Israel aus der Sicht junger messianischer Juden I

 

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin – 16. November 2012

Einen Einblick in die Lebenswelt eines jungen in Deutschland lebenden messianischen Juden gaben im Rahmen ihrer Workshops zwei Referenten am Nachmittag als auch am Abend, beide im Dienst an ihrem jüdischen Volk tätig.

Der erste Referent aus Heidelberg erzählte, wie er von Gott die Berufung erhielt, in seiner Stadt einen messianischen Gottesdienst zu beginnen: Gestartet zu dritt oder viert haben sie heute – nach einem halben Jahr – schon 30 Besucher. Er selbst und seine Frau entschieden sich damals bewusst für eine Ausrichtung und Öffnung des Gottesdienstes für Nicht-Juden, nachdem der junge messianische Leiter in der Heidelberger Universität eine Muslimin traf, die großes Interesse am Judentum gezeigt hatte.

Viel mehr erzählte er von seinem Leben und zu der großen Frage, mit der die Workshopteilnehmer (zumindest wir) gekommen waren: Wie lebt es sich als junger Jude in Deutschland? Wie ist die Spannung zwischen der postmodernen Lebenswelt der jungen deutschen Generation und den konservativen messianisch-jüdischen Sitten und Gebräuchen auszuhalten? Hat er nicht-jüdische Freunde oder bleiben auch junge messianische Juden der Einfachheit halber lieber unter sich?

Was stattdessen folgte, war ein Plädoyer für Israel und ein Aufruf an die Zuhörer, das Land vermehrt zu unterstützen – ob es wirklich das ist, was die bereits so israelfreundlichen Anwesenden ein weiteres Mal hören müssen?!

Zunächst legte der junge Mann also dar, wie unglaublich die gesamte Geschichte seines Volkes anmutet – vielleicht um zu unterstreichen, wie wenig verwunderlich es ist, dass heute die erwartete Erfüllung der Landesverheißung belächelt wird.

Der Referent erzählte die Geschichte eines jüdischen Jungen, dem in der Sonntagsschule die Geschichte vom Auszug aus Ägypten vermittelt wird. Als ihn seine Mutter fragt, was er denn gelernt habe, erzählt er ihr, wie das jüdische Volk aus der Sklaverei floh, die ägyptische Armee sie verfolgte, Moses irgendwann zu seinem Handy griff und die israelische Luftwaffe anrief, die die Ägypter postwendend bombardierte und so in die Flucht schlug. Als die Mutter erstaunt nachfragt, ob ihm das wirklich so gesagt wurde, erwidert der Junge: „Wenn ich dir erzählt hätte, was sie uns wirklich gesagt haben, würdest du es sowieso nicht glauben!“ Nun sei die gesamte jüdische Geschichte so „unglaublich“ verlaufen. Doch wenn wir an den biblischen Gott glauben, sollten wir dann kein Interesse an dieser seiner Geschichte haben? Damit sprach er einen wunden Punkt vieler christlicher Gemeinden an: Wenn wir schon per se keine besondere Affinität zu Israel besitzen, sollten wir dann nicht wenigstens in Erwägung ziehen, uns genauer mit der alttestamentlichen Geschichte zu beschäftigen, weil wir dadurch etwas über unseren Gott erfahren könnten?!

Es folgte eine Darstellung der medialen Verdrehung der Ereignisse in Nahost: So hätten Muslime – heimlich – vom Jerusalemer Tempelplatz viele archäologische Beweise für eine jüdische Existenz vernichtet, damit kein Anspruch auf diesen erhoben werden kann. Auch informierte der Referent über den vorgeschriebenen Ablauf der israelischen Kriegsberichterstattung: Wenn es auf der Seite Israels Verletzte gibt, habe sich das Land verpflichtet, vor jeder Meldung zunächst die Angehörigen persönlich zu informieren, damit diese nicht durch die Medien davon erfahren. Deshalb sitze Israel am kürzeren Hebel, weil von ihm zu beklagende Todesfälle und Verletzte viel zu spät an die Öffentlichkeit gelangen, wenn Zuschauer sich bereits ein Urteil gebildet haben. Ein bedenkenswerter Punkt, der weiter zu untersuchen wäre.

Immer wieder erlebt er zudem, wie Menschen in Deutschland Israel diskreditieren, z.B. indem zum Boykott der Besatzungsmacht Israel aufrufende Handzettel verteilt würden. Dabei habe Gott ihm gezeigt, dass solche Menschen verblendet seien, das Gespräch mit ihnen nutzlos, solange Jeschua sie nicht befreie. Das ist ein Satz, der auf der Konferenz häufig fällt: Man muss Jesus kennen lernen, um von der Bedeutung Israels überzeugt zu werden. Leider impliziert diese verabsolutierende Aussage zu schnell die gefährliche Aussage, dass Christen, denen das (politische) Israel kein Herzensanliegen ist, Jesus nicht kennen.

Zum Schluss und als Hauptteil folgten biblische Ausführungen, die an den Vortrag Uschomirskis anknüpften – leider fehlte weiterhin der Bezug zum Thema des Workshops. Der Referent betete, bevor er die Bibel, das heißt, das Alte Testament, aufschlug. Anhand von Genesis 16 (Hagar und Ismael) und Hiob 39,5-8 (die Unergründbarkeit Gottes) erläuterte er, dass die Nachkommenschaft Ismaels nicht nur auf die Beduinen, sondern auch auf die arabische Bevölkerung übertragbar sei. Weitere, auch außerbiblische Beweise nannte er dafür nicht. Der messianische Jude erinnerte diesbezüglich aber an Gottes Zusage, Ismael zu segnen und zu einem großen Volk zu machen. Wie bei der Beerdigung Abrahams seine beiden Söhne zusammenkommen (Genesis 25,9), werde dies auch der Fall sein, wenn Gott sich als Friedefürst offenbart und so die Nationen zusammenbringt: Kedar und Nebajot, zwei Nachkommen Ismaels, werden in Jesaja 60,7 konkret genannt. Noch werde Israel jedoch vom Teufel angegriffen, der es zu vernichten und Gottes Geschichte in eine andere Richtung zu lenken sucht – dies zeige laut dem Referenten auch die sich ausbreitende moralische Sünde im Land.

Kleingruppen im großen Saal

Kleingruppen im großen Saal

So soll sich jeder der Anwesenden von Jesus fragen lassen, wer sein Nächster sei. „Der Nächste“, so schließt er, „ist immer der in Not geratene. Kann es also sein, dass Israel unser Nächster ist?!“ Damit beendete er seinen Vortrag früher als geplant, damit die Teilnehmer noch in Kleingruppen für Israel beten können.

(jp)

Fotos: © privat