„Töte zuerst“ – ein Film von Israelis für Israelis

 

Am 5. und 6. März 2013 zeigten arte und ARD den oscarnominierten Film „Töte zuerst“ von Dror Moreh. Eine Wiederholung im Morgenprogramm wird am Dienstag, den 16. April 2013, um 9:40 Uhr, auf arte ausgestrahlt.

Dror Morehs Film ruft in Deutschland ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Für die einen ist er die Bestätigung ihrer Sicht auf Israel, bei anderen hinterlässt er Verwirrung, warum die früheren Shin BetChefs so über ihr Land sprechen, wie ein Kommentar zu Ulrich W. Sahms Artikel auf israelnetz.com zeigt.

Der deutsche Titel „Töte zuerst“ des vom NDR und arte koproduzierten Films, trägt dazu einen erheblichen Teil bei. Er steht in keiner Beziehung zu dem hebräischen Original „Hüter der Schwelle“ [»Schomrei ha-Saf (שומרי הסף)«]. Jörg Taszman von Deutschlandradio Kultur nennt ihn somit zu Recht „polemisch und reißerisch“, da „dieser [der] offenen Message des Films […] nicht gerecht“ wird. Der deutsche Titel ist dem unvollständig zitierten Satz aus dem Talmud „Wenn jemand kommt, dich zu töten, steh auf, und töte ihn zuerst“ entnommen, wie Sahm mit Verweis auf Andrea Lauser von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Freiburg feststellt. Der Satz findet sich im Film jedoch nur in einer Bemerkung des ehemalige Shin Bet Chef Avi Dichter und stellt keineswegs seine Hauptaussage dar.

Um den Film zu verstehen, hilft es, nach der Motivation des Regisseurs Dror Moreh für die Dreharbeiten zu fragen. In zahlreichen Interviews hat er dazu Stellung genommen. Gegenüber Estee Chandler von Mondoweiss nennt er folgendes Anliegen: „Das Hauptziel war es, etwas zu schaffen, was die Art und Weise, wie Israelis die Realität sehen, verändert. Eine Geschichte zu erzählen, die sie vielleicht kennen, aber von einem anderen Standpunkt“ [eigene Übersetzung aus dem Englischen]. Sein Film soll die aktuelle israelische Politik und ganz besonders den israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kritisieren, wie in vielen Interviews deutlich wird. Er sei der schlechteste Ministerpräsident in Israels Geschichte und der größte Fehler, äußert sich Moreh gegenüber Chandler und kann nicht verstehen, weshalb die israelische Bevölkerung ihn erneut wählte.

Die Idee zu seinem Film hat ihren Ursprung in den Dreharbeiten zu Morehs Film „Sharon“ über den früheren Ministerpräsidenten Ariel Sharon. Laut FAZ und ARD kam sie Moreh, als dieser hörte, dass ein Interview mit vier ehemaligen Geheimdienstchefs Ariel Sharons Entscheidung beeinflusste, sich aus dem Gazastreifen zurück zu ziehen. Da wurde ihm klar, welches Potential Aussagen der Geheimdienstchefs hatten. Politikern traue niemand, ihnen könne man leicht widersprechen, „aber diesen sechs: unmöglich!“ (FAZ).

Sie waren die richtigen Protagonisten für die Botschaft, mit der Moreh der israelischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten wollte. „Ich wusste schon vor den Dreharbeiten durch viele Gespräche, wo sie politisch standen, was sie dachten“, äußerte sich Moreh im FAZ-Interview. Ein Risiko musste er somit nicht eingehen.

Ja’akov Peri bringt es in dem Film selbst auf den Punkt: „Wenn du aus dem Dienst ausscheidest, stehst du politisch ein wenig links.“ Drei der sechs interviewten Geheimdienstchefs sind heute auch in der Politik aktiv: Ami Ayalon in der Arbeiterpartei Avodah, Ja’akov Peri in Jesh Atid sowie Avi Dichter in der Partei Kadima. Alle drei Parteien setzen sich für eine Zwei-Staaten-Lösung ein. Ami Ayalon hatte schon die Interviews, die auf Sharon eine große Wirkung hatten, angeregt. Aus diesem Grund wandte sich Dror Moreh mit seiner Filmidee zunächst an Ayalon, welcher dann die anderen Shin Bet – Chefs zur Kooperation anregte, wie Moreh im FAZ-Interview berichtet.

