Seitdem das Volk Israel vom Berg Garizim aus die Segensworte Gottes aussprach, während vom Berg Ebal die Fluchwort gesprochen wurde (5. Mose 27,12-13), betrachten die Samaritaner den erstgenannten als heilig. Als für die Juden dann mit Salomos Tempelbau Jerusalem zur zentralen Anbetungsstätte wurde, hielten die Samaritaner am Berg Garizim fest. Im 5. bis 4. Jh. vor Christus entwickelten sie sich dann zu einer eigenständigen Religionsgemeinschaft und ließen sogar – das brachten jüngste Ausgrabungen ans Licht – ein eigenes Heiligtum auf dem Berg Garizim errichten. Der Tempel wurde allerdings um 128 v. Chr. durch den Hasmonäer Johannes Hyrkanos I. zerstört und wenig später endgültig erobert.

„Die Geschichte der Samaritaner ist reich, verworren und Ausdruck eines Streits um den wahren Glauben“, bringt es Ulrike Schleicher in der Jüdischen Allgemeine auf den Punkt. Bis heute tritt die Religionsgemeinschaft mit dem Anspruch auf, als einzige die authentische Version des Pentateuch zu bewahren. Damit meinen sie den Samaritischen Pentateuch, der in samaritanischer Schrift verfasst ist. Diese Schrift mit ihrer ganz besonderen Aussprache basiert auf dem Althebräischen, das ursprünglich aus dem Phönizischen stammt. Die heutige hebräische Schrift hingegen ist eine aramäische Schrift.

Die heilige Schrift der Samaritaner weist um die 6000 Abweichungen – meist orthografischer und sprachlicher Natur – zum Masoretischen Text auf. Dazu gehört allerdings auch ein nach dem zehnten Gebot (2. Mose 20,17) eingefügtes weiteres Gebot, das dazu auffordert, ein Heiligtum auf dem Berg Garizim zu errichten. Auch im 5. Buch Mose finden sich in der samaritischen Version etwa 20 Verse, die die Erwählung des heiligen Ortes nachträglich auf Sichem (heutiges Nablus) beziehen. Nach Meinung der Samaritaner war es allerdings andersherum: Die Thora wurde ihnen zufolge im Nachhinein bearbeitet, um die Bedeutung des Garizim herunterzuspielen.

Alle späteren Schriften der Bibel, auch die mündliche rabbinische Lehre und alle anderen heiligen Schriften des Judentums, erkennt diese religiöse Minderheit nicht an, was als großer Affront für die Rabbis gilt, die behaupten, dass ihre Traditionen direkt auf die mosaischen Offenbarungen auf dem Sinai zurückgehen.

Eine Gemeinsamkeit haben Juden und Samaritaner jedoch: Beide warten auf einen Messias. Die Samaritaner erwarten allerdings statt einem König einen Propheten wie Mose, den sie „Taheb“ (= „Wiederhersteller“) nennen. Er wird sie nach 5. Mose 18,18 alles lehren und den religiösen Zustand des alten Israel wiederherstellen. Flavius Josephus berichtet in den Jüdischen Altertümern davon, wie 36 n. Chr. ein Mann als der erwartete Taheb auftrat und mit einer bewaffneten Gefolgschaft zum Berg Garizim zog, um ihnen dort als Zeichen seiner Identität die heiligen Gefäße zu zeigen, die Mose dort hinterlegt hätte. Pontius Pilatus ließ diese Manifestation mit brutaler Gewalt unterbinden.

