Das Achtzehnbittengebet – שמנה עשרה

 

Das Judentum ist eine Religion der Tat. Das tägliche Gebet (Tefillah, תפלה) sorgt u.a. dafür, dass dies nicht vergessen wird. Religiöse jüdische Männer wie Frauen beten drei Mal am Tag. Morgens ‚Schacharit‘, nachmittags ‚Mincha‘ und abends ‚Maariw‘. Beim Gebet bedecken Juden ihren Kopf mit einer Kippa oder einer anderen Kopfbedeckung. Beim werktäglichen Morgengebet finden auch der Gebetsriemen (Tefillin) und der Gebetsmantel (Tallit) Gebrauch. Letzterer wird auch an Festtagen und am Schabbat verwendet. Die Gebete werden nach einem festgelegten Grundmuster gebetet. Dieses kann je nach Festtag oder besonderem Schabbat auch leicht variieren. Die Gebete sind im Gebetsbuch (Siddur) systematisch niedergeschrieben. Das Gebetsbuch, das an Festtagen Verwendung findet, nennt sich ‚Machsor‘. In orthodoxen und konservativen Synagogen werden die Gebete vollständig auf Hebräisch gebetet. In liberalen Synagogen hingegen werden auch mal Gebete auf der Landessprache rezitiert. Zu den Gebeten gehören Tehillim (Psalmen), das Schma Jisrael (Höre, Israel) und die Amida (das Achtzehnbittengebet, Schmone-Esre).

Das Achtzehnbittengebet ist von solch hoher Bedeutung, dass es die Mitte eines jeden Gottesdienstes bildet. Dieses Gebet wird immer stehend gebetet, daher kommt der Name ‚Amida‘, was ‚stehend‘ bedeutet. Es ist ein Hauptbestandteil aller drei Gottesdienste. Es wird auch ‚Tefilah‘ (Gebet) genannt, wodurch die Wichtigkeit des Gebetes verdeutlicht werden soll.

Dieses Gebet bestand ursprünglich aus achtzehn Lobpreisungen und Bitten, daher sein Name ‚Schmone-Esre‘. In späterer Zeit kam noch eine weitere Bitte hinzu, dabei wurde der schon populär gewordene Name des Gebets jedoch nicht mehr verändert. In der hinzugekommenen Bitte wird Gott darum gebeten Frevel verschwinden zu lassen.

Der älteste Beleg für den Text dieses Gebets stammt aus dem 9. Jhdt. n.Chr. (Seder Raw Amram Gaon). Jedoch werden bereits in der Mischna (mündliche Überlieferung der Thora, ca. 2. Jhdt. n.Chr.) die Brachot (Segenssprüche) erwähnt. Auch gibt es Quellen der Zeit des Rabban Gamaliel II (um 90-130 n.Chr.), die die Schlussredaktion dieses liturgischen Textes ca. 100 n.Chr. ansetzen. Zu berücksichtigen bleibt, dass bestimmte Teile der Amida nochmals älter zu datieren sind. Durch Vergleiche von literaturhistorischen Hinweisen mit Texten aus der frühen Epoche, kann nachgewiesen werden, dass die drei letzten Benediktionen bereits in der Makkabäerzeit (165-63 v.Chr.) anzusetzen sind.  Die Themen der Bitten waren religionsgesetzlich festgelegt, ihre Formulierungen hingegen waren frei. Die Fixierung des Gebets in den Gebetsbüchern begann im 9. Jhdt. n.Chr., jedoch ist die Amida keineswegs in den Gebetsbüchern der verschiedensten jüdischen Denominationen identisch. Auch hat das Gebet eine apologetische (verteidigende) Funktion. Die frühen Christen wurden indirekt für mitschuldig am Ende des Tempels gehalten. Das Ende des Tempels wurde als Gericht Gottes über Israel aufgrund der Kreuzigung Jesu interpretiert. So wurde um 100 n.Chr. durch die zwölfte Strophe der Amida ausgedrückt, dass ‚Ketzer‘ oder ‚Verleumder‘ vom Judentum ausgeschlossen werden.  

Der Aufbau der Amida ist im Allgemeinen wie folgt:

1. Awot ‚Erzväter‘

2. Gewurot ‚Machterweise‘

3. Keduschat ha Schem ‚Heiligung Gottes‘

4.-16. Hauptteil – Dieser bezieht sich auf konkrete Anliegen eines Tages. An Werktagen besteht der Hauptteil aus 13 Bitten für ein jüdisches Leben. Am Sabbat aus einer Bitte für einen guten Ruhetag und an Festtagen aus entsprechenden Bitten für das Fest. Im Mussafgebet (Zusatzgebet) am Shabbat und Festtagen enthält es zusätzliche Opferbestimmungen, am Neujahrsfest drei zusätzliche Abschnitte über ‚Gottes Königtum‘, ‚Gottes Erinnerung‘ und das ‚Schofarblasen‘.

