Der jüdische Gottesdienst

 

Den Begriff Gottesdienst für die synagogale Liturgie im Judentum zu verwenden, ist durchaus geeignet und zutreffend. Weniger passend erscheint dieser Begriff in strengeren orthodoxen Gruppierungen des Judentums, denn dort  verstehen die Juden ihr ganzes Leben als einen Dienst für und vor dem einen Gott, nicht nur eine bestimmte Veranstaltung während des Sabbat.

Ein jüdischer Gottesdienst besteht hauptsächlich aus einer Vielzahl an fest formulierten Gebeten. Eine Predigt im Sinne einer Wortansprache oder Verkündigung ist dagegen nicht zwingend notwendig, wobei sich mittlerweile an manchen Orten so etwas wie eine ‚Predigt‘ in manchen synagogalen Gottesdienstfeiern eingebürgert hat.

Das Gebetsbuch nennt sich Seder Tefilah (hebr.: „Ordnung [des] Gebets“) oder Siddur (hebr.: „Ordnung“). Die Gebete können in der Synagoge, in einem Gebetsraum oder zu Hause verrichtet werden. Je nach Region und Denomination gibt es Unterschiede bei den praktizierten Gebetsordnungen. Häufig suchen sich Juden ihre Synagoge auch nach dem Chassan (Kantor) aus, denn wenn man mit dem Vorsingen des Chassans nicht zurechtkommt, weil z.B. einem die Aussprache oder anderes beim Gebet nicht zusagen, so schaut man sich nach einer anderen jüdischen Gemeinde um. Die Unterschiede in den Ordnungen können ganz grob wie folgt aussehen: Es gibt beispielsweise beachtliche Unterschiede im Ritus zwischen orthodoxer und liberaler Ausübung, zwischen aschkenasischer (in Mittel- und Osteuropa lebende Juden) und sephardischer Praxis (Juden aus der Iberischen Halbinsel, Griechenland, Türkei oder Nordafrika), sowie zwischen dem deutschen und dem polnischen Ritus.

In den strengeren jüdischen Denominationen, wie dem orthodoxen Judentum, werden traditionell nur erwachsene Männer zur ‚Gebets-Gemeinde‘ (‚Minjan‘ = mindestens zehn religionsmündige jüdische  Personen, die zum Gebet anwesend sein müssen, damit überhaupt gebetet werden darf) gezählt, diejenige also, die bemüht sind, nach den 613 Gesetzen zu leben. Als ‚religionsmündig‘ oder erwachsen zählt man im Judentum (junge) Menschen nach der Feier der Bar/ Bat Mitzwa. Auch Frauen können in einer separaten Loge oder auf einer Empore unter sich beten, wohingegen in jüdischen Reformgemeinden Frauen und Männer weitgehend gleich gestellt sind. In solchen Gemeinden sind auch (Reform-) Rabbinerinnen und Chasnot (‚Kantoren‘ – weiblicher Plural) zugelassen.

Weiter wird im Reformjudentum Homosexualität unter den Gemeindegliedern sowie unter den Rabbinern akzeptiert und ausgelebt. Auch bestehen in Deutschland erhebliche Diskrepanzen zwischen zeitgemäß reformorientierten und orthodoxen jüdischen Gemeinden. Zum einen liegen diese Unterschiede im jeweiligen Verständnis des jüdischen Glaubens begründet. Außerdem kommt es gelegentlich darauf an, von wem die Gemeinde finanziell unterstützt wird. In Deutschland existieren vermehrt orthodox-jüdische Gemeinden, bei denen ‚orthodox‘ eher formal zu verstehen ist, so dass Spenden- und Fördergelder entgegen genommen werden können. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Juden, die in den 90er Jahren des 20. Jhts. aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen und in ihrem Ausweis vermerkt war, dass sie Juden seien, direkt einer orthodoxen jüdischen Gemeinde zugeordnet wurden. Diese Regelung hat es vor allem dem reformorientierten Judentum in Deutschland schwer gemacht, bekannt und akzeptiert zu werden.

Für gewisse Gebete im Judentum ist der Minjan (mindestens zehn religionsmündige jüdische Personen) von höchster Bedeutung. Demnach darf ein jüdischer Gottesdienst oder dürfen Gebete erst dann praktiziert werden, wenn mindestens zehn ‚religionsmündige‘ Personen anwesend sind. Die Halacha (jüdisches Religionsgesetz) fordert einen Minjan für die wichtigsten Teile eines Gottesdienstes. Dazu zählen das Kaddisch (Trauergebet), die Amida (Achtzehnbittengebet) und die Lesung der Thora sowie die Haftara (‚Abschluss, Mehrzahl‘ = öffentliche Lesung aus den Prophetenbüchern).

Das Wort Minjan stammt aus dem hebräischen moneh מונה („zählen“ oder „nummerieren“). Es ist mit dem aramäischen mene verwandt, das im ‚Menetekel‘ des Buches Daniel im 5. Kapitel vorkommt. Weiter heißt es in der Mischna (mündliche Überlieferung der Thora) Traktat Megilla IV, 3:

„Man liest nicht das Schma, tritt nicht vor die Lade, erhebt nicht die Hände (zum Priestersegen), liest nicht aus der Tora vor, liest nicht die Haftara aus den Propheten, veranstaltet kein Stehen und Sitzen, spricht nicht den Trauersegen, Trostworte an die Leidtragenden und den Hochzeitssegen und veranstaltet keine Vorbereitung zum gemeinschaftlichen Tischsegen mit Nennung des Gottesnamens, wenn weniger als zehn (Personen) anwesend sind. …“

Bei gemeinsamen Gebeten tritt ein Mitglied der Betergemeinschaft als „Abgesandter der Gemeinde“ auf. Der Abgesandte stellt sich an den Altar vor den Thoraschrein, in dem die Thorarollen aufbewahrt sind und spricht (oder singt) einige der oben genannten Gebet laut vor; alle Anwesenden sind verpflichtet, die Gebete mitzusingen. Der gesamte Gottesdienstraum ist zumeist Richtung Osten, nach Jerusalem hin ausgerichtet. Die Aufgabe als Abgesandter kann jedes Mitglied einer Gemeinde übernehmen, wenn es über die benötigten Kenntnisse verfügt. Zu diesen Kenntnissen gehört u.a. das Beherrschen der hebräischen Sprache. Sehr häufig übernimmt eine von der Kultusgemeinde für diesen Zweck angestellte Person diese Aufgabe.

Die geläufige Anrede solch einer Person ist Kantor oder Vorbeter. Der Kantor hat keinen priesterlichen Rang. Gebete werden stets gemeinsam verrichtet. Wenn der Gemeinde ein Rabbiner vorsteht, so hat dieser während der Gebete keine spezifische Aufgabe. Aufgrund seines Studiums ist er vielmehr ein Kenner des jüdischen Gesetzes und des Tanachs, er ist für Rechtsentscheidungen zuständig. Eine  Art ‚Wortverkündigung‘  ist – wie oben bereits erwähnt – für einen jüdischen Gottesdienst nicht zwingend notwendig. Doch ist es allgemein weitgehend üblich geworden, dass auch Rabbiner heutzutage ‚predigen‘. Das Predigen geht teilweise auf alte jüdische Traditionen zurück, denn bereits im Altertum wurde die Schriftauslegung durch jüdische Schriftgelehrte praktiziert.   

In einer Betergemeinschaft sind alle Betenden gleichberechtigt, d.h., es gibt dabei keinen besonderen Mittler zwischen Gott und den einzelnen Menschen.

In der jüdischen Frömmigkeit sind drei Gebetszeiten mehr oder weniger vorgeschrieben. Das Morgengebet (Schacharit), das Nachmittagsgebet (Mincha) und das Abendgebet (Ma‘ariw). Am Sabbat, an Feiertagen und an Halbfeiertagen wird ein Zusatzgebet nach dem Morgengebet gesprochen, das an ein zusätzliches Opfer zur Zeit des Tempels erinnern soll, das ‚einst‘ zusätzlich neben den ständigen Opferpraktiken morgens und nachmittags dargebracht wurde.

Den Kern der Gebete zu den unterschiedlichen Tageszeiten bildet das ‚Achtzehnbittengebet‘. Vor diesem Gebet wird im Morgen- und Abendgebet das „Schma Israel“ gesprochen, das wichtige jüdische Bekenntnis zur göttlichen Einheit („Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“).

Den Mittelpunkt eines Gottesdienstes am Sabbat bildet die Thoralesung, die sich dem Morgengebet anschließt. Der gesamte Text der Thora wurde in 54 Abschnitte aufgeteilt. An jedem Sabbat wird ein Abschnitt vorgelesen. Im Verlauf eines Kalenderjahres mit 52 Wochen wird der gesamte Lesezyklus durchgenommen und abgeschlossen, bevor schließlich die Lesung wieder von neuem beginnt.

Das jüdische Jahr beginnt im September mit dem Neujahrsfest (Rosh HaShanah) und endet mit dem Freudenfest der Thora (Simchat Thora).

 (mr)

 
Internet:
magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/30748396
http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesdienst
http://www.zentralratdjuden.de/de/topic/204.der-j%C3%BCdische-gottesdienst.html