Bericht vom Gemeinde-Israel-Kongress im November 2013

 

Unter der Überschrift „Aus der Kraft der Wurzel die Zukunft gestalten” fand vom 7. bis 9. November 2013 in Berlin der zweite „Gemeinde-Israel-Kongress” statt. Auch Vertreter vom Institut für Israelogie waren zur Berichterstattung angereist. Damit Sie auch im Nachhinein noch von den Inhalten des Kongresses profitieren und diese auswerten können, haben wir für Sie die wichtigsten Vorträge zusammengefasst, einzelne Seminare besucht und Interviews mit den Hauptrednern geführt. (Eine Auflistung finden Sie am Ende dieses Berichts.)

Wilfried Gotter begrüßt die Teilnehmer

Am Donnerstagabend begrüßte in der Berliner Gemeinde auf dem Weg Wilfried Gotter die 1250 Besucher im Namen des „Christlichen Forums für Israel” (CFFI). Dieser Verbund von etwa 40 Organisationen, Werken und Vereinen, die sich zum Ziel gesetzt haben Israel zu stärken, das biblische Israel-Verständnis in Kirchen und Gemeinden zu fördern sowie die deutsch-israelischen Beziehungen zu festigen und zu vertiefen, hatte den Kongress als Fortsetzung des ersten Kongresses dieser Art im Jahr 2006 veranstaltet. Gotter machte es zur Tradition, jedes Mal, wenn er zur Überleitung zwischen den Programmpunkten die Bühne betrat, einen Witz zu erzählen. Für die Kongresseröffnung entschied er sich für einen Witz, mit dem er die Dringlichkeit der Einheit unter Christen unterstrich:

Auf einer Konferenz für Urchristen begegnen sich zwei Männer. Wie sich herausstellt, waren sie blind gewesen und von Jesus sehend gemacht worden. „Es ist doch großartig“, berichtet der eine, „Jesus nimmt Schlamm, legt ihn auf die blinden Augen, befiehlt sich zu waschen und dadurch verschwindet die Blindheit. Man kann nachher wirklich sehen.“ „Schlamm?“ fragt der andere verwundert. „Jesus verwendet zur Heilung von Blindheit doch keinen Schlamm! Er spricht nur ein Wort – und dann kann man sehen.“ „Natürlich verwendet Jesus Schlamm.“ „Nein, das ist ganz und gar unmöglich, er verwendet keinen Schlamm!“ „Doch, das tut er!“ „Nein, das tut er nicht!“
Die Diskussion erhitzt sich.
 „Ich weiß es doch ganz genau. Ich war blind. Jesus sprach: ‘Sei sehend’, und jetzt sehe ich.“ „Wenn Jesus bei deiner Heilung keinen Schlamm verwendet hat, dann kannst du gar nicht geheilt worden sein. Du bist immer noch blind. Du meinst nur, dass du sehen kannst. Weil du eine so grundlegende Glaubenslehre – den Schlammismus – verleugnest, will ich mit dir nichts mehr zu tun haben!“ Am Ende der Konferenz bilden sich jetzt zwei Denominationen – die Schlammisten und Anti-Schlammisten. Ihre ganze Energie ver(sch)wenden sie mit dem Versuch, sich gegenseitig zu überzeugen. Dabei vergessen sie ganz, dass um sie herum viele „Blinde“ auf Heilung warten. Schlammismus kontra Anti-Schlammismus kann leicht zum Schlamassel werden!
 

Blick in den vollen Kongresssaal

Nach diesem eher heiteren Start in den Abend betonte Gotter die wichtige Rolle, die dieser Kongress spielen solle: So erhielt das Team von CFFI im Vorhinein viele prophetische Eindrücke, die sich allesamt darum drehten, dass Gott für Deutschland und Israel einen Plan hat, dem Deutschland sich nicht verschließen solle. Die Konferenz solle uns ermahnen, die Gnadenzeit zur Buße zu nutzen.

Eindringliches Gebet in Kleingruppen

Anschließend gab Harald Eckert von Christen an der Seite Israels e.V. einen Abriss von der bewegten Gründungsgeschichte des CFFI. Als sich im August 2002 zur Zeit der zweiten Intifada über 30 Werke zusammentaten, um sich solidarisch hinter Israel zu stellen, entschied ein Großteil der Beteiligten, über diese Initiative hinaus zusammenzubleiben und ein dauerhaftes Netzwerk als gemeinsame Stimme für Israel zu gründen. Damit war das CFFI geboren. Als Meilenstein sollte nun der Kongress dazu dienen, dem Anliegen des Forums zum Durchbruch zu verhelfen. Deshalb forderte Eckert die angereisten Teilnehmer auf, den Kongress in Kleingruppen im Gebet vor Gott zu bringen, bevor zum gemeinsamen Lobpreis die Band „Breaking Silence“ die Bühne betrat.