So warten die Samaritaner wie die Juden noch heute auf ihren Messias. Bis dahin scheinen sie vor allem damit beschäftigt zu sein, als kleinste religiöse Minderheit des Landes mit 761 Zugehörigen nicht auszusterben. Hosni Cohen, Historiker und Priester der Religionsgemeinschaft, erklärt in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen, dass die Samaritaner noch vor einem Jahrhundert vor dem Aussterben bedroht waren. Während sie vor 2000 Jahren noch etwa eine Millionen Zugehörige zählten und auch im Mittelalter noch eine große Zahl afweisen konnten, schrumpften die Gemeinden in Syrien, Ägypten und Palästina im Zuge von Islamisierung, Verfolgung und Assimilation radikal zusammen. Mitte des 18. Jahrhunderts verließen die letzten Samaritaner Kairo, Damaskus und Gaza, um sich ihren Glaubensgeschwistern bei Nablus anzuschließen. Im Jahre 1918 fanden die Briten dort nur 146 Samaritaner vor. Doch dann wurde 1923 die Heirat mit Juden erlaubt, was zu einem Anstieg der Bevölkerung führte, laut Cohen aber nicht ausreichend war. Als schließlich die Inzucht der immer kleiner werdenden Gemeinde Probleme wie Erbkrankheiten und Säuglingssterblichkeit mit sich brachte, wurden ab 2004 Frauen „mithilfe des Internets und einer speziellen Agentur“ gesucht. Dies ist deshalb möglich, weil in der Religionsgemeinschaft die samaritanische Identität durch den Vater bestimmt wird. Zehn Frauen aus Russland und der Ukraine seien seitdem zu den Samaritanern konvertiert und haben sich die strenge Lebensführung zu eigen gemacht. So bringt die Einhaltung der alttestamentlichen Gesetze eispielsweise auch mit sich, dass Frauen während ihrer Menstruation sieben Tage lang in speziellen Räumen leben müssen.

Dieser verbliebene aus nur fünf Familienverbänden bestehende Rest der samaritanischen Gemeinschaft lebt heute zu einem kleineren Teil in Holon bei Tel Aviv, wo sie über zwei Synagogen und eine kleine Bibliothek verfügen und sogar eine eigene Zeitschrift herausgeben, „Aleph Beth“, die in samaritanischem Aramäisch, Arabisch, Hebräisch und Englisch erscheint. Diese recht dynamische Gemeinde in Holon unterscheidet sich kaum von der israelischen Bevölkerung: Die Samaritaner dienen in der Armee, arbeiten in normalen Berufen und führen ihren Alltag auf den ersten Blick wie die Menschen in ihrer jüdischen Umgebung.

Die übrigen Samaritaner finden sich an den Hängen des Berges Garizim in dem kleinen Dorf Kirjat Luza bei Nablus im Westjordanland, wo sie auch aufgrund der angespannten Lage im Nahostkonflikt recht isoliert leben. Neben dem Opferplatz für die Passahlämmer findet man in Kirjat Luza einige Läden, eine Schule und das von Hosni Cohen geleitete Samaritaner-Museum. Der eine Teil der Religionsgemeinschaft spricht somit Hebräisch, während der andere sich auf Arabisch verständigt und deshalb des Öfteren versehentlich mit Palästinensern verwechselt wird.

Die Samaritaner sind also mittendrin – auch im Nahostkonflikt, wie Thomas Schmidinger in einem Artikel für das jüdische Magazin Aufbau anschaulich beschreibt. Immer wieder sähen sich die beiden Gemeinden in Holon und bei Nablus einem gewissen Bekenntnisdruck ausgesetzt, auf welcher Seite sie denn nun stünden. Doch die meisten Samaritaner wehren sich trotz ihrer geringen Zahl dagegen, mit ihrer jeweiligen Umgebung assimiliert zu werden. So lässt eine junge Samaritanerin aus Holon verlauten: „Wir sind eben weder Palästinenser noch jüdische Israelis, sondern Samaritaner und das wollen wir bleiben.“

 

(jp)

 
 
Quellen:
 
Brown, Michael L., Handbuch Judentum: Antworten auf die wichtigsten Fragen aus christlicher Sicht, 2009, S. 119-122. http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/semiarab/semitistik/schwerpunkte/hebraistik/samaritanistik.html http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18844 http://de.wikipedia.org/wiki/Samaritanischer_Pentateuch homepage.univie.ac.at/thomas.schmidinger/php/texte/israel_palaestina_die_samaritaner.pdf http://www.thesamaritanupdate.com/
http://seagull-gull.livejournal.com/353493.html
http://www.jewishmag.co.il/78mag/samaritans/samaritans.htm