Israelische Gedenktage an die Opfer von Unheil

 

In Israel gibt es zwei Tage, an denen an die gewaltsam umgekommenen  Jüdischen Opfer gedacht wird. Zum einen wird an dem Tag Jom haScho’a (יום הזיכרון לשואה ולגבורה, „Tag des Gedenkens an Shoa und Heldentum“) an die Opfer des Holocausts gedacht. Zum anderen gedenken Israelis an die gefallenen Soldaten und Opfer des Terrorismus. Dies tun sie am Jom haZikaron (יום הזכרון לחללי מערכות ישראל ונפגעי פעולות האיבה, „Gedenktag an die gefallenen israelischen Soldaten und Opfer des Terrorismus“).

Der Begriff Holocaust kommt aus dem Griechischen holókauston (ὁλόκαυστον) und bedeutet vollständig verbrannt. Der hebräische Begriff Shoah (‏הַשּׁוֹאָה) bedeutet demgegenüber ‚Unheil‘ oder ‚Katastrophe‘.

Der Jom haScho’a wurde im Jahre 1951 von David Ben Gurion und Jitzchak Ben Zwi in der Knesset als Gedenktag festgesetzt. Normalerweise wird der „Tag der Trauer“ immer am 27. Nissan begannen. Da solch ein Trauertag nicht auf einen Schabbat fallen darf, kann dieser Tag variieren und verschoben werden. Eine Ausnahme bildet der Jom Kippur (Versöhnungstag).  Dieser Tag darf nicht verschoben werden, ist aber ebenfalls ein Trauertag. Daher wurde der jüdische Kalender absichtlich so gelegt, dass der 10. Tag des Tischri für den Jom Kippur nie auf einen Freitag, Sonntag oder Dienstag fallen kann. Auf diese Weise kommt es nicht dazu, dass der Schabbat durch einen „Trauertag“ entheiligt wird.

Ultraorthodoxe Juden (Charedim) nehmen allerdings an keinem dieser Trauer-Gedenktage im Monat Nissan teil. Denn die Halacha (Gebote und Verbote der mündlichen und schriftlichen Überlieferung) verbietet das Trauern in diesem Monat. Sie trauern stattdessen am Tischa beAv, an einem Tag, der schon vor dem zweiten Weltkrieg eingeführt wurde. An ihm wird der Zerstörung des Tempels gedacht. Dadurch können sie heutzutage an diesem Tag auch der Opfer des Nationalsozialismus gedenken.

Der Jom haScho’a wird demnach immer Ende April / Anfang Mai begannen, der Jom haZikaron findet eine Woche nach dem Jom haScho’a statt. Abgeschlossen wird die Trauerzeit stets mit der Feier zum Israelischen Unabhängigkeitstag, dem Jom haAzma’ut. Dieser Tag gilt als der größte israelische Freudentag, an dem sich das ganze Land der Staatsgründung Israels erinnert. Überall wehen dann israelische Flaggen, in sehr vielen Städten finden besondere Feierlichkeiten statt und es herrscht so etwas wie „fröhlicher Ausnahmezustand“.

In Deutschland hat sich ein noch nicht überall bekannter Gedenktag eingebürgert, der an die nationalsozialischen Verbrechen erinnern will. Dies geschieht am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz- Birkenau durch die Rote Armee im Jahre 1945. Dieser Tag hat in Israel nur geringfügige Bedeutung. Er wurde erst 2005 durch die Vereinten Nationen eingeführt. In Deutschland allerdings war bereits seit 1996 der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ als gesetzlich verankerter Gedenktag eingeführt worden.

In Israel ertönen an beiden Gedenktagen die Sirenen für zwei Minuten. Das gesamte Leben steht in dieser Zeit still. Straßenbahnen, Autos, Menschen, alle halten an und gedenken an das im Dritten Reich und das durch den Terror erlittene Unheil. Vor allem am Jom haScho’a werden schon Kinder in die Geschichte der Judenpogrome und des Völkermords durch die Nazis eingeführt. So kann man unter anderem erleben, dass an solch einem Tag in einem israelischen Altenheim Kinder einer jüdischen Schule Szenen aus einem jüdischen Ghetto nachspielen. Erlebnisse dieser Art sind tief ergreifend und unvergesslich. Holocaustüberlebende sitzen da und schauen zu, wie kleine verkleidete jüdische Kinder nachspielen, was Juden in den Ghettos erlebt und erlitten haben, während deutsche Volontäre, die gerade in solch einem Altenheim tätig sind, daneben stehen und sich diese Szenen ansehen. Es kommt dabei eine Stimmung auf, die man selbst erleben muss und nur sehr schwer in Worte fassen kann.

In dem hier verlinkten Youtube-Video können Sie diese Stimmung ein wenig nachempfinden und erleben, wie es ist, wenn in Israel die Sirenen zwei Minuten lang ertönen:

Sirenen in Israel

Am Gedenktag der Shoah wird an öffentlichen Plätzen und in der Synagoge ein jüdisches Gebet gesprochen. Es nennt sich El male rachamim („Gott voller Erbarmen“). Es entstand im Mittelalter nach den Kreuzzügen und wurde zunächst in West- und Osteuropa gebetet. Später wurde es dann auch für die Opfer des Chmelnyzkyj-Aufstandes (großer Aufstand in Polen/Litauen um 1650) gesprochen. Aufgrund der unterschiedlichen Verwendung in der Geschichte existieren verschiedene Überlieferungen dieses Gebets. Eine Version hat besondere Berühmtheit erlangt. Sie entstand nach dem Pogrom von Kischinew.

Hier das Gebet El male rachamim von Kantor Chaim Adler aus Jerusalem:

El male rachamim

„G’tt voller Erbarmen, in den Himmelshöhen thronend, es sollen finden die verdiente Ruhestätte unter den Flügeln Deiner Gegenwart, in den Höhen der Gerechten und Heiligen, strahlend wie der Glanz des Himmels, all die Seelen der Sechs-Millionen Juden, Opfer der Shoah in Europa, ermordet, geschlachtet, verbrannt, umgekommen in Heiligung Deines Namens; durch die Hände der deutschen Mörder und ihrer Helfer aus den weiteren Völkern. Sieh die gesamte Gemeinde betet für das Aufsteigen ihrer Seelen, so berge sie doch Du, Herr des Erbarmens, im Schutze deiner Fittiche in Ewigkeit und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens. G’tt sei ihr Erbbesitz, und im Garten Eden ihre Ruhestätte, und sie mögen ruhen an ihrer Lagerstätte in Frieden. Und sie mögen wieder erstehen zu ihrer Bestimmung am Ende der Tage.“

 (mr)

  Quellen:
http://www.schoah.org/religion/rahamim.htm
http://www.hagalil.com/judentum/avoda-sara/halacha.htm
http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/kippur/versoehnungstag.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_des_Gedenkens_an_die_Opfer_des_Holocaust
http://de.wikipedia.org/wiki/Jom_haZikaron
http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust
http://de.wikipedia.org/wiki/El_male_rachamim
http://de.wikipedia.org/wiki/Halacha
http://de.wikipedia.org/wiki/Chmelnyzkyj-Aufstand
 
 
 
Fotos: Titelbild: Friedhof Ölberg@mr;