Dr. Jürgen Bühler

Im Abendvortrag referierte Dr. Jürgen Bühler von der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem zum Thema „Das Paradoxe an Israel – Gedanken zu Römer 3“ und führte aus, wie Israel einerseits als Gottesvolk vielerlei Vorzüge habe, andererseits im Hinblick auf das Evangelium genauso bedürftig sei wie jedes andere Volk auf dieser Welt. (Hier der Bericht.) Damit ebnete er Tobias Krämer den Weg, der dieses Paradox in seinem Seminar über Römer 11,28 vertiefte (s. unten).

Der Abend wurde beschlossen von Wilfried Gotter, der mit dem Hinweis, dass die Straßen des himmlischen Jerusalems aus Gold sein sollen, dem müden, aber motivierten Publikum die Kollekte schmackhaft machte.

Benjamin Berger aus Jerusalem

Der Freitag als Hauptkongresstag kündigte sich als lang und voll an. Nach dem morgendlichen Start mit Lobpreis und Gebet in Kleingruppen lauschen die angereisten Gäste dem Hauptreferenten Benjamin Berger. Eigens aus Jerusalem angereist ermahnte der messianische Jude die Deutschen dazu, ihre besondere Rolle in der Heilsgeschichte der Juden anzuerkennen und wahrzunehmen. (Hier der Bericht und ein Interview mit Berger.)

Nach dem langen und eindringlichen Vortrag lockerte Wilfried Gotter wie gewohnt mit einem seiner Witze die Stimmung auf, bevor es nahtlos zum Podiumsgespräch überging, bei dem der Name des Kongresses konkret wurde: „Welche Relevanz hat das Israel-Anliegen für die Gemeinde?“

Hierzu wurden von Karl-Heinz-Geppert und Tobias Rink mit Tobias Krämer (Pastor und Geschäftsführer von Christen an der Seite Israels), Winfried Rudloff (Pastor der Christusgemeinde Berlin) und Michael Sawitzki (Handwerkerreisen Sächsische Israelfreunde) drei Männer interviewt, die mitten in der Praxis stehen. Wenn es darum geht, Christen für Israel zu begeistern, nehmen Israelreisen einen hohen Stellenwert ein, so der Konsens der Diskussion. Tobias Krämer betonte zusätzlich die Notwendigkeit einer guten Israel-Lehre und berichtete von dem in seiner Gemeinde einmal jährlich durchgefühten Israelgrundkurs anhand des neu erschienenen Buches „Wozu Israel“ (im April 2014 mit dem Franz-Delitzsch-Förderpreis ausgezeichnet – mehr hier.)

Die Podiumsdiskussion in vollem Gange

Winfried Rudloff aus Berlin vertrat die These: „Israel ist kein Thema, sondern das Fundament!“ Israel solle in keinen Israel-Arbeitskreis verlagert werden, sondern eine zentrale Stellung in der Gesamtgemeinde einnehmen, damit es unsere christliche Identität und unser Gottesbild grundsätzlich prägen kann. Denn für Rudloff ist Gott nicht verlässlich, wenn „das mit Israel“ nicht stimmen sollte. So werde Gottes Charakter und Wesen für uns an Israel deutlich. Krämer ergänzte, dass im Normalfall jede Bekehrung zum christlichen Glauben auch eine Verwurzelung mit sich bringe. Der Moderator Geppert warf hierzu das Beispiel von Christen in der Dritten Welt ein, die die Bibel lesen und sofort wissen wollen, ob das Land Israel heute noch existiert und man es besuchen könne. Seiner Ansicht nach „theologisieren“ sie nicht herum wie wir, ob das Thema relevant sei oder nicht.

Stand des Israel-Instituts

In Bezug auf den Beitrag der Israellehre für die verschiedenen Konfessionen waren sich alle einig, dass Unterschiede sekundär werden, sobald man sich gemeinsam für dieses Thema stark mache – wie dies auch auf dieser Konferenz erlebbar sei. Nichtsdestotrotz sprach sich Krämer gegen jede Form des geistlichen Egoismus aus, bei dem alles, was wir tun, uns nützen muss: „Vielleicht haben wir von Gott einen Auftrag an Israel, ohne dass uns das etwas bringt. Wäre das okay?“ Zuletzt plädierte Rudloff dafür, dass sich die Gemeinden und Israelwerke neu auf einem gemeinsamen Weg begeben, um die Herzen der Menschen für Israel zu berühren.

