Deutsch-israelische Beziehungen – Horst Stresow

 

Deutsch-israelische Beziehungen – Horst Stresow

 Jüdisch-messianische Israelkonferenz Berlin

15. November 2012

 

In seiner Vorstellung bezeichnet Wladimir Pikman ihn als „einen der ersten Nicht-Juden, den man nicht mehr von einem Juden unterscheiden kann“: Horst Stresow, geboren 1928 in Pommern, hat als kleiner Junge den Nationalsozialismus miterlebt und die Synagogen brennen sehen, und wenn er heute eine Kippa trägt, spürt man ihm ab, dass er es ernst meint. Seit 1996 ist der heute 84-Jährige bei Beit Sar Shalom aktiv und hat als Deutscher ein großes Anliegen für Israel und die deutsch-israelischen Beziehungen, die Thema seines Vortrages sind.

Die Kardinalfrage, so beginnt Stresow, die Deutschland sich aufgrund seiner Vergangenheit stellen müsse, sei die folgende: Hat sich seine Beziehung zu Israel grundlegend verändert? Denn schlussendlich ginge es mit Genesis 12,3 („Ich will segnen, die dich segnen“) dabei um das Wohl unserer eigenen Nation. Deshalb wünscht sich Stresow, diese Israelkonferenz würde mit der Überschrift „Land, Land, höre des Herrn Wort“ in die ganze Republik ausgestrahlt. Er gliedert seinen Vortrag in vier Punkte, wovon er dem ersten die meiste Zeit widmet.

1. Der historische Werdegang Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg

Stresow zufolge prägt der Holocaust bis heute die komplizierte und vielschichtige Beziehung zwischen Deutschland und Israel – mit dem israelischen Schriftsteller Amos Oz betont er, dass ein „normales“ Verhältnis beider Staaten immer unangemessen bleiben werde. Anschließend skizziert der „nicht-jüdische Jude“ die Geschichte dieser Beziehung:

Das erste Treffen nach dem 2. Weltkrieg fand im März 1960 in New York statt – es ist der erste Schritt eines langen Weges der materiellen und finanziellen Unterstützung, den David Ben Gurion und Konrad Adenauer gemeinsam betreten. Bereits 1952 hatte Adenauer ein Wiedergutmachungsabkommen (das so genannte „Luxemburger Abkommen“) über 3,85 Milliarden DM mit Israel geschlossen. Proteste gegen diese Annäherung gab es auf beiden Seiten sowie die Frage, ob eine Wiedergutmachung durch Geld überhaupt notwendig sei. Im Mai 1965 werden die diplomatischen Beziehungen beider Länder schließlich offiziell aufgenommen und Botschafter entsandt: Rolf Friedemann Pauls nach Jerusalem und Asher Ben Natan nach Bonn.

Daraus entstanden rege Kontakte bis heute, von denen Stresow besonders die Bedeutung von Patenschaften und Schüleraustausch hervorhebt, denn „nichts verbindet mehr als das persönliche Kennenlernen von Land, Kultur und Menschen“. Inzwischen hätten Deutsche mehr Kontakte mit Israel als mit jedem anderen Land auf der Welt – eine ermutigende These, für welche einige Belege wünschenswert gewesen wären.

Horst Stresow führt weiter aus, dass diese Länderpartnerschaft sich auf die Bereiche Kunst und Kultur ausstreckt – hier erwähnt er die zentrale Bedeutung Berlins, z. B. durch sein jüdisches Museum und die Berlinale, bei der 2008 sechs israelische Filme ausgezeichnet wurden, sowie die wertvolle Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung -, auf Wissenschaft und Forschung sowie den Handel – sei doch Deutschland nach den USA Israels wichtigster Partner, was man an den zahlreichen dort hergestellten technischen Produkte sehen könne.

Die immer besser werdende Beziehung erklärt Stresow nun sowohl mit der Geschichte, als auch mit der engen Verbindung zwischen Judentum und Christentum sowie den europäischen Wurzeln des Zionismus (dazu mehr bei Jurek Schulz) – wobei dem hinzuzufügen ist, dass nur das erstgenannte Element in besonderer Weise auf Deutschland zutrifft.

