Lesenswerte Artikel zur aktuellen Lage in Nahost

 

Inmitten der aktuellen Flut von Meldungen und Bildern über die Geschehnisse in Nahost und die dadurch ausgelösten weltweiten Proteste und Reaktionen stehen wir tagaus tagein vor der großen Herausforderung, uns eine ausgewogene und sachgerechte Meinung bilden zu müssen. Deshalb möchten wir Ihnen eine Auswahl in den letzten Tagen erschienener Artikel präsentieren, die verschiedene Aspekte des Gaza-Konflikts beleuchten sowie Stellung beziehen und die wir – ohne jeweils alle Äußerungen der Autoren zu befürworten – für lesens- und nachdenkenswert halten.

Israel muss sich wehren“ – Dieter Graumann (Süddeutsche Zeitung, 16. Juli 2014)

Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland nimmt Stellung zum aktuellen Konflikt, indem er das Hamas-Regime und deren „Dschihad-Ideologie“ unter die Lupe nimmt.

Er schreibt: „Bei Raketenalarm schickt Israel die Menschen in die Bunker. Die Hamas schickt die Menschen auf die Dächer. Wie kann man diesen Unterschied nicht sehen? Im Gaza müssen die Menschen endlich befreit werden – von der Hamas, die Menschenrechte mit den Füßen tritt, Frauen diskriminiert, Homosexuelle verfolgt und politisch Andersdenkende foltert. Statt in Bildung und Zukunft zu investieren, verwendet man alles Geld für den Waffenkauf, und alle Anstrengung gilt der Gewalt.“

Somit, fordert Graumann, dürfe die Welt nicht länger die Augen davor verschließen, dass die Hamas, nicht weit von uns entfernt und unterstützt durch ein globales islamistisches Terrornetzwerk, die Werte bekämpft, die uns in unserer westlichen Welt so lieb und teuer sind: Freiheit, Toleranz, Gleichberechtigung und Demokratie.

„A letter to friends who want to understand what is happening in Gaza“ – Mordecai Finley (The Times of Israel, 18. Juli)

In diesem englischsprachigen Brief eines in den USA lebenden Juden an seine Freunde möchte Rabbi Mordecai Finley – im Übrigen Verfechter eines palästinensischen Staates – die Welt dafür sensibilisieren, wie die Hamas im aktuellen Konflikt die internationale Presse gezielt für ihre Zwecke nutzt.

Es schockiere ihn nicht, schreibt er, dass das Hamas-Regime sich einen Vernichtungskrieg mit zahllosen zivilen Opfern auf die Fahnen geschrieben hat, denn solche habe es leider – vor allem im 20. Jahrhundert – überall und immer wieder gegeben. „Die einzige Sache, die mich wirklich ärgert“, führt Finley aus, „neben der Tatsache, dass Menschen versuchen meine Familie zu töten und mein Volk auslöschen wollen, ist: Sie nutzen die Presse als eine Kriegstaktik, und Menschen fallen darauf herein.“

Im Folgenden führt der Rabbi aus, wie die Hamas sich beispielsweise über Blockaden beschwert, dennoch aber tausende riesiger Raketen ins Land einführt, wie sie diese Raketen in öffentlichen Plätzen aufbewahrt und für ihre Bevölkerung keine Bunker zur Verfügung stellt – weil sie nämlich genau wisse, wie die Presse auf die zivilen Opfer, die das Ergebnis dieser Handlungen sind, reagieren wird: oberflächlich.

 „Nein, es sind nicht beide schuld“ – Tim Huss (Linkster Blog, 22. Juli 2014)

Der Vorsitzende der Jusos Darmstadt liefert in diesem Blogeintrag wichtige, grundlegende Gedanken: Er unterscheidet zwischen Einzeltätern (wie zum Beispiel extremen Siedlern) und dem System, er grenzt „die Palästinenser“ von dem terroristischen Hamas-Regime ab, und er liefert zuletzt in einigen prägnanten Sätzen eine Augen öffnende Gegenüberstellung zwischen letztgenanntem und Israel. Beispiel: „Israel schützt seine Bevölkerung durch Abwehrraketen. Die Hamas schützt ihre Raketen durch die Bevölkerung.“

Dieser Vergleich gipfelt bei Huss in der simplen Schlussfolgerung, dass eben nicht „beide schuld sind“ und Israels aktuelle Abwehrreaktion – auch aufgrund mangelnder Alternativen – ohne Abstriche nachvollziehbar sei. Dass zudem unter dem Deckmantel einer sachlichen „Israel-Kritik“ in den letzten Tagen hierzulande sogar das Existenzrecht Israels in Frage gestellt wurde (si in diesem taz-Kommentar), verurteilt Huss in aller Schärfe: „Wer einen palästinensischen Staat für eine palästinensische Nation fordert, einen jüdischen Staat für eine jüdische Nation ablehnt, ist lupenreiner Antisemit.“

„Es gibt ja genug Gründe, uns Juden nicht zu mögen“ – Henryk M. Broder (Die Welt, 26. Juli 2014)

In diesem wie immer bissig-ironischen Kommentar Henryk M. Broders geht der jüdische Journalist der aufgrund der Vielzahl an anti-israelischen Protesten hochaktuellen Frage nach, wo denn Antisemitismus beginnt. Seine einfache Antwort: „Wer Juden etwas übel nimmt, das er Nichtjuden nicht übelnimmt, ist ein Antisemit.“

Ausgehend von dieser Definition deckt Broder den aus seiner Sicht überall versteckten Antisemitismus in unserer deutschen Gesellschaft auf und bedauert die Tatsache, dass nach dem Holocaust keine judenfeindliche Äußerung mehr als gefährlich eingestuft werde, solange sie nicht dem Massenmord der Shoa gleich komme. Broder schreibt in Bezug auf die Ermorderung von vier Juden im Jahr 2012 in Toulouse: „Die Messlatte liegt bei sechs Millionen. Nur vor diesem Hintergrund stellen vier tote Juden keine neue Dimension eines Antisemitismus in Europa dar.“

Daraus folge, dass heute Raketen aus Gaza als „Feuerwerkskörper“ verharmlost und Hamas-Kämpfer als bemitleidenswerte Opfer beschrieben werden, die sich nur nach Frieden und Freiheit sehnten. Broder formuliert scharf: „Man wünscht sich fast, einer dieser Feuerwerkskörper möge dort landen, wo solche Sätze geschrieben werden, nur um zu sehen, wie gelassen die Fachleute für angewandte Pyrotechnik darauf reagieren. Oder was sie machen würden, wenn sich plötzlich im Vorgarten ein Loch im Boden auftäte, aus dem Hamas-Vertreter in voller Kampfmontur auftauchen. Würden sie schreiend davonlaufen oder den Gästen Kaffee und Kuchen anbieten, wissend, dass es Menschen sind, die ‚wie Maulwürfe Tunnel in Nachbarländer graben, um manchmal für ein paar Tage oder Stunden Freiheit zu schnuppern‘, wie ein deutscher Politiker auf seiner Facebook-Seite bloggte, der ‚die Hölle auf Erden‘ über einen der Tunnel betreten hatte.“

(jp)