Aufruf zum Israelboykott im Züricher Hauptbahnhof

 

Anlässlich des 65. Jahrestages des Staates Israel am 14. Mai, hat sich auch der Hauptbahnhof in Zürich an einer Aktion beteiligt: Dabei werden die 65 Jahre der Existenz des Staates Israel in „65 Jahre Unrecht an den Palästinensern“ umgedeutet und wird in großen Buchstaben proklamiert: „Israel verletzt täglich das Völkerrecht und die Menschenrechte der Palästinenser!“ Darunter werden simplistisch namenlose Juden in Großbritannien zitiert, die eine einladende Legitimation aussprechen: „Es ist koscher, israelische Güter zu boykottieren!“

Verantwortlich für diese „Werbekampagne“ ist die Schweizer Ethnologin und Soziologin Verena Tobler (Jg. 1944), auf Internetblogs aufgrund entsprechener Artikel in der Vergangenheit als „Taliban-Versteherin“ bezeichnet, die bereits eine ähnliche Plakataktion im Jahr 2009 initiiert hatte. Sie habe den Slogan gewählt, weil er von Juden selbst stamme, und wenn selbst diese schon israelkritisch eingestellt sind…

Protest ist insofern zwecklos, als ein Sprecher der Schweizer Bundesbahnen (SBB) verlauten ließ, dass diese nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes verpflichtet seien, solche Plakate im Namen der Meinungsfreiheit aufzuhängen. Vor vier Jahren wurde der entsprechende Aushang nach drei Tagen wieder entfernt, was im Nachhinein allerdings als unrechtmäßig beurteilt wurde.

„Sehr geschmackvoll, am Ende eines Gleises Juden zu diffamieren“, wertete die Facebookseite „Freundschaft Deutschland – Israel“ mit einem ironischen Unterton. Andere weisen auf die gefährliche Ähnlichkeit zu nationasozialistischen Propagandaaufrufen wie „Kauft nicht bei den Juden“ hin.

Auf unsachgemäße und vereinfachende Vergleiche sollte trotz aller berechtigten Kritik aber verzichtet und das Problem in seiner Komplexität betrachtet werden. Noch wird der Boykottaufrauf in den meisten Fällen nicht auf sämtliche jüdische Geschäfte im In- und Ausland ausgeweitet, sondern auf israelische Produkte aus dem Land selbst.

Warum, so die militanten Kritiker, sollte man ein Land wirtschaftlich unterstützen, dass Menschenrechtsverletzungen nicht nur duldet, sondern auch täglich praktiziert?! Hier kann auf UN-Sanktionen verwiesen werden, die im Falle von beispielsweise China einer ähnlichen Logik folgen.

Doch gibt es hier große Unterschiede, da die Lage im Nahen Osten so einfach und einseitig leider nicht ist. Yigal Caspi, israelischer Botschaft in der Schweiz, erläuterte gegenüber dem Wochenmagazin Tachles: „Bisher zielten Boykottaufrufe auf die Siedlungen in den umstrittenen Gebieten westlich des Jordans, aber dieses Plakat ruft zum Totalboykott Israels auf – als wäre Israel verantwortlich für sämtliche Probleme im Nahen Osten.“

Einseitige Schuldzuweisungen, die die schwierige Lage Israels ignorieren, sind im Falle des Nahostkonflikts fehl am Platze. Auch ist die Frage, inwiefern die aktuelle israelische Regierung die Meinung aller in Israel lebenden Juden repräsentiert, von denen immer mehr – vor allem die weitesgehend links-liberale intellektuelle Elite – der Siedlungspolitik ablehnend gegenüberstehen. Auch diese Menschen sowie in Israel lebende und am Exporthandel beteiligte Araber trifft aber letztendlich der Boykott.

Eine weitere an die Initiatoren der Boykottaufrufe zu stellende Frage ist die der Verhältnismäßigkeit. Ja, dass Israel im Westjordanland Menschenrechtsverletzungen begeht, ist nur schwer zu leugnen. Aber wie sind diese zu bewerten im Vergleich zu denen anderer Staaten wie China, dem Iran, Syrien oder Russland? Bis heute haben die USA trotz internationaler Proteste Guantanamo noch nicht geschlossen, obwohl dort Verdächtige ohne Prozess festgehalten wurden –  ähnliches wird Israel gegenüber den Palästinenser vorgeworfen. Deshalb erscheint ein wirtschaftlicher Boykott von Ländern, deren Politik tadelnswert ist, nur dann kohärent, wenn auf Doppelmoral verzichtet und überall der gleiche Maßstab angesetzt wird.

Im Falle des akademischen Boykotts von Professor Stephen Hawking, der seine Teilnahme an der diesjährigen Presidential Conference in Jerusalem aus ähnlichen Gründen zurückgezogen hatte, weist der Journalist Carlo Strenger in einem offenen Brief an Dr. Hawking zu Recht daraufhin, dass unsere Welt leider ein „chaotischer, schwieriger Ort“ ist und man das perfekte Land vergebens suchen müsse. Er zitiert den Autor Ian McEwan, der auf die Kritik seiner Entscheidung, 2011 in Israel den Jerusalem-Preis für Literatur entgegenzunehmen, erwiderte: „Wenn ich nur Länder bereisen würde, mit deren Politik ich übereinstimme, würde ich mein Bett wahrscheinlich nie verlassen.“

Carlo Stenger schreibt weiter – Worte, die sicherlich auch im Falle des Züricher Hauptbahnhofes zutreffen:

„Wie können Sie und Ihre Kollegen, die sich für einen akademischen Boykott Israels aussprechen, Ihren doppelten Standard rechtfertigen, indem Sie sich nur Israel herauspicken? Sie leugnen ganz einfach, dass Israel den größten Teil seiner Geschichte unter existentieller Bedrohung stand und steht. Bis heute ruft die Hamas, eine der beiden großen Parteien in Palästina, zur Vernichtung Israels auf, und ihre Charta bedient sich abscheulichster antisemitischer Sprache. Bis heute vergeht kaum eine Woche, während der der Iran und sein Vasale, die Hisbollah, nicht drohen, Israel zu vernichten, obwohl sie keinen konkreten Konflikt mit Israel haben.

Sich Israel für einen akademischen Boykott herauszupicken, ist, glaube ich, ein Fall von schwerwiegender Heuchelei. Es bedeutet, ein wenig Dampf über die Ungerechtigkeiten in der Welt abzulassen, wo es nicht allzu viel kostet. Ich warte immer noch auf den britischen Intellektuellen, der sagt, er würde nicht mit US-amerikanischen Institutionen kooperieren, solange Guantanamo besteht, so lange die USA ihre Politik der gezielten Tötungen fortsetzen.“

So ist die demagogische und auf einem Schwarz-Weiß-Denken beruhende Plakataktion zu verurteilen. Sie macht es sich zu leicht und ist einer reellen Lösung der Probleme im Nahen Osten in keinster Weise förderlich.

(jp)

  Quellen:
http://www.tachles.ch/israelkritisches-plakat-im-hauptbahnhof
http://www.hagalil.com/archiv/2013/05/12/israelboykott/
http://www.hagalil.com/archiv/2013/05/12/hawking-2/