Evangelischer Kirchentag: Toleranz ist, was du draus machst

 

Wie bereits in den Jahren zuvor ist Menschen jüdischer Abstammung, die an Jesus Christus glauben – also von uns als Christen bezeichnet würden, sich selbst aber „messianische Juden“ nennen – die aktive Beteiligung am Deutschen Evangelischen Kirchentag, der vom 1. bis 5. Mai in Hamburg stattfinden wird, untersagt worden.

Bereits 2012 hatte das jüdisch-messianische Werk Beit Sar Shalom Interesse bekundet, mit einem Stand auf dem Markt der Möglichkeiten und der Messe im Markt vertreten zu sein, sowie sich beim Abend der Begegnung, einem großen Straßenfest zum Auftakt des Kirchentages, und mit musikalischen Beiträgen bei der Kirchenmusik zu beteiligen.

Doch obwohl der Evangeliumsdienst zu den mit der Evangelischen Allianz verbundenen Werken gehört, somit auf deren Glaubensbasis arbeitet und mit deren Hauptvorstand und den örtlichen Allianzkreisen zusammenarbeitet, wurde seine Teilnahme nicht zugelassen.

Grund sei, wie die Kirchentagsgenerealsekretärin Ellen Ueberschär gegenüber dem Nachrichtendienst idea erläuterte, dass nur dialogorientiere Organisationen zugelassen würden. Zudem lehne der Rat der EKD in Übereinstimmung mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland jede Judenmission aus theologischen und historischen Gründen ab. Tatsächlich bekundet Beit Sar Shalom schon auf seiner Startseite offen: „Unser Ziel ist, den Juden und allen anderen Jeschua (Jesus), den Messias, bekannt zu machen, damit alle Menschen Seine Liebe erfahren und Ihn preisen.“ Diese Position der EKD geht auf das Jahr 1999 zurück, als dem Evangeliumsdienst für Israel (edi) durch einen Beschluss des Kirchentagspräsidiums die Teilnahme am damaligen Kirchentag verwehrt und festgelegt wurde, dass jüdisch-messianische Einrichtungen und Werke grundsätzlich dort nicht auftreten dürften.

Dennoch hatten die besagten Organisationen immer wieder versucht, sich konstruktiv bei den Kirchentagen einbringen zu dürfen, und konnten sogar 2010 einen Erfolg verzeichnen: Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München wurde ihnen dank einer Initiative der bayrischen Landessynode eine Veranstaltungsreihe unter dem Thema „Juden, die an Jesus glauben – zwischen Kirche und Synagoge“ zugestanden, bei dem sie ihr Anliegen vorstellen konnten. In diesem Rahmen setzt sich Theo Sundermeier, Missionswissenschaftler aus Heidelberg, für die minoritäre Gruppe ein: „Es gehe nicht an, dass die Kirchen aus falsch verstandener Rücksicht gegenüber den traditionellen jüdischen Gemeinden den Kontakt mit diesen Glaubensgeschwistern mieden.“

Was messianische Juden von ihren christlichen Glaubensgeschwistern unterscheidet, ist lediglich ihre Abstammung sowie das Festhalten an ihren Traditionen. Das missionarische Anliegen aber ist kein Erkennungszeichen nur dieser Bewegung, sondern wird von vielen auf dem Kirchentag vertretenen Werken ebenso betont. Zu Recht wird außerdem erwidert, dass die Apostel Petrus und Paulus nicht weit gekommen wären, wenn ihnen die Mission unter ihren jüdischen Geschwistern verboten gewiesen wäre.

Der Ausschluss der messianischen Juden vom Hamburger Kirchentag ist vor allem aus zwei Gründen zu bedauern. Erstens beraubt sich die Kirche, die als eine jüdisch-messianische Bewegung um den jüdischen Messias Jesus begann, damit ihrem eigenen Erbe und löst ihren Erlöser aus seinem historischen Kontext heraus. Zweitens erscheint ihr eigenes Plädoyer für Toleranz insofern unglaubwürdig, als viele Vertreter anderer Religionen, zum Beispiel aus dem Buddhismus und dem Islam, in deren Heimatländern Christen zum Teil grausam verfolgt werden, zugelassen sind.

Dennoch sollte man die Entscheidung nicht vorschnell mit Antisemitismus gleichsetzen, da sie möglicherweise viel eher zu erklären ist mit einer Empfindlichkeit bezüglich der deutschen Vergangenheit und der Angst vor missionarisch-fundamentalistischen Vorstößen auf dem Hamburger Großereignis. Doch ist diese Angst, was Beit Sar Shalom betrifft, sicherlich unbegründet – vorausgesetzt, man ist bereit zu tolerieren, dass Menschen sich und ihre Glaubensüberzeugungen einladend vorstellen. Denn nicht mehr und nicht weniger tut das Werk um Wladimir Pikman, der im Informationsbrief vom vergangenen Monat unabhängig von dieser Thematik schrieb: „Gleichzeitig sind unsere guten Taten nicht ,eine für Juden trügerische Verpackung‘ des Evangeliums (…). Gutes zu tun ist unser Lebensstil. Wir tun es nicht, um das Evangeliums zu bringen, sondern weil es ein Teil des Evangeliums ist.“

In dem Vorwort zu Joy Davidmans Buch „Smoke on the Mountain“ schrieb C. S. Lewis mit frappierender Simplizität: „In gewisser Weise ist der bekehrte Jude der einzig normale Mensch auf der Welt. Ihm wurden die Verheißungen zuerst gemacht, und er hat davon Gebrauch gemacht.“ (Eigene Übersetzung) Schade, dass somit den vielen interessierten Kirchentagsbesuchern das Kennenlernen dieser ihrer besonderen Geschwister im Glauben vorenthalten wird.

Lesen Sie hier, was Lutz Scheufler, der bis zu seiner Kündigung durch das sächsische Landeskirchenamt zum 31. März diesen Jahres in der Evangelischen Kirche als Evangelist tätig war, 2011 ironisch zum Auschluss der messianischen Juden vom Kirchentag in Dresden schrieb. Wenn auch sein direkter Bezug zum nationalsozialistischen Antisemitismus zu gewagt scheint, trifft er mit seinem imaginären Brief an den Apostel Paulus doch so manchen wunden Punkt: http://www.israelogie.de/2011/kommentar-zum-kirchentag-lieber-apostel-paulus/

 (jp)

Fotos: Israelkonferenz: © privat; Lutz Scheufler: © ostwind-musik.de (Foto: kairospress)   Quellen: http://www.idea.de/detail/thema-des-tages/artikel/kirchentag-jesusglaeubige-juden-unerwuenscht.html http://www.beitsarshalom.org/bsse-cms/index.php/de/ http://www.kirchentag.de/dabei-sein/mitwirken.html http://www.ead.de/die-allianz/werke-und-einrichtungen/verbundene-werke.html http://www.ead.de/die-allianz/werke-und-einrichtungen/die-evangelische-allianz-und-ihre-werke.html http://www.muenchen-evangelisch.de/alle_veranstaltungen.html?ID=1692453 http://jerusalemimpulse.wordpress.com/2012/09/03/die-judisch-messianische-frage-ist-durch-den-kommenden-kirchentag-in-hamburg-2013-neu-angestossen-worden/ http://www.worldinvisible.com/library/davidman/smoke/smoke.p.htm