2. Die deutsch-israelische Beziehung aus israelischer Sicht

„Nur wenn Deutsche und Israelis begreifen, dass ein wichtiger Teil ihrer so wichtigen Identitäten in jenen zwölf Jahren der Nazi-Zeit gegründet sind, gibt es Hoffnung auf gesunde Normalität in den Beziehungen“, so äußerte sich ein Israeli gegenüber Stresow im Jahre 2005. Leider bleibt offen, was genau damit gemeint ist und ob (siehe das oben genannte Zitat von Oz) von Normalität die Rede sein kann, wenn man gleichzeitig aufgefordert ist, sich die historische Tragödie der Shoa stets vor Augen zu halten. Ein anderer Jude beschrieb dem 84-jährigen Deutschen gegenüber das deutsch-israelische Verhältnis als „belastet, aber belastbar“ – kurz und treffend.

Mit Ezer Weizmann, dem israelischen Präsidenten von 1993 bis 2000, wundert sich Horst Stresow über die unbegreifliche Tatsache, dass Juden nach dem Holocaust immer noch in Deutschland wohnen wollen. Seien doch „Nazismus“ und „Shoa“ bis heute die ersten Wörter, an die Israelis denken, wenn von Deutschland die Rede ist – egal, ob sie persönlich betroffen sind oder nicht. Sicherlich, das könnte man ergänzend hinzufügen, ginge dies vielen Deutschen ähnlich, wenn sie das Wort „Jude“ hören. Wobei zu fragen ist, ob heute Deutsche mit Israel nicht auch schnell den Nahostkonflikt verbinden und so die Gegenwart die Vergangenheit langsam mit ihrer Relevanz verdrängt. Es ist dementsprechend für die nahe Zukunft zu hoffen, dass Israelis auch die deutsche – immer noch grundsätzlich pro-israelische – Rolle im nahöstlichen Friedensprozess als für Deutschland kennzeichnend erleben.

Auch wenn es in Israel immer noch junge wie alte „Totalverweigerer“ gebe, sei der Umgang mit Deutschland heute – ungeachtet der oben genannten Assoziationen – doch relativ entspannt und von Offenheit und Herzlichkeit geprägt, so Stresow weiter.

3. Die religiöse Situation

Vermutlich wegen zeitbedingter Kürzungen erwähnt Stresow zu der religiösen Situation (Israels? Deutschlands? Der israelisch-deutschen Beziehungen? Sein Titel wird nicht weiter erläutert) nur, dass viele christliche Werke Israel durch die Vermittlung von Freundschaften, Reisen, materielle Hilfen uvm. Unterstützung leisten, und listet exemplarisch die bei der Israelkonferenz anwesenden Organisationen auf, darunter due Sächsischen Israelfreunde, der Evangeliumsdienst für Israel, die Brücke Berlin-Jerusalem, die Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel und die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem.

4. Persönliche Bemerkungen

Zuletzt gibt Stresow einen Einblick in seine Perspektive auf das deutsch-israelische Verhältnis, hebt aber besondere die deutsche Lage im Hinblick auf den Antisemitismus hervor: „Ist der Judenhass aus unserem Land verschwunden? Das muss leider verneint werden.“ Als Beispiel erzählt er, wie antisemitische Aussagen in einem deutschen Fliegerclub zum Alltag gehören und wie eine ihm bekannte messianische Familie durch Mobbing, Einbrüche und antisemitische Parolen aus dem Land geekelt werde. Es sei ein Wunder, „dass Gott uns wieder mit so vielen Juden segnet“ und wir müssten uns unserer diesbezüglichen Verantwortung bewusst werden.

Horst Stresow berichtet zum Schluss von der ersten Taufe messianischer Juden im Jahre 1996 in einer Berliner Baptistengemeinde: Für ihn war dies ein historisches Ereignis, der Beginn einer Erweckung unter deutschen Juden. Und die heutige Konferenz zeige, dass Gott Akzente setzt – damit bringt er zum Ausdruck, dass für ihn das jüdische Volk Grundlage wie Maßstab für Gottes Handeln ist. Es sei ein „Licht, das auf dem Berge steht und nicht verborgen kann“ – mit dieser nicht ganz nachvollziehbaren Allegorie aus Mt 5,14 beendet Stresow seinen Vortrag, der den Zuhörern Grund zur Freude, aber auch Grund zur Besorgnis gab.

Einen ausführlichen und informativen Artikel zu den deutsch-israelischen Beziehungen finden Sie bei der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/izpb/25044/40-jahre-deutsch-israelische-beziehungen?p=all

(jp)