Online-Sammlung über jüdisches Schrifttum

 

Eine einzigartige und bis vor kurzem noch unbekannte Sammlung jüdischen Schrifttums war in den letzten Monaten im Landesmuseum Zürich zu sehen: Die „Braginsky Collection“ umfasst Schriftrollen und Bibelausgaben, Gebetsbücher und Gesetzestexte, kabbalistische Abhandlungen und wissenschaftliche Literatur bis hin zu jüdischen Hochzeitsverträgen. Die Dokumente stammen aus der Zeit vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit und zogen seit dem 25. November 2012 mehr als hunderttausend Menschen nach Zürich. Bei dem Fundus handelt es sich um die Privatsammlung des Schweizer Finanzinvestors René Braginsky, der jahrzehntelang hunderte illustrierte hebräische Manuskripte aus aller Welt ausfindig machte. Vor zwei Jahren wurden diese in der Bibliotheca Rosenthaliana (Amsterdam) zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seitdem war die Ausstellung bereits in New York und Jerusalem und kehrte nun in Braginskys Heimat Zürich zurück.

Die Highlights der Sammlung können in einem virtuellen Rundgang auf Englisch oder Hebräisch auch online betrachtet werden. Sie ist dort unterteilt in die Themenbereiche „Manuskripte und gedruckte Bücher“, „Hochzeitsverträge“ und „Esther-Schriftrollen“:

Zur ersten Gruppe gehört beispielsweise das wertvollste sowie imposanteste Stück der Kollektion, die mehrtausendseitige Abschrift der Mischna Tora von Moses Maimonides (1135/38 – 1204). Der jüdische Philosoph des Mittelalters gilt als einer der bedeutendsten jüdischen Rechtsgelehrten aller Zeiten. Ein wichtiger Teil der Sammlung stellen weiterhin die kunstvoll illustrierten Ausgaben der „Pessach Haggada“ dar, die Erzählungen und Lieder zu Feier des jüdischen Passafestes enthalten und dank der Wein- und Ölflecken von ihrem regen Gebrauch zeugen. Eines der prächtigen und goldverzierten Dokumente entstand möglicherweise im Auftrag der bekannten jüdischen Rothschild-Familie.

Die historischen „Ketubot“ (Hochzeitsverträge) sammelte René Braginsky in vielfachen Ausfertigungen. In ihnen wurden die Rechte und das Eigentum der Braut sowie die Pflichten des Bräutigams festgehalten und bei der Eheschließeung öffentlich verlesen. Auch diese großformatigen Pergamente sind zum Teil farbenreich und aufwendig verziert, zum Beispiel mit Bildern der Stadt Jerusalem oder biblischer Persönlichkeiten, deren Namen die Eheleute trugen. Etliche Exponate zeugen damit von einem überraschend freien Umgang mit dem im Judentum tief verankerten Bilderverbot aus den Zehn Geboten. Interessant ist auch der zunächst unscheinbare wirkende Hochzeitsvertrag aus Gibraltar (ca. 1830), der nicht eine Ehe zwischen Frau und Mann, sondern die Vermählung des Volkes Israel mit der Thora thematisiert, die der Überlieferung zufolge am 6. Siwan 2448 (1313 v. Chr.) am Berg Sinai beschlossen wurde und bis heute anhält.

Zuletzt fanden sich im Züricher Museum und nun online mehr als zwanzig Schriftrollen („Megillot“), die die biblische Geschichte von Esther, der jüdischen Ehefrau des persischen Königs Ahasveros, enthalten. Da in dem Bericht der Name Gottes nicht erwähnt wird, durften für seine Abschrift auch Frauen als Schreiberinnen tätig sein, wie die früheste Megilla der Sammlung von der Venezianerin Stellina aus dem Jahre 1564 bezeugt.

Jedem, der sich für Kunst im Allgemeinen und im Besonderen für das Judentum, seine Geschichte und Schriftkultur interessiert, sei ein Besuch auf der ansprechend und illustrativ gestalteten Seite der Online-Sammlung empfohlen: http://www.braginskycollection.com/

(jp)

Quellen: http://www.evangelisch.de/themen/religion/die-schrift-als-sch%C3%B6nste-aller-sch%C3%B6pfungen58557 http://www.schoeneseiten.landesmuseum.ch/ausstellung.html