Umbruch für Ultraorthodoxe: Militärdienst statt Talmudstudium

 

So etwas gibt es nur in Israel. Der Oberste Gerichtshof zitiert den biblischen Moses, um ein Urteil zu begründen: „Sollen eure Brüder in den Krieg ziehen, während ihr selbst hier bleibt?“ Mit dieser Aussage aus Numeri 32,6 stellten sich sechs der neun Richter Israels schon im Februar diesen Jahres mit dem Vorwurf der Verfassungswidrigkeit gegen eine Freistellung der Ultraorthodoxen von der Armee.

Dieser Entscheidung liegen eine lange Geschichte und eifrigste Diskussionen voraus. Bislang waren seit 1948 ultraorthodoxe Juden durch das sogennante „Tal-Gesetz“ vom Militärdienst befreit, um sich ganz dem Torah-Studium zu widmen. Dazu besuchen sie Jeschivas, Talmud-Schulen, zum Teil ihr ganzes Leben lang, wofür sie ein Stipendium vom Staat erhalten.

Der Wehrdienst hindere sie insofern daran, ihren Glauben rechtmäßig auszuüben, als es beispielsweise keine strikte Geschlechtertrennung gebe und der Sabbat nicht immer und ihren Vorstellungen entsprechend eingehalten werde.

Zur Zeiten der Staatsgründung Israels handelte es sich bei dieser Befreiung nur um ein paar hundert Fälle pro Jahr, doch ist diese Zahl aufgrund der hohen Geburtenrate der Ultraorthodoxen rasant auf mehrere Zehntausend angestiegen, heute sind es etwa 13 % der wehrpflichtigen Bevölkerung. Die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Ausnahmeregelung sowie der damit zusammenhängenden Tatsache, dass viele strenggläubige Juden keinem „weltlichen“ Beruf nachgehen und auf Sozialhilfe angewiesen sind, sind allen ersichtlich.

Dementsprechend groß ist die Wut seitens einem Großteil der israelischen Bürger über diese Ungerechtigkeit – verständlich in einem Land, in dem sich der Militärdienst auf ganze drei Jahre beläuft und in dem auch Frauen einberufen werden (allerdings „nur“ für zwei Jahre). In sich mehrenden Demonstrationen forderten zahlreiche Israels deshalb diesen Sommer eine universelle Wehrpflicht. Viele drückten aus, sie wollten nicht als „Freierim“ in der Armee dienen – Menschen, die sich Ungerechtigkeiten gefallen lassen.

Nach dem Gerichtsurteil vom Februar musste nun das Tal-Gesetz angepasst werden – eine große Herausforderung vor der die Regierungskoalition um Premierminister Netanjahu stand, zumal 16 der 66 Koalitionsmitglieder einer der zwei strenggläubigen Parteien (Schas und Vereinigtes Thora-Judentum = UTJ) angehören. Mit der Aussage „Wir sind alle Bürger desselben Staates und wir müssen alle die Last des Wehrdienstes tragen“ hatte Netanjahu dann im Juli den Beschluss verkündet, von nun an alle in die Armee einzuberufen – neben ultraorthodoxen Juden also auch israelische Araber. Allerdings handelt es sich zunächst um eine Übergangslösung und soll nach den Neuwahlen im Januar ein neues Gesetz erarbeitet werden.

Jetzt sind die Musterungsbescheide unterwegs und werden etwa 15.000 strenggläubige Juden zwischen 17 und 19 in den nächsten Wochen erreichen. Wie es weitergeht und wie viele der Ultraorthodoxen tatsächlich in der Armee landen, wird sich zeigen.

Gesichert ist jedenfalls jetzt schon, dass die betreffenden Juden mit Rücksicht auf ihre religiösen Überzeugungen behandelt und so beispielsweise nur von männlichem Personal betreut werden.

Dass sich Armee und Religion in Einklang bringen lassen, zeigen zudem die zwei speziellen Einheiten, die es bei den israelischen Streitkräften gibt und in denen mehrere tausend strengreligiöse Männer bereits dienen: das Bataillon Netzah Yehuda, das vor allem im Westjordanland aktiv ist, sowie die dem Technologie- und Logistiksegment der Luftwaffe angehörige Gruppe Shahar.

Lipa Schmeltzer, ein orthodoxer Rapstar aus New York, der auch der „jüdische Elvis“ oder die „Lady Gaga der chassidischen Musik“ genannt wird, nahm die umstrittene Gesetzesneuregelung und die damit verbundenen Streitigkeiten zum Anlass für ein neues Lied. In seinem Videoclip „Mizrach“ (= „Osten“) behandelt der chassidische Sänger, der 2008 zu den 50 einflussreichsten Juden zählte, das heikle Thema auf humorvolle Art, indem er mit Soldaten der Netzah Yehuda – Bataillon in der Jerusalmer Fußgängerzone tanzt. Er greift das jüdische Gebet für die Rückkehr aller Juden aus Osten und Westen, Norden und Süden auf und wirbt so für Einheit zwischen säkularen und ultraorthodoxen Juden.

 

(jp)

Quellen:

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-02/israel-armeedienst-ultraorthodox

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-07/wehrpflicht-israel-orthodeoxe

http://www.botschaftisrael.de/2012/07/05/dienst-bei-den-israelischen-verteidigungskraften-auf-ultra-orthodoxe-art/#more-6049

http://www.jpost.com/Defense/Article.aspx?ID=276213&R=R1

http://www.israelnetz.com/innenpolitik/detailansicht/aktuell/15000-ultraorthodoxe-erhalten-musterungsbescheide-vom-militaer/#.UH_A9IX8o7A

http://israelheute.com/Nachrichten/tabid/179/nid/24982/Default.aspx

http://israelheute.com/Nachrichten/tabid/179/nid/24653/Default.aspx