Dispensationalismus, Israel und die Gemeinde

 

 Sobald heutzutage das Wort Dispensationalismus in theologischen Gesprächen auftaucht, fangen die einen an zu schaudern, während die anderen fröhlich in die Hände klatschen. Aber was versteht man unter Dispensationalismus eigentlich? Der klassische Dispensationalismus ist im von J. N. Darby geprägten Umfeld der Brüdergemeinden in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Vorläuferkonzepten entstanden und theologisch weiterentwickelt worden, hat seitdem jedoch auch überkonfessionell in der evangelikalen Welt Verbreitung gefunden. Dieses heilgeschichtliche, in biblischen Epochen denkende Modell der Bibelauslegung wurde von Anfang an von verschiedenen, oftmals konfessionell geprägten Seiten kritisiert. Auf Webseiten wie Wikipedia.org findet man eine Definition, die Dispensationalismus als eine „Form der Bibelauslegung und Eschatologie“ beschreibt.

Der amerikanische Neutestamentler und Theologe Darrell Bock, der sich selber als einen „modifizierten“ (oder progressiven) Dispensationalisten versteht, ist angesichts des verbreiteten Unverständnisses dem Dispensationalismus gegenüber frustriert. In einem Vortrag am Laidlaw College, der in diesem Artikel ausgewertet wird, will Bock, der selbst messianischer Jude ist, daher mit den Missverständnissen, Fehl- und Vorurteilen aufräumen, die es seiner Ansicht nach dem Dispensationalismus gegenüber gibt.

Ein Fehlurteil sei beispielsweise, so Bock, die Vorstellung, dass sich der Dispensationalismus primär um Grafiken, Skizzen, Tabellen und allmöglichen Theorien über die Zukunft drehe. Besonders bemängelt werde dabei, dass jedes kleine Detail aufgeschrieben und in Tabellen einsortiert würde und man immer wieder darauf Wert lege, dass gewisse, biblisch vorhergesagte Ereignisse in relativ naher Zukunft eintreten würden. Ein gravierendes Missverständnis des Dispensationalismus sei außerdem, dass Menschen sich vorbereiten müssten, die Zukunft zu planen. Außerdem würde die Lehre vor allem mit theologisch-endzeitlichen Theorien für Unruhe in den Gemeinden sorgen.

Diese verschiedenen Fehlurteile, die gegen den Dispensationalismus im Umlauf sind, nimmt Bock nicht ernst. Er kritisiert, dass die meisten, die dem Dispensationalismus negativ gegenüber eingestellt wären, meistens keine Ahnung von der Thematik und den jeweils begründeten Zusammenhängen hätten, oder deren Bild und Verständnis vom Dispensationalismus schon mehr als 100 Jahre alt sei, Vorstellungen, die heutzutage nach Bocks Meinung kaum noch jemand vertrete.

In der Realität, gehe es dem Dispensationalismus nicht um verrückte Theorien über die Zukunft, sondern darum, wie Gott mit verschiedenen Menschen zu verschiedenen (heilsgeschichtlich relevanten) Zeiten umgeht. Es gehe also um die Art und Weise, wie Gott die Erde verwaltet. Bock meint, dass man in der Bibel erkennen könne, dass es zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Regelungen des Verhältnisses zwischen Gott und Menschheit gegeben habe, gibt und noch geben werde. So stellt er die These auf, dass jeder Christ, der zum Beispiel nicht den Sabbath hielte und der keine Opfer für Gott darbrächte, im Grunde bereits Dispensationalist sei, weil er nicht mehr dem Buchstaben des mosaischen Gesetzes folge. Daraus folgert Bock, dass es also gar nicht die Frage sei, ob man Dispensationalist sei oder nicht, sondern nur die Frage bis zu welchem Grad, da offensichtlich fast alle Christen anerkennen würden, dass die alttestamentlichen Tora-Gebote nicht mehr so eingehalten werden müssten, wie Juden sie verstanden und noch verstehen.

Klassischer Dispensationalismus ziehe eine starke Linie zwischen den verschiedenen Bundesschlüssen zwischen Gott und seinen auserwählten Adressaten. So sehe klassischer Dispensationalismus für Israel zum Beispiel nur eine irdische Zukunft, für die Gemeinde hingegen ausschließlich eine himmlische. Dem gegenüber befinde sich der Calvinismus, welcher besage, alle Bünde, die Gott je geschlossen habe, seien in Jesus Christus erfüllt, und damit gelte Israel durch die Gemeinde seit Christus als ersetzt. Bock deutet an, dass er zwischen diesen beiden Fronten stehe. Seine These lautet, dass manche Ordnungen gleich blieben (Kontinuität), wie zum Beispiel die Bergpredigt, welche ja zu Juden gepredigt wurde, während andere Ordnungen für die Gemeinde Jesu modifiziert oder aufgehoben würden.

Konsequent betont Bock, dass Israel als ethnische Gruppe nicht durch die Gemeinde ersetzt worden sei, sondern es gelte vielmehr, dass die Gemeinde Aufgaben Israels übernommen habe. In Texten wie Lukas 13,34-35 oder Lukas 21,20 sieht Bock die klare Ausrichtung, dass Israel für die momentane Zeit verworfen sei, und stimmt damit mit der reformiert-bundestheologischen Perspektive überein. Allerdings erkenne er auch, dass die Zeit der Verwerfung in jedem der Texte begrenzt sei. In diesen und noch weiteren Texten sei klar erkennbar, dass Israel für den Moment ohne Hoffnung und beiseite gesetzt sei, aber es zukünftig eine Zeit geben werde, in der Israel mit Gott wieder versöhnt werde, gemäß alttestamentlicher Verheißungen und Hinweise in den Reden Jesu (Lk./ Apg.). Und zwar genau dann, wenn sie rufen werden „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Lk. 13,35).

Aus diesem Grund bekennt sich Bock auch dazu, dass er ein zukünftiges Millennium im Sinne der „Reich-Gottes-Erfüllung“ erwarte, denn für ihn sei es wichtig, dass Gott die Versprechen, die er Israel bezüglich eines irdischen Reiches gegeben habe, auch einhielte. Ansonsten seien auch Christen ohne Hoffnung, weil sie dann auch nicht damit rechnen könnten, dass Gott sein Versprechen durch Christus an die Gläubigen einhalte.

Die Tatsache, dass Christen auch als Kinder Abrahams gelten, dürfe Christen nicht dazu verleiten, diejenigen „enterben und ersetzen“ zu wollen, denen der Bund ursprünglich galt. Deshalb sei es für Bock auch nicht verwunderlich, dass es für Israel noch eine irdische Zukunft gebe. Dies sei viel mehr ein Hinweis auf die ungebrochene Treue Gottes gegenüber seinen Verheißungen und Zusagen an Israel (Röm. 11,25-28), die er erfüllen werde. Daher sei es gut, ein biblisch orientierter Dispensationalist zu sein, der die Treue Gottes zu Israel und die Liebe zur Gemeinde, beides um Christi Willen, zugleich festhalten und unterscheiden (lernen) will.

(tk)

Quellen:
Youtube-Link zu dem Video-Vortrag