„Dror Moreh hat nun mit seinen sechs Protagonisten Männer versammelt, die aus ähnlichem Holz geschnitzt sind, wie es Rabin war und die aus ihrer Verehrung für ihn keinen Hehl machen“, schreibt Dominik Peters für zenithonline.de. Und genau darum geht es in Morehs Film: Um einen Aufruf zur Weiterführung der Politik Yitzchak Rabins und zur Umsetzung einer Zwei-Staaten-Lösung. Rabin war für sie der einzige Politiker, der im Nahost-Konflikt nicht nur kurzfristige Taktiken nutzte, sondern eine langfristige Strategie hatte. Er setzte sich für den Rückzug aus den palästinensischen Autonomiegebieten ein und hoffte damit  dauerhaften Frieden erreichen zu können.

Zenithonline.de zitiert den stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Mosche Yaalon mit Kritik für Moreh. Dieser sei einseitig vorgegangen und habe Aussagen so gewählt, dass sie zu seiner Sichtweise passen, welche nach Yaalon eine palästinensische Perspektive ist.

Gerade weil man laut Dror Moreh den kriegs- und geheimdiensterfahrenen Männern keinen linken Idealismus vorwerfen könne, schienen sie die geeigneten Kommunikatoren für seine Botschaft: Der Konflikt hätte schon vor langem beendet werden können und sollen. Und da sie die aktuelle Politik als Stillstand wahrnehmen und ihre Parteien wenig politischen Einfluss haben, erklärten sich die ehemaligen Shin Bet – Chefs zu den Interviews bereit.

Avraham Shalom kritisierte Moreh nach dessen Angaben sogar im Anschluss an die israelische Premiere mit den Worten „Du hättest härter zu den Politikern sein sollen!“ Gemeint sind damit die Politiker im Kabinett Benjamin Netanjahus. In Morehs Film wird zudem deutlich, wie frustriert die Shin Bet – Chefs mit den politischen Führern waren und ihnen häufig Fehler und Versagen bei gescheiterten Operationen oder hohen Opferzahlen vorwarfen.

So wollen der Regisseur und die interviewten Geheimdienstchefs eine grundlegende politische Veränderung in Israel mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln bewirken. Und da dies auf dem politischen Weg derzeit nicht realisierbar scheint, ist es die Absicht, die Bevölkerung mit dem Film für eine Zwei-Staaten-Lösung zu gewinnen, auch wenn die von ihnen gewählten politischen Vertreter diese ablehnen. Ein ähnliches Anliegen brachte der US-Präsident Barak Obama am 21. März 2013 in Jerusalem vor.

In Deutschland herrscht jedoch eine ganz andere Haltung gegenüber der israelischen Nahost-Politik vor, als es in der israelischen Bevölkerung oder Israels Parlament gegenwärtig der Fall ist. Gerade aus dem politisch linken Spektrum wird die Politik Israels stark und häufig undifferenziert kritisiert.

Gisela Dachs beschäftigt sich in einer Publikation für die Bundeszentrale für politische Bildung auch mit den Differenzen in der politischen Perspektive und findet einen wichtigen Schlüssel (S.113): Die unterschiedlichen Lehren aus der Vergangenheit, welche beide Seiten verbindet. „Denn wo die Deutschen ‚Nie wieder Krieg‘ rufen, heißt es bei den Israelis: ‚Nie wieder schwach sein’“. So fällt der Aufruf von Morehs Film, die mit der gegenwärtigen Situation und ihren Sicherheitsproblemen einhergehende gewaltsamen Praktiken des israelischen Geheimdienstes zu beenden, in Deutschland vielfach auf offene Ohren. In Israel wird jedoch viel stärker auch die nach dem Rückzug aus Gaza 2005 verstärkte Gewalt der islamistischen Hamas thematisiert, die durch fortdauernden Raketenbeschuss und Selbstmordattentate viele Menschenleben in Israel forderte und die Menschen im Süden Israels traumatisiert. „Jenen, die fern von Israel leben und den israelischen Geheimdienst wohl für eine Verbrecherorganisation halten, liefert der Film eine billige Bestätigung für Israel als Staat, der vermeintlich palästinensischen Terror provoziert und selber Schuld am mangelnden Frieden und den eigenen Toten trägt“, schreibt Ulrich W. Sahm für israelnetz.com.

Kaum beachtet wird in den Interviews mit Dror Moreh hingegen, dass ein zweiter Film aus dem Nahen Osten, mit ähnlicher Thematik, ebenfalls eine Oscarnominierung für die beste Dokumentation erhielt: Der Film „5 Broken Cameras“ [dt. „5 zerbrochene Kameras“]. Obwohl der Film eine Koproduktion des Palästinensers Emad Burnat und des Israelis Guy Davidi ist und durch israelische und europäische Filmförderungen finanziert wurde, wie die Jerusalem Post berichtet, zeigt er ausschließlich die palästinensische Perspektive des Konflikts.

Die Idee für die subjektive Perspektive mit Emad Burnat als Protagonist und Kameramann und dem Fokus auf die stark emotionalisierenden Reaktionen seiner Frau und Kinder stammte zudem von dem Israeli Davidi. Beide bemühten sich jedoch nach der ablehnenden Haltung arabischer Vertreter, den Film als ein palästinensisches Produkt darzustellen, um den Boykott durch Israelgegner zu verhindern.Bedauerlicherweise wird nichts davon in den Interviews mit Dror Moreh erwähnt.

Doch Morehs Film und jener von Burnat/Davidi eignen sich gut, um einen weiteren Aspekt zu verdeutlichen, welcher dem internationalen Publikum die Rezeption von „Töte zuerst“ erschwert. Während es den palästinensischen Filmemachern an einer möglichst nachdrücklichen und emotionalen Kommunikation der palästinensischen Sicht auf den Konflikt gelegen ist, die auf internationale Sympathie und Unterstützung zielt, nutzen israelische Filmemacher das Medium, um die israelische Politik kritisch zu reflektieren. Sie fordern ihre Mitbürger sowie die internationale Staatengemeinschaft auf, nachdrücklich eine politische Veränderung herbeizuführen.

Gerade die Stärke der Israelis, sich selbst und ihre Politik zu reflektieren, bleibt jedoch in allen Interviews und Artikeln über den Film unerwähnt. Auch der Wunsch von Palästinensern, einen ähnlich kritischen Film über ihre politischen Führer zu produzieren, findet sich nur im Interview mit Deutschlandradio. Moreh antwortet auf die Frage, ob er sich auch vorstellen könne, einen Film über Führer der Hamas zu drehen: „Nein, aber das ist eine gute Frage. Alle Palästinenser, die den Film gesehen haben und auf mich zukamen, sagten immer zuerst: ‚Wir wünschten, jemand könnte einen ähnlichen Film in unserer Gesellschaft drehen. Das würde leider niemals passieren.‘ Ich schaue in meinem Film auf meine Gesellschaft, die israelische. Damit lenke ich keine Sekunde von der Verantwortung oder dem Mangel an Verantwortung der palästinensischen Führung ab. Sie sind mitverantwortlich für das Scheitern des Friedensprozesses und für die heutige Situation.“

Doch ohne weitere Hintergrundinformationen bleibt der Film Morehs für ein deutsches Publikum schwer verständlich.

„Dass hochrangige Vertreter des Sicherheitsapparats nach ihrer Pensionierung in die Politik gehen, ist in Israel ebenso normal wie die Tatsache, dass sie sich dann offen an kontrovers geführten Diskussionen beteiligen. Typisch israelisch an diesem Film ist, dass hohe Vertreter des Sicherheitsapparats vor laufender Kamera ihr Versagen und moralische Bedenken im Blick auf ihren Beruf breit treten. Selbstkritik ist der erste Schritt zur Verbesserung der eigenen Fähigkeiten, Selbstgefälligkeit der erste Schritt in Richtung Abstieg. Das weiß jeder Sicherheitsprofi“ resümiert Johannes Gerloff auf israelnetz.com.

Es ist wichtig, diese Charakteristika der öffentlichen Debatten in Israel zu bedenken, wenn man sich mit dem Film „Töte zuerst“ beschäftigt. Dieser ist ein israelischer Film, der für ein israelisches Publikum entstanden ist, um konkrete politische Veränderungen in Israel hervorzurufen. Der Israeli Chemi Shalev drückt dies für die Tageszeitung Haaretz wie folgt aus:

„Hüter der Schwelle [engl. „The Gatekeepers“] ist ein sehr israelischer Film. Es ist ein Film von Israelis, für Israelis, über Israelis […] er ist nach wie vor wesensmäßig und ausschliesslich israelisch“ [eigene Übersetzung aus dem Englischen].

  Quellen:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/2030228/

http://www.israelnetz.com/kultur/detailansicht/aktuell/alte-kamellen-aufgewaermt-toete-zuerst-von-dror-moreh/#.UWW4MDdnArU

http://www.israelnetz.com/kultur/detailansicht/aktuell/ausser-spesen-nichts-gewesen/#.UWXMujdnArU

http://www.zenithonline.de/deutsch/kultur/film-theater//artikel/eine-botschaft-mit-der-wucht-einer-beretta-003585/

http://mondoweiss.net/2013/01/occupation-interview-gatekeepers.html

http://www.haaretz.com/blogs/west-of-eden/the-gatekeepers-is-a-harsh-portrayal-of-life-outside-the-ghetto-of-self-denial.premium-1.501277

http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/ndr/toete-zuerst-notizen-von-regisseur-dror-moreh-100.html

http://www.jpost.com/Opinion/Columnists/Article.aspx?id=305550