17. Awoda ‚Tempeldienst‘

18. Hoda’a ‚Dank‘

19. Birkat Schalom ‚Priestersegen und Friedensbitte‘

 

Die ersten und letzten drei Bitten sind immer identisch.

Das Gebet ist sehr beeindruckend, wenn man bedenkt, dass es schon Jahrhunderte lang in den tiefsten Nöten von tausenden von Juden gebetet wurde, waren es individuelle Probleme, Qualen und Nöte oder aber auch gemeinsame, die es gemeinsam durchzustehen galt. So kann es sein, dass man eine Ahnung davon bekommt, wie heilend, ermutigend und kraftgebend dieses Gebet für das Judentum gewesen sein muss. Zugleich hat es eine sehr lange Tradition, beispielsweise kommt u.a. der Priestersegen, der einst im heiligen Tempel Jerusalems das Israelische Volk segnete, vor, auch die große Keduscha (Heiligung) Gottes durch den Chor der Engel sind darin enthalten.

Die Amida wird zunächst von der Gemeinde im Gottesdienst ca. zehn Minuten lang leise gebetet. Danach wird das Gebet vom Vorbeter wiederholt, wobei die Gemeinde während der Keduscha (3. Bitte) in einer fast ekstatisch zu nennenden Weise einstimmt und im Chor die Heiligung ausspricht und vollzieht: „Wir wollen deinen Namen in der Welt heiligen, wie man in Himmelshöhen dich heiligt!“ Auf diese Weise wurde im Laufe der Geschichte des jüdischen Volkes von hunderten und tausenden Juden in verschiedensten Lebenssituation der Name Gottes geheiligt.