Nach der Mittagspause begann der Seminarteil: In den zwei Blöcken war bei über 20 Themen für jeden etwas dabei. Zwei Seminare haben wir für Sie besucht:

Das Foyer mit seinen zahlreichen Israel-Ständen

Nach den Seminaren herrschte im Zentrum der Berliner Gemeinde auf dem Weg reges Treiben an den zahlreichen Ständen der Israelwerke, bevor von Wladimir Pikman offiziell der Sabbat eröffnet wurde und schließlich im Abendprogramm Schwester Joela von der Evangelischen Marienschwesternschaft Darmstadt die Bühne betrat. In ihrem Vortrag machte sie auf antisemitische Tendenzen in den Evangelischen Landeskirchen aufmerksam, welche sich beispielsweise am Ausschluss messianischer Juden vom Kirchentag zeigten. Sie warnte – wie viele ihrer Vorgänger – vor der Ersatztheologie, welche die christliche Gemeinde auf einen falschen und gefährlichen Weg führe.

Schwester Joela bei ihrem Vortrag

Getroffen von diesen Worten stimmte Wilfried Gotter im Anschluss spontan das alte Kirchenlied „Geh meiner Seele auf den Grund“ an, mit dem die Konferenzteilnehmer Gott ihre Reuebereitschaft zum Ausdruck brachten. Als praktisches Zeichen der Versöhnung beteten die Leiter der Konferenz stellvertretend um Gottes Segen für alle anwesenden Juden. So ging ein langer Konferenztag voller Emotionen zu Ende. Für Nachtschwärmer gab es im Spätprogramm noch den Film „Holocaust light – gibt es nicht“ (wir berichteten) in Anwesenheit der Regisseurin Sara Atzmon sowie eine von Junge Christen für Israel gestaltete Lobpreiszeit.

Jobst Bittner

Am nächsten Tag stellte Jobst Bittner in einem von vielen Erfahrungsberichten gespickten Vortrag sein Anliegen vor, die „Decke des Schweigens“ über Deutschland aufzubrechen. Dies geschehe durch eine gründliche Aufarbeitung des Holocaust und durch Buße, welche durch „Märsche des Lebens“ zum Ausdruck gebracht werden könne. (Hier der Bericht und ein Interview mit Bittner.) An seinen prophetischen Zuspruch „70 Jahre nach der Kapitulation Deutschlands will Gott ein neues Segenskapitel aufschlagen“, knüpfte anschließend Harald Eckert an. Laut dem Vorsitzenden von Christen an der Seite Israels stehe Deutschland an einem Scheideweg und sei es Aufgabe der Christen, dass unser Land nicht wieder in den Antisemitismus verfalle. Seiner Meinung nach entscheidet sich das Schicksal jeder Nation an deren Position zu Staat und Volk Israel. (Hier der Bericht und ein Interview mit Eckert.)

Harald Eckert appelliert an sein Publikum

Mit diesem eindringlichen Aufruf, der sich wie ein roter Faden durch alle Vorträge und Programmpunkte der Konferenz zog, wurde letztere beschlossen. Spontan ergriff mit einem prophetischen Eindruck noch einmal Benjamin Berger das Wort, um Eckerts Appell zu unterstreichen. Dass der Kongress viel später als geplant endete, schien keinen der Teilnehmer zu stören, und so folgten die 1250 Anwesenden bereitwillig der Einladung des CFFI-Vorstandes, zur Bühne vorzukommen, um sich segnen zu lassen. Schließlich erwartete sie in ihrer jeweiligen Heimat eine herausfordernde Aufgabe.

Die Kongressteilnehmer strömen zum Segen nach vorne

Hier eine Übersicht der von uns verfassten Berichte und Interviews vom Gemeinde-Israel-Kongress 2013:  

Die Abschlusserklärung des Kongresses finden Sie hier: http://www.gemeinde-israel.de/uploads/media/erklaerung.pdf

 

(jp)

 
Fotos:
 
Logo, Gotter, Kongresssaal, Bühler, Berger, Podiumsdiskussion, Schwester Joela: © 2013 Gemeinde und Israel; Rest: privat