Jüdische Parolen im Stadion: Kann Antisemitismus unterhaltsam sein?

 

Sieht man sich im Stadion ein Fußballspiel von Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspur an, kommt es nicht selten vor, dass einem Gesänge über „Superjuden“ zu Ohren kommen, die israelische Flagge die Publikumsränge ziert oder einem Fans mit tätowiertem Davidsstern und einer Kippa begegnen, die sie vor dem Spiel im Stadion erworben haben. Anhänger von Tottenham bezeichnen sich als „Yid Army“ und ihre Spieler nach brillianten Spielzügen als „Yiddo“ – und das alles, obwohl es sich bei keinem der Vereine um einen ausgeprägt jüdischen handelt und besagte Fans keinerlei Bezug zu Israel oder dem Judentum aufweisen können.

Dieses – zumindest in der Fußballwelt – altbekannte Phänomen steht wieder im Rampenlicht, seitdem am Sonntag ein Tottenham-Fan festgenommen wurde, weil er sich als einer von vielen anderen selbst mit dem Begriff „Yid“ bezeichnet hatte.

Wer diese Fan-Bräuche und die damit verbundene Dramatik verstehen möchte, muss in die Geschichte der beiden Vereine zurückblicken, denn obwohl weder Ajax noch Tottenham über eine besonders hohe Anzahl an jüdischen Spielern oder Fans verfügen, verbinden vor allem ihre Anhänger das Judentum und seine Symbolik eng mit der Identität ihrer Clubs, wie Hendrick Buchheister jüngst für Spiegel Online recherchierte:

In Amsterdam waren seit dem 17. Jahrhundert relativ viele Juden angesiedelt, so dass die niederländische Stadt vor dem 2. Weltkrieg als „Jerusalem des Westens“ galt. Von den etwa 80.000 jüdischen Einwohnern waren viele Ajax-Fans, das bis 1996 benutzt Stadion de Meer lag im von Juden bewohnten Ostteil der Stadt und so führte die Straßenbahn die Fans der Gastmannschaften oft durch die jüdischen Viertel und ließ viele zum ersten Mal einen Juden zu Gesicht bekommen. Auch war der Slang Amsterdams von zahlreichen jiddischen Begriffe gespickt. Dazu wies der Verein nach dem Krieg einige Identifikationsfiguren wie die Präsidenten Jaap van Prag und Uri Coronel und die Spieler Bennie Muller und Sjaak Swaart auf, die Juden waren.

Dies alles trug zur individuellen Prägung des Vereins bei, die jedoch mit Solidarität gegenüber Israel und dem Judentum nur wenig gemein hat – wie Hans Koop, der Sprecher einer Stiftung, die sich gegen Antisemitismus im niederländischen Fußball einsetzt, zum Ausdruck bringt: „90 Prozent der Ajax-Fans wissen gar nicht, wo Israel liegt. Wenn sie ‚Juden! Juden!‘ oder ‚Superjuden!‘ rufen, geht es ihnen darum, ihr Team anzufeuern – um nichts anderes.“

Dass diese jüdischen Parolen ab den siebziger Jahren antisemitische Äußerungen hervorriefen, verstärkte nur den Stolz der Fans, so dass vor allem die Hooligan-Vereinigung F-Side das jüdische Image von nun an demonstrativ aufnahm und propagierte. Es entstand eine Art Teufelskreis, der bisweilen beängstigende Züge annimmt. So stimmte ein Spieler von ADO Den Haag 2011 nach einem unverhofft gegen Ajax gewonnenen Spiel bei internen Feierlichkeiten das Lied „Wir gehen jetzt auf Judenjagd“ an, das sich schnell seinen Weg in die Netzwelt bahnte. Der „Lex“ genannte Publikumsliebling Alexander Immers wurde daraufhin für vier Spiele gesperrt und musste einmailg auf ein Zehntel seines Gehalts verzichten. Das jedoch scheint die Gegner des Vereins nicht von Szenen abzuhalten, wie sie Moritz Herrmann im Online-Fußballmagazin 11 Freunde beschreibt:

„Die Auswärtsfahrten des Vereins werden begleitet von vielstimmigem Zischen der gegnerischen Fans in Anlehnung an die Gasduschen der Konzentrationslager, von Gesängen wie ‚Adolf, hier laufen noch elf, wenn du sie nicht vergast, tun wir es selbst‘ oder, am weitesten verbreitet, ‚Hamas, Hamas, Juden ins Gas‘. Oft wogt der gegnerische Fanblock im Kollektiv auf und nieder, dazu blökt es, wer nicht hüpfe, sei ein Jude. Ich kann nicht beschreiben, was in solchen Momenten in mir vorgeht‘, rang auch Uri Coronel kürzlich um Fassung. Der Vorsitzende von Ajax Amsterdam, dessen Eltern den Holocaust überlebten, hatte sich beim Auswärtsspiel in Rotterdam einen Weg durch hunderte, zum Hitlergruß gereckte Arme bahnen müssen.“

Die Fans von Tottenham Hotspur im Norden Londons, wo sich seit dem späten 19. Jahrhundert viele Juden ansiedelten, haben eine ähnliche Entwicklung hinter sich. Der Club war durch seine Lage an der White Hart Lane von seiner Gründung 1882 an stets von einer ausgeprägt jüdischen Fankultur gekennzeichnet – weil er einen besseren Ruf hatte als West Ham United und Arsenal London und zudem vom East End mit dem Zug besser zu erreichen war als das näher gelegene Stadion von West Ham. Auch hier kam es im Zuge einer größeren Gewalt- und Rassismuskrise des englischen Fußballs ab den siebziger Jahren zu antisemitischen Ausbrüchen und so machten sich auch die Fans der „Spurs“ die jüdische Identität zu eigen: Sie nannten sich die „Yid Army“ und nutzten damit einen – wie das Wort „Nigger“ – als diffamierend geltenden Ausdruck mit einer wenig ruhmreichen Geschichte: Die British Union of Fascists (BUF) von Oswald Mosley, eine faschistische Partei aus dem England der dreißiger Jahre, machte damals mit „Down with the Yids“- Rufen und -Schmierereien die Straßen des Londoner East Ends unsicher.