Achtzehnbittengebet:
  1. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs, großer starker und furchtbarer Gott, der du beglückende Wohltaten erweisest und Eigner des Alls bist, der du der Frömmigkeit der Väter gedenkst und einen Erlöser bringst ihren Kindeskindern um deines Namens willen in Liebe. König, Helfer, Retter und Schild! Gelobt seist du, Ewiger, Schild Abrahams!
  2. Du bist mächtig in Ewigkeit, Herr, belebst die Toten, du bist stark zum Helfen. Du ernährst die Lebenden mit Gnade, belebst die Toten in großem Erbarmen, stützest die Fallenden, heilst die Kranken, befreist die Gefesselten und hältst die Treue denen, die im Staube schlafen. Wer ist wie du, Herr der Allmacht, und wer gleichet dir, König, der du tötest und belebst und Heil aufsprießen läßt. Und treu bist du, die Toten wieder zu beleben. Gelobt seist du, Ewiger, der du die Toten wieder belebst!
  3. Du bist heilig, und dein Name ist heilig, und Heilige preisen dich jeden Tag. Sela! Gelobt seist du, Ewiger, heiliger Gott!
  4. Du begnadest den Menschen mit Erkenntnis und lehrst den Menschen Einsicht, begnade uns von dir mit Erkenntnis, Einsicht und Verstand. Gelobt seist du, Ewiger, der du mit Erkenntnis begnadest!
  5. Führe uns zurück, unser Vater, zu deiner Lehre, und bringe uns, unser König, deinem Dienst nahe und laß uns in vollkommener Rückkehr zu dir zurückkehren. Gelobt seist du, Ewiger, der du an der Rückkehr Wohlgefallen hast!
  6. Verzeihe uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt, vergib uns, unser König, denn wir haben gefrevelt, denn du vergibst und verzeihst. Gelobt seist du, Ewiger, der du gnädig immer wieder verzeihst!
  7. Schaue auf unser Elend, führe unseren Streit und erlöse uns rasch um deines Namens willen, denn du bist ein starker Erlöser. Gelobt seist du, Ewiger, der du Israel erlösest!
  8. Heile uns, Ewiger, dann sind wir geheilt, hilf uns, dann ist uns geholfen, denn du bist unser Ruhm, und bringe vollkommene Heilung allen unseren Wunden, denn Gott, König, ein bewährter und barmherziger Arzt bist du. Gelobt seist du, Ewiger, der du die Kranken deines Volkes Israel heilst!
  9. Segne uns, Ewiger, unser Gott, dieses Jahr und alle Arten seines Ertrages zum Guten, gib Segen der Oberfläche der Erde, sättige uns mit deinem Gute und segne unser Jahr wie die guten Jahre. Gelobt seist du, Ewiger, der du die Jahre segnest!
  10. Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung, erhebe das Panier, unsere Verbannten zu sammeln, und sammle uns insgesamt von den vier Enden der Erde. Gelobt seist du, Ewiger, der du die Verstoßenene deines Volkes Israel sammelst!
  11. Bringe uns unsere Richter wieder wie früher und unsere Ratgeber wie ehedem, entferne uns von Seufzen und Klage, regiere über uns, Ewiger, allein in Gnade und Erbarmen und rechtfertige uns im Gericht. Gelobt seist du, Ewiger, König, der du Gerechtigkeit und Recht liebst!
  12. Den Verleumndern sei keine Hoffnung, und alle Ruchlosen mögen im Augenblick untergehen, alle mögen sie rasch ausgerottet werden, und die Trotzigen schnell entwurzle, zerschmettre, wirf nieder und demütige sie schnell in unseren Tagen. Gelobt seist du Ewiger, der du die Feinde zerbrichst und die Trotzigen demütigst!
  13. Über die Gerechten, über die Frommen, über die Ältesten deines Volkes, des Hauses Israel, über den Überrest ihrer Gelehrten, über die frommen Proselyten und über uns sei dein Erbarmen rege, Ewiger, unser Gott, gib guten Lohn allen, die auf deinen Namen in Wahrheit vertrauen, und gib unseren Anteil mit dem ihrigen zusammen in Ewigkeit, daß wir nicht zuschanden werden, denn auf dich vertrauen wir. Gelobt seist du, Ewiger, Stütze und Zuversicht der Frommen!
  14. Nach deiner Stadt Jerusalem kehre in Erbarmen zurück, wohne in ihr, wie du gesprochen, erbaue sie bald in unseren Tagen als ewigen Bau, und Davids Thron gründe schnell in ihr. Gelobt seist du, ewiger, der du Jerusalem erbaust!
  15. Den Sprößling deines Knechtes David laß rasch emporsprießen, sein Horn erhöhe durch deine Hilfe, denn auf deine Hilfe hoffen wir den ganzen Tag. Gelobt seist du, Ewiger, der das Horn der Hilfe emporsprießen läßt!
  16. Höre unsere Stimme, Ewiger, unser Gott, schone und erbarme dich über uns, nimm mit Erbarmen und Wohlgefallen unser Gebet an, denn Gott, der du Gebete und Flehen erhörst, bist du, weise uns, unser König, nicht leer von dir hinweg. Denn du erhörst das Gebet deines Volkes Israel in Erbarmen. Gelobt seist du, Ewiger, der du das Gebet erhörst!
  17. Habe Wohlgefallen, Ewiger, unser Gott, an deinem Volke Israel und ihrem Gebete, und bringe den Dienst wieder in das Heiligtum deines Hauses, und die Feueropfer Israels und ihr Gebet nimm in Liebe auf mit Wohlgefallen, und zum Wohlgefallen sei beständig der Dienst deines Volkes Israel. Und unsere Augen mögen schauen, wenn du nach Zion zurückkehrst in Erbarmen. Gelobt seist du, Ewiger, der seine Majestät nach Zion zurückbringt!
  18. Wir danken dir, denn du bist der Ewige, unser Gott und der Gott unserer Väter, immer und ewig, der Fels unseres Lebens, der Schild unseres Heils bist du von Geschlecht zu Geschlecht. Wir wollen dir danken und deinen Ruhm erzählen für unser Leben, das in deine Hand gegeben, und unsere Seelen, die dir anvertraut, und deine Wunder, die uns täglich zuteil werden, und deine Wundertaten und Wohltaten zu jeder Zeit, abend, morgens und mittags. Allgütiger, dein Erbarmen ist nie zu Ende, Allbarmherziger, deine Gnade hört nie auf, von je hoffen wir auf dich. Für alles sei dein Name gepriesen und gerühmt, unser König, beständig und immer und ewig. Alle Lebenden danken dir, Sela, und rühmen deinen Namen in Wahrheit, Gott unserer Hilfe und unseres Beistandes, Sela! Gelobt seist du, Ewiger, Allgütiger ist dein Name, und dir ist schön zu danken!
  19. Verleihe Frieden, Glück und Segen, Gunst und Gnade und Erbarmen uns und ganz Israel, deinem Volke, segne uns, unser Vater, uns alle vereint durch das Licht deines Angesichts, denn im Lichte deines Angesichtes, gabst du uns, Ewiger, unser Gott, die Lehre des Lebens und die Liebe zum Guten, Heil und Segen, Barmherzigkeit, Leben und Frieden, und gut ist es in deinen Augen, dein Volk Israel zu jeder Zeit und jeder Stunde mit deinem Frieden zu segnen. Gelobt seist du, Ewiger, der du dein Volk Israel mit Frieden segnest!

(mr)

Bibliographie:
Shalom, Ben-Chorin, Betendes Judentum. Die Liturgie des Judentums, Tübingen 1980
Shire, Michael, L’chaim! Jüdische Gebete und Segenssprüche, Berlin 2000
Jäger-Beux, Milena, Das Verständnis der Heiligung des göttlichen Namens und des Reiches Gottes in der alten jüdischen Liturgie, Bern 2009
 
Internet:
http://buber.de/cj/judaica/18bitten
http://www.hagalil.com/judentum/gebet/amida.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Achtzehnbittengebet
http://de.wikipedia.org/wiki/Gebet
http://de.wikipedia.org/wiki/Judenchristen#Abgrenzung_von_j.C3.BCdischer_Seite
http://www.youtube.com/watch?v=hycZiDJ2N0w