Eben in dieser gewagten Wortwahl besteht der Unterschied zu den Fans des niederländischen Spitzenclubs. Der englische Fußballverband warnte deswegen Anfang September die Tottenham-Anhänger vor einer weiteren Benutzung des besagten Schimpfwortes. Diese stelle eine Straftat mit zu erwartenden rechtlichen Konsequenzen dar – selbst wenn Fans damit nur sich selbst antisemitisch beleidigten.

Doch die englischen Fans wollen sich nichts verbieten lassen und so schallte es an den darauffolgenden Spielen ein „We sing what we want“ durch die Ränge. Für sie handelt es sich nicht um Antisemitismus, sondern um Stolz auf die Identität ihres Vereins. In der Tat stellt sich die Frage, inwieweit es möglich sein wird, eine gesamte Fan-Kultur umzupolen und mit diesem Vorgehen auf Verständnis zu hoffen.

Auf der einen Seite gibt es, wie Kit Holen am Mittwoch für Zeit Online kommentierte, einen Unterschied zwischen dem Spurs-Fan, der sich „Yiddo“ nennt, und dem West-Ham-Anhänger, der „Hitler kommt, er sucht nach dir“ schreit. Sind antisemitische Äußerungen auch dann antisemitisch, wenn derjenige, aus dessen Mund sie kommen, damit keine Judenfeindschaft verbindet, sondern sie im Gegenteil mit Stolz auf sich selbst bezieht? Befürworter dieser Argumentation haben Premierminister David Cameron auf ihrer Seite, der zu der Problematik verlauten ließ: „Es gibt einen Unterschied zwischen dem Begriff als Selbstbezeichnung von Spurs-Fans und dem als Beleidigung. Hassrede ist strafbar, aber nur, wenn sie von Hass motiviert wird.“

Auf der anderen Seite steht die bizarre Tatsache, dass die meisten Ajax- sowie Tottenham-Fans keinerlei Verbindung zur jüdischen Gemeinschaft aufweisen können und somit die sensible Geschichte des jüdischen Volkes leichtfertig für eigene Zwecke benutzen. Zeit Online zitiert einen jüdischen Tottenham-Fan mit den Worten: „Für mich gibt es keine Verbindung zwischen meiner Identität als Spurs-Fan und meiner Identität als Jude. Unsere Fans haben nicht das Recht, den Begriff für sich zu beanspruchen.“ Seiner Ansicht nach ist sich der Großteil der Stadionbesucher nicht bewusst, dass es um Rasse geht. Vielmehr handelt es sich um ein „Rollenbild, die sich verselbstständigt hat“ und dem jede Grundlage fehlt, so Moritz Herrmann.

Und genau hier liegt die Schwierigkeit bzw. eine gefährliche Unvorsichtigkeit. Denn das Problem sind nicht in erster Linie die enthusiastischen Fans und ihre grenzwertigen Wortwahl an sich, sondern die Reaktion, die letztere provoziert. Die immer wiederkehrende Betonung einer jüdischen Schein-Identiät führt zu Gegenparolen, die eben diese auf- und angreift und Antisemitismus vom Feinsten bietet. Im Stadion ein „Kommt, wir gehen auf Judenjagd“ anzustimmen ist eine eindeutige Grenzüberschreitung – egal, ob man damit Juden oder „nur“ vom Judentum weit entfernte Fußballspieler im Sinn hat. Deshalb ist das Argument „Wenn der Philosemitismus aufhört, hört auch der Antisemitismus auf“ ein bedenkenswertes, vor allem wenn es sich beim proklamierten Philosemitismus der Fans um einen in keiner Hinsicht ernst gemeinten handelt.

Sobald offenkundige antisemitische Äußerungen, Gesänge und Verhaltensweisen das sichtbare Ergebnis einer unreflektierten und plakativen jüdischen (Schein-)Identität werden, ist es an der Zeit, den Schutz von Minderheiten über die zu Unterhaltungszwecken dienenden Traditionen zu stellen und das, was Woche für Woche in den Stadien passiert, nicht länger zu bagatellisieren. So herausfordernd und langwierig dieser Prozess auch sein mag.

(jp)

  Quellen:
http://www.11freunde.de/artikel/zur-juedischen-symbolik-bei-ajax-amsterdam
http://www.spiegel.de/sport/fussball/juedische-identitaet-bei-tottenham-hotspur-und-ajax-amsterdam-a-925333.html
http://www.zeit.de/sport/2013-10/tottenham-hotspur-schimpfwort-yid
http://www.thejc.com/news/uk-news/111511/david-cameron-yid-not-hate-speech-when-it%E2%80%99s-spurs
http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/verliert-die-yid-army-ihren-namen-